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Viele Ausfälle

TWasserstoffzüge der EVB: Nur die Hälfte ist auf Dauer einsatzfähig

Christoph Grimm ist einer von zwei Geschäftsführern der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser, kurz EVB.

Christoph Grimm ist einer von zwei Geschäftsführern der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser, kurz EVB. Foto: Sabrina Adeline Nagel

Im Sommer 2022 startete die EVB den ersten dauerhaften Wasserstoffzug-Linienverkehr der Welt. Das Ziel: abgasfreie Fahrt statt Diesellok. Aber es gibt viele Ausfälle. Droht der Technik das Abstellgleis?

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Von Miriam Fehlbus
Montag, 23.02.2026, 05:45 Uhr

Bremervörde. Die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser, kurz EVB, haben den ersten dauerhaften Wasserstoffzug-Linienverkehr der Welt gestartet - mit Herausforderungen, die erst die Praxis aufzeigt. In diesem Winter gab es bei hohen Minusgraden und Schnee neue Probleme.

Mitte Januar kam es zu Unterbrechungen bei der Wasserstoffbetankung. Bereits im vergangenen Sommer hatte das Unternehmen fehlende Brennstoffzellen gemeldet. Wie steht es um das Vorzeigeprojekt, das im Landkreis Stade zwischen Buxtehude, Harsefeld und Kutenholz emissionsfrei fährt? Im Interview bezieht Geschäftsführer Christoph Grimm Stellung.

TAGEBLATT: Wie zufrieden ist die EVB mit den Wasserstoffzügen?

Christoph Grimm: Wir halten den Wasserstoffzug nach wie vor für eine gute Idee und seine Einführung für eine richtige Entscheidung. Von der Qualität der gelieferten Fahrzeuge sind wir jedoch enttäuscht.

Wie hoch ist die Ausfallquote? Oder anders formuliert: Wie viele Wasserstoffzüge stehen im Schnitt in der Werkstatt?

Aktuell sind wir bei etwa 50 Prozent Verfügbarkeit. Das heißt, dass nur die Hälfte der gelieferten Züge einsatzfähig ist. Und das hat nichts mit der engagierten Arbeit unserer Schienenfahrzeugtechnik zu tun. Im Gegenteil: Ohne das Werkstatt-Team der EVB in Bremervörde würden die Züge noch häufiger ausfallen.

Alstom Coradia iLint in Bremervörde

Alstom Coradia iLint in Bremervörde Foto: Sabrina Adeline Nagel

Das ist kein reines Wasserstoffzug-Phänomen. Dass neue Züge von Anfang an so laufen, wie es vertraglich zugesichert war, das ist inzwischen in der gesamten Eisenbahnbranche die Ausnahme. Beim Wasserstoffzug haben wir das zusätzliche Problem, dass wir bei Ausfällen zwischen vollkommen unterschiedlichen Techniken hin- und herwechseln müssen.

Wie viele Ersatzzüge stehen der EVB zur Verfügung, um die Ausfälle der Wasserstoffzüge auszugleichen?

Aktuell stehen bis zu fünf Dieseltriebwagen zur Verfügung, um bei Engpässen einzuspringen. Diese werden durch den Hersteller der Wasserstoffzüge (Alstom) gestellt, gehören aber der Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG), die die Züge an Alstom vermietet, weil Alstom nach eigenen Angaben keinen Ersatz stellen kann. Wichtig zu wissen: Die LNVG organisiert als Aufgabenträger landesweit den Schienenpersonennahverkehr. Die EVB betreibt die Regionalbahnlinie RB33 also im Auftrag der LNVG, die auch das Wasserstoffzugprojekt initiiert hat und es federführend leitet.

Wie viele Fahrgäste täglich befördert die EVB auf der Schiene?

Unsere Züge befördern gut 5500 Fahrgäste am Tag, also rund 2 Millionen Fahrgäste im Jahr.

Aus welchen Gründen fallen Wasserstoffzüge aus?

Das Hauptproblem sind die Brennstoffzellen auf dem Dach der Züge. Die Brennstoffzellen erzeugen über die chemische Reaktion von Sauerstoff mit Wasserstoff elektrischen Strom. Mit diesem Strom werden die Elektromotoren und auch die Serviceaggregate für Heizung, Klima et cetera betrieben.

So funktioniert der Wasserstoffzug.

So funktioniert der Wasserstoffzug. Foto: evb

Die Lebensdauer der ersten Generation ist kürzer als gedacht, doch der Hersteller hat Schwierigkeiten mit der Lieferung von Ersatzmodulen. Ohne Brennstoffzellen können die Züge aber nicht fahren.

