TWeg aus Hamburg, aber: Auf den Umzug folgt Annas Zusammenbruch
Ihr allererster Besuch im Cuxland führte Anna und Torsten Geiger auf den Deich von Spieka-Neufeld. Foto: Leuschner
Sehnsuchtsziel Meer, aber innerlich am Ende. Anna und Torsten Geiger ziehen hinaus an den Deich nach Nordholz. Dann der Crash.
Nordholz. Am Anfang war nichts einfach. „Ich bin in einem seelischen Tief hier angekommen“, erzählt Anna Geiger von ihren ersten Monaten in ihrem neuen Zuhause. „Hinter mir lagen zwei unfassbar anstrengende Jahre.“ Mit letzter Kraft und Energie habe sie gemeinsam mit ihrem Partner den Umzug nach Nordholz bewältigt. „Als das erledigt war, kam der Zusammenbruch.“
Anna Geiger stammt aus Hamburg. Dort ist sie geboren und aufgewachsen. „Dieses Leben in der Großstadt habe ich erst mal auch nicht infrage gestellt.“ Nach der Schule wird sie Buchhändlerin. Doch ihre Vorstellung passt nicht dazu, wie sie ihren Beruf in der Praxis erlebt.
Depressionen bestimmen Annas Geigers Leben
Sie wird krank, leidet unter Depressionen. Beruflich orientiert sie sich neu, arbeitet als Disponentin und später in der Organisation des Reeperbahnfestivals. Schließlich landet sie wieder im Buchhandel.
2022 lernt Anna Torsten Geiger kennen. Der Erzieher aus Baden-Württemberg hat aus beruflichen Gründen an den Hamburger Stadtrand gezogen. Hamburg sei eine tolle Stadt, die viel zu bieten habe, sagt der 41-Jährige.
Trotzdem wird er mit der Großstadt nie richtig warm. „Ich war nicht einmal auf dem Fischmarkt oder habe eine Hafenrundfahrt gemacht“, sagt er. Das 2000-Seelendorf in der Nähe von Stuttgart, in dem er groß geworden ist, steckt immer noch in ihm. „Irgendwann ist mir Hamburg zu viel geworden.“
Anna Geiger geht es ähnlich. Seit Jahren leidet sie an Depressionen, fühlt sich innerlich zerrissen. „Mir war bewusst, dass mich das mein Leben lang begleiten wird.“ Was sie innerlich zur Ruhe bringt, ist Wasser. Sie träumt davon, irgendwo am Meer oder an einem See zu leben - am liebsten mit einem Hund.

Um 1900 ist das Weichenstellerhaus am Nordholzer Bahnhof gebaut worden. Seit 2023 leben hier Anna und Torsten Geiger. Foto: Leuschner
Noch ohne eigenen Vierbeiner sucht sie im Internet nach den besten Hundestränden Deutschlands. Sie stößt auf Sahlenburg in Cuxhaven und Dorum-Neufeld an der Wurster Küste. Ihr erstes Wunschobjekt entdecken sie und ihr Partner in Spieka-Neufeld.
Am Besichtigungstag sind sie früh dran. Sie haben Zeit für einen Spaziergang auf dem Deich, schauen in Richtung Sahlenburger Wald und entdecken Neuwerk am Horizