24-Stunden-Reportage

TVon Stade nach Freiburg: Mit dem ersten Bus durch die Nacht

Nur drei Leute sitzen in dem Nachtbus in Richtung Freiburg.

Nur drei Leute sitzen in dem Nachtbus in Richtung Freiburg. Foto: Helfferich

Es ist Mitternacht am Stader Bahnhof. Ein neuer Tag beginnt. In sieben Minuten fährt der letzte Bus nach Nordkehdingen, der eigentlich der erste ist. Ein Tour durch die Dunkelheit.

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Von Susanne Helfferich
12.07.2026, 19:20 Uhr

Landkreis. 0 Uhr: Der „Start“ aus Hamburg kam noch im Gestern an und fährt im Morgen weiter nach Cuxhaven. Vier Taxen sammeln Fahrgäste ein. Angehörige stoppen kurz: Tür auf, Tür zu und weg. Andere entfernen sich zielstrebig vom dunklen Bahnhof. Und schon ist der Bussteig leergefegt. Eine gespentische Stille legt sich über die Szenerie.

Nur eine junge Ukrainerin und ein Mann warten auf den Bus nach Freiburg. Die Ukrainerin, die sich mit Freunden in Hamburg im Kino getroffen hatte, ist überzeugt, dass der Bus nur bis Drochtersen fährt, nicht weiter nach Freiburg. Doch sie täuscht sich.

Leergefegt um Mitternacht ist der Bussteig am Stader Bahnhof.

Leergefegt um Mitternacht ist der Bussteig am Stader Bahnhof. Foto: Helfferich

0.03 Uhr: Schwungvoll schwenkt der Bus der Linie 2025 in den Busbahnhof ein und hält am Bussteig „Bahnhof 8“. Am Steuer sitzt Götz Schimmelpfeng. Er steht auf, schaut nach draußen und hält einen kurzen Plausch mit einem Fahrgast. Dann kann’s weitergehen. Drei Leute steigen mit ihm ein: die Ukrainerin und zwei junge Männer.

An den Wochenenden sind die Busse voll

„Es ist nicht viel los“, sagt der Busfahrer fast entschuldigend, „an den Wochenenden sieht es ganz anders aus, da sind viele Fahrgäste unterwegs. Viele kommen mit der Bahn aus Hamburg und steigen dann in Stade in den Bus ein.“ Es ist Dienstag. Ein gewöhnlicher Wochentag, an dem die meisten Leute um diese Zeit schlafen.

0.07 Uhr: Schimmelpfeng startet den Bus, fährt einen weiten Bogen nach links am Taxi-Stand vorbei durch die Bahnhofstraße, Richtung Innenstadt. Vorbei am Schiffertor und den Schulen in der Glückstädter Straße, durch die Freiburger Straße, hinaus in die Nacht.

Einst gab es die Kehdinger Kreisbahn, die als Schmalspurbahn von 1899 bis 1933 von Stade bis Balje fuhr. Doch parallel gründeten in Stade die Brüder Alex und Heinrich Peill 1928 das erste Stadtbussystem mit drei Bussen - als Stadt-Omnibus Heinrich Peill. Das war die Geburtsstunde der heutigen KVG.

Peill-PVG übernimmt die Linie der Kreisbahn

Während des Zweiten Weltkrieges stellte die Firma Peill den Betrieb ein und wurde nach dem Krieg in Peill-Verkehrsgesellschaft (PVG) umbenannt. Ein richtiger Aufschwung kam in den 50er und 60er Jahren durch den Kauf von Konzessionen für zwei Überlandlinien, Orts-, Gelegenheits- und Schülerverkehr. 17 Busse standen damals auf dem Hof. 1967 wurde PVG in KVG (Kraftverkehr GmbH) umbenannt.

Seit mehr als 20 Jahren Busfahrer

Götz Schimmelpfeng fährt seit der Jahrtausendwende Bus bei der KVG. Er ist einer von 1.001 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der gesamten KVG, die über 483 Fahrzeuge verfügt. Davon sind 280 Angestellte mit 99 Fahrzeugen am Standort Stade (inklusive seiner Außenstandorte) stationiert.

Busfahrer Götz Schimmelpfeng.

Busfahrer Götz Schimmelpfeng. Foto: Helfferich

Ob er immer dieselbe Strecke fahre? „Nein, die Strecken werden gewechselt“, erzählt Schimmelpfeng. Das Fahrpersonal fährt in der Regel wöchentlich wechselnde Routen. „Das wird ja sonst langweilig“, sagt er.

Da er in dieser Nacht um 0.07 Uhr die letzte Tour fährt, wird er danach erstmal Pause haben. Aufgrund der gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten schließt sich keine Frühschicht unmittelbar an. Es ist aber nicht zwingend ein freier Tag vorgesehen; es kann eine Spätschicht folgen.

0.23 Uhr: Wir fahren durch Bützfleth. An der Haltestelle Elsternstraße steigt ein neuer Passagier ein und setzt sich wie die anderen in den hinteren Teil des Busses. Einer schläft, ein anderer hört Musik, und ein dritter telefoniert. Die junge Ukrainerin sitzt in einem Viererabteil und plaudert per Facetime laut auf Ukrainisch.

Schlaglöcher bremsen den Nachtbus aus

0.27 Uhr: Hinter Bützfleth bremst der Busfahrer ab. Wir erreichen Kreuel. Seit August 2023 gibt es hier eine Ampelschaltung. Die Landesstraße und die Brücke über den Bützflether Kanal sind schon lange marode und daher halbseitig gesperrt. „Hier passiert seit Jahren nichts“, sagt Schimmelpfeng.

Überhaupt sei die Baustellendichte entlang der L111 sehr hoch, erzählt er. Immer wieder bremst er den Bus ab, umschifft routiniert jedes Schlagloch. „Ich kenn‘ inzwischen alle Schlaglöcher mit Vornamen“, witzelt er.

0.32 Uhr: Der in Bützfleth zugestiegene Passagier steigt sieben Haltestellen weiter in Wethe bei Assel wieder aus. Den ein oder anderen Fahrgast kenne er, aber eher flüchtig, erzählt Schimmelpfeng. Seine Bekannten seien nicht unbedingt Busnutzer. Auch jetzt nicht, wo die Spritpreise gestiegen sind. Einige Migranten wohnten in Freiburg, die seien öfter mit dem Bus unterwegs.

0.37 Uhr: Fünf Minuten später, in Drochtersen, verlässt die Ukrainerin den Bus. Jetzt weiß auch sie, dass der Bus weiter als Drochtersen fährt. Kurz vor Nindorf steigt ein weiterer Fahrgast aus. Jetzt sind wir nur noch zu dritt: Schimmelpfeng, Samo und ich.

Samo, der in Stade mit eingestiegen ist, erzählt, dass er in Hamburg war, um seine Frau im Krankenhaus zu besuchen. „Das ist ein langer Weg“, sagt er. Es sind mehr als 80 Kilometer. Er fährt bis Freiburg mit, und von dort mit seinem Roller bis nach Oederquart, wo er derzeit wohnt.

Die Strecke des 2025 ist 38,2 Kilometer lang

0.40 Uhr: Es ist zappenduster. Die Nacht hat die Dörfer verschluckt. Nur das Karl-Meyer-Areal linkerhand vor Wischhafen ist hell erleuchtet und nach Hamelwörden rechterhand die SuedLink-Baustelle, wo der 5,2 Kilometer lange ElbX-Tunnel aus der Erde kommt und rund um die Uhr gearbeitet wird.

Schimmelpfeng fahre lieber Überland als durch Stade, erzählt der Oederquarter. Die Linie 2025 sei eine primäre Hauptstrecke im Regionalverkehr im Landkreis Stade. Sie ist 38,2 Kilometer lang.

Der Nahverkehrsplan definiert die Hauptlinie so: Anbindung aller zentralen Orte innerhalb eines Landkreises, Schaffung einer möglichst direkten und und schnellen Verbindung sowie Sicherstellung von Anschlussverbindungen der Bahnstationen und Fähren im Landkreis.

Um 0.54 Uhr ist der Heimathafen erreicht

Der Umgangston werde rauer, hat Götz Schimmelpfeng beobachtet. Mitunter habe er mit Leuten zu tun, die angetrunken sind. Es gebe eine gewisse Unsicherheit, aber konkret passiert sei in seinem Bus noch nie etwas.

Einmal sei sein Bus von Polizeibeamten angehalten worden, weil sie nach Verdächtigen gesucht hatten. Doch im Bus seien sie nicht fündig geworden.

Geschafft: Um 1.03 Uhr hat Götz Schimmelpfeng seinen Bus in Freiburg eingeparkt und räumt den Fahrersitz.

Geschafft: Um 1.03 Uhr hat Götz Schimmelpfeng seinen Bus in Freiburg eingeparkt und räumt den Fahrersitz. Foto: Helfferich

0.54 Uhr: Götz Schimmelpfeng erreicht mit seinem Bus Freiburg. An der Haltestelle Bahnhofstraße lässt er Samo aussteigen. Dann biegt er nach links zum ehemaligen Bahnhof der Kehdinger Kreisbahn ab. Er erreicht die Endstation pünktlich.

Götz Schimmelpfeng parkt den Bus im Depot Freiburg, räumt seine Sachen zusammen und wirft einen letzten Blick in den Bus. Er freut sich auf morgen, was eigentlich nachher ist. Wer um 0.07 Uhr die letzte Tour fährt, hat den restlichen Tag frei.

Korrektur: In einer ersten Fassung der Reportage wurde Cadenberge als Endbahnhof für die bis 1933 fahrende Kehdinger Kreisbahn genannt.

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