Gibt es Aussicht darauf, dass sich beim Ersatz der Brennstoffzellen etwas ändert? Was ist geplant?

Der Zughersteller Alstom hat versprochen, die Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Das muss er auch, denn das Land Niedersachsen als Eigentümer der Züge plant den Einsatz für mindestens 30 Jahre.

Hat sich die Zuverlässigkeit der Wasserstoffzüge seit Inbetriebnahme verbessert? Welche Erfahrungen haben zu Veränderungen geführt?

Wir teilen unsere Erfahrungen in wöchentlichen Abstimmungsrunden mit dem Zughersteller und der LNVG. Über den gemeinsamen Dialog konnten wir schon viele kleinere und größere Kinderkrankheiten verbessern. Als EVB ist uns wichtig, dass nicht nur dieser Zug weiterkommt, sondern dass wir im Auftrag des Landes Niedersachsen in diesem Projekt Erfahrungen sammeln, die weltweit von Interesse sein können.

Gibt es Gedanken, sich von den Wasserstoffzügen zu trennen, und wäre das überhaupt möglich?

Das ist eine Entscheidung, die der Eigentümer und Aufgabenträger treffen müsste. Beides ist das Land Niedersachsen, darum können wir nichts dazu sagen.

Als es so kalt war, fielen Wasserstoffzüge aus, weil nicht getankt werden konnte. Was steckt dahinter?

Aktuell wird der Wasserstoff für unsere Tankstelle in Bremervörde per Lkw aus einem nahe gelegenen Chemiewerk gebracht. Bei sehr schlechten, vereisten Straßenverhältnissen können diese Lkw nicht verkehren und es kommt zu Lieferunterbrechungen.

Das wäre natürlich nicht der Fall, wenn es die eigene Wasserstoffherstellung mit grünem Strom vor Ort in Bremervörde schon gäbe, die von Anfang an fester Bestandteil der Projektplanungen des Landes war.

Gibt es Planungen, den Wasserstoff auch über die Schiene zu transportieren?

Wir würden einen solchen Transport begrüßen, da die EVB sich stark für Schienengüterverkehr in der Fläche engagiert. Allerdings ist es bei einem Volumen von nur rund 1 Tonne Wasserstoff am Tag fraglich, ob sich ein wirtschaftlich belastbares Konzept rechnen lässt. Das muss die Firma Linde als Betreiber der Wasserstofftankstelle und Wasserstoffversorger entscheiden.

Sind Sie immer noch stolz und glücklich, Wasserstoffpionier auf der Schiene zu sein?

Selbstverständlich. Unser Team hat sich von den ersten Prototypen im Jahr 2018 an unglaublich stark für dieses Projekt engagiert. Das gilt für die Arbeit am Zug, in der Disposition und Planung, in der Werkstatt und in der Infrastruktur ebenso wie für die kaum sichtbare Arbeit hinter den Kulissen, wo es um Vertragswerke, Sicherheitsstandards und vieles andere geht.

Alstom Coradia iLint in Bremervörde

Alstom Coradia iLint in Bremervörde Foto: Sabrina Adeline Nagel

Besucher aus der ganzen Welt kommen zu uns nach Bremervörde, um mehr über diese Arbeit zu erfahren, ob aus Indien, Taiwan, Kanada, Brasilien oder ganz Europa. Den weitesten Weg hatte eine Wissenschaftlerin aus Neuseeland: mehr als 13.000 Kilometer! Sie zeigte sich übrigens beeindruckt vom Erreichten und betrachtete die verbliebenen Probleme als lösbar. Doch bis die Wasserstoffzüge so zuverlässig sind wie die Züge mit Dieselmotoren, ist es noch ein Weg – darüber müssen wir uns klar sein.

Zur Person: Christoph Grimm

Christoph Grimm ist seit Dezember 2020 Geschäftsführer der EVB-Gruppe, seit April 2025 als Geschäftsführer Produktion und Markt sowie als Sprecher der Geschäftsführung neben Matthias Herten, der seitdem Geschäftsführer Administration und Logistik ist.

Seit über 30 Jahren ist Christoph Grimm in der Eisenbahnbranche fest verankert. Er entwickelte Geschäfte, Märkte und Möglichkeiten in Ländern wie Großbritannien, Schweden, Kanada und den USA. Seine Management-Karriere umfasste unter anderem Positionen bei der Bayerischen Eisenbahn Gesellschaft BEG, DB Regio und DB Netz, Keolis und dem Dachverband der amerikanischen Eisenbahnen AAR.

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