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Wasserserie

TVoller Leben - aber in Gefahr: Die Gewässer im Landkreis Stade

Der Stader Angler und Naturschützer Bernd Unglaub liebt den Horstsee - und sorgt sich um ihn und andere Gewässer.

Der Stader Angler und Naturschützer Bernd Unglaub liebt den Horstsee - und sorgt sich um ihn und andere Gewässer. Foto: Richter

Im Herbst ist der Horstsee wunderschön: Wildgänse schreien, Bäume mit buntem Laub spiegeln sich im Wasser, unter dessen glitzernder Oberfläche viele Arten leben. Doch Angler und Forscher im Kreis Stade sind in Sorge.

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Von Anping Richter
Dienstag, 21.10.2025, 19:20 Uhr

Landkreis. „Früher gab es hier viele Aale“, erzählt Jens Brauer und blickt über den Horstsee. Über den Abfluss in die Schwinge wanderten die jungen Glasaale ein. So heißen Aale im Jugendstadium, wenn sie zart, durchscheinend und nur wenige Zentimeter lang sind. „Wir haben als Kinder damit gespielt“, sagt Brauer. Der Gewässerwart des Stader Anglervereins weiß noch, wie sich die wimmelnden Glasaale anfühlten.

Glasaale: Früher wimmelte es im Horstsee von ihnen. Heute müssen sie importiert werden - wie diese, die aus französischen Flussmündungen am Atlantik stammen und zum Besatz eingekauft werden.

Glasaale: Früher wimmelte es im Horstsee von ihnen. Heute müssen sie importiert werden - wie diese, die aus französischen Flussmündungen am Atlantik stammen und zum Besatz eingekauft werden. Foto: Soeren Stache/dpa

Winzige Aale auf Weltreise in den Horstsee

Die kleinen Glasaale hatten eine Weltreise hinter sich: Als Larven schlüpfen alle europäischen Aale in der Sargassosee, einem Meeresgebiet im Atlantik östlich von Florida. Mit ihrem winzigen Körper, der wie ein Weidenblatt aus­sieht, schwimmen sie Tausende Kilometer mit der Strömung, bis sie zu dem Ort kommen, wo sie aufwachsen und den größten Teil ihres Lebens verbringen wollen. Im Horstsee zum Beispiel.

Bernd Unglaub weiß, wie sie den richtigen Ort finden: „Aale haben einen viel höher entwickelten Geruchssinn als Hunde. Die riechen Nahrung auf weite Entfernung.“ Das funktioniere auch bei seinen Ködern - Tauwürmer oder Mistwürmer. Vor zehn Jahren habe er in einer Saison von Mai bis Oktober 156 Aale gefangen, natürlich nicht nur im Horstsee.

Vor Stadersand erwischte er ein Weibchen, das fast so dick wie sein Unterarm war, gut einen Meter lang und sehr stark: „Die hätte mir fast die Angel geklaut.“ Beim Aalfang gilt eine Mindestgröße von 45 Zentimeter. Doch Unglaub setzt sehr kräftige Exemplare auch zurück: „Die haben eine Chance, es zurück in die Sargassosee zu schaffen und sich fortzupflanzen.“

Das Geheimnis der Aale ist bis heute ungelöst

Bis heute konnte noch nie jemand in der Natur beobachten, wie Aale sich paaren oder schlüpfen. Es könnte sein, dass sie aussterben, bevor das Geheimnis gelüftet wird.

Seit 2008 steht der Europäische Aal auf der internationalen Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“. Dafür, dass es in seinen Gewässern trotzdem noch Aale gibt, sorgt der Stader Anglerverein. „Wir sind Kochtopf-Angler“, sagt Dieter Karrasch. Das Naturerlebnis sei aber mindestens genauso wichtig, ergänzen Jens Brauer und Bernd Unglaub.

Dieter Karrasch am Horstsee.

Dieter Karrasch am Horstsee. Foto: Richter

Der Anglerverein ist als Naturschutzorganisation anerkannt. 200 bis 300 Stunden pro Jahr seien sie dafür im Einsatz. Zum Beispiel beim Aalbesatz, der von der EU bezuschusst wird. Dafür kaufen die Stader in Frankreich Glasaale und setzen sie in ihrem Revier aus. Deshalb dürfen sie dort auch Aale angeln. Aber nicht in der Elbe, wo für Freizeitfischer ein Fangverbot gilt.

Große Welse bevölkern den Horstsee in Stade

Ein Teichhuhn schwimmt vorbei. „Die hatten ein gutes Jahr“, berichtet Jens Brauer. Die Enten weniger, was mit den Welsen zu tun haben könnte. Welse? Im Horstsee? Solche wie der, den die bayerische Polizei im Juni erschoss, weil er fünf Badegäste gebissen hatte?

Die Angler nicken ungerührt. „Vor ein paar Jahren hat eines unserer Vereinsmitglieder hier im Horstsee einen Wels gefangen. Er war 1,70 Meter groß“, berichtet Jens Brauer. In der Oste sei sogar einer von mehr als zwei Metern Länge gesichtet worden. So ein Wels könne 100 Kilo wiegen, weshalb sie darauf verzichten, solche Exemplare aus dem Wasser zu holen. Die Welse haben sie selbst angesiedelt, um den Bestand zu regulieren. „Weißfische gab es deutlich zu viel. Dann kippt ein See leicht um“, erklärt Brauer.

Jens Brauer, Gewässerwart des Stader Anglervereins.

Jens Brauer, Gewässerwart des Stader Anglervereins. Foto: Richter

Enten sollten damit eigentlich nicht eingedämmt werden. Sie helfen Fischen bei der Fortpflanzung - zum Beispiel dem Flussbarsch, der an Wasserpflanzen laicht. Die Enten nehmen die befruchteten Eier in ihrem Gefieder mit. Oft landen sie dann in einem ganz anderen Gewässer. Per Luftpost sozusagen.

Artenschutz: Alles hängt mit allem zusammen

Die Unterwasservegetation ist allerdings zurückgegangen. Für Haftlaicher wie die Flussbarsche sei das ein Problem, sagt Bernd Unglaub. Die Diplombiologin Gabriele Stiller, die Unterhaltungsverbände im Landkreis Stade berät, gibt ihm recht: Es gibt 60 bis 80 echte Wasserpflanzenarten. Doch wenn sie an Gewässern wie Schwinge und Lühe Modellabschnitte von 100 Metern Länge untersuche, finde sie meist nur fünf Arten: „Wenn ich auf sieben oder acht komme, freue ich mich schon riesig.“ Leider seien es meist Allerweltsarten und nicht die sensiblen, wertgebenden Pflanzen, die einen guten Gewässerzustand anzeigen würden, aber allesamt einen Rückgang erleben.

„Alles hängt mit allem zusammen“, erklärt die Biologin. Libellen zum Beispiel brauchen am Ufer Pflanzen und Gehölze, um sich zu finden, zu paaren und Eier abzulegen. Überhaupt lebten viele Insekten einen Großteil ihres Lebens in Gewässern: Eintagsfliegen beispielsweise verbringen fast ein Jahr in den Uferzonen stehender Gewässer, bevor sie als große Fliegen wenige Tage an Land leben.

Köcherfliege am Horstsee 2025.

Köcherfliege am Horstsee 2025. Foto: Richter

Klimaerwärmung, Bebauung der Flussufer und mangelnde Durchgängigkeit machen Gewässern und Artenvielfalt zu schaffen. Lange habe der Mensch Lebensräume beeinträchtigt oder sogar zerstört, sagt Gabriele Stiller. Doch inzwischen sei das in der Region anders.

Biologin: „Wir sind auf einem guten Weg“

„Wir sind auf einem guten Weg.“ Sie sensibilisiert und schult Menschen aus allen Bereichen, die mit Gewässern zu tun haben. Baggerfahrer, Angler, Landwirte, Vertreter von Behörden und Naturschutzverbänden gucken dann zusammen in die Becherlupe, beobachten Köcherfliegen, keschern Stichlinge und Bachforellen.

Gabriele Stiller zeigt einen Schlammpeitzger aus der Lühe. Dieser Fisch steht auf der Roten Liste und wird auch Furzgrundel genannt: Über dem Wasser schnappt er nach Luft, extrahiert daraus in seinem Dünndarm Sauerstoff und lässt den Rest durch den Anus entweichen.

Gabriele Stiller zeigt einen Schlammpeitzger aus der Lühe. Dieser Fisch steht auf der Roten Liste und wird auch Furzgrundel genannt: Über dem Wasser schnappt er nach Luft, extrahiert daraus in seinem Dünndarm Sauerstoff und lässt den Rest durch den Anus entweichen. Foto: Stiller

Artenschutz und Gewässerunterhaltung müssen keine Gegensätze sein, erklärt die Biologin. In Marschengewässern diene die Unterhaltung sogar dem Erhalt des aquatischen Lebensraums. Wenn alle eingebunden werden, könne es funktionieren. Das zeigen ihre Erfahrungen vor Ort.

Die Wasserfeder, eine typische Marschenart mit zarten, rosa Blüten, war in den untersuchten Modellstrecken gar nicht mehr zu finden. Doch nach drei, vier Jahren schonender Unterhaltung tauchte sie plötzlich wieder auf. Gabriele Stiller ist überzeugt: „Wenn wir die richtigen Strukturen schaffen und noch genügend Samenreservoir haben, ist die Chance recht groß, dass sich Bestände erholen und seltene Arten sogar wieder einwandern.“

Der Horstsee im Oktober 2025.

Der Horstsee im Oktober 2025. Foto: Richter

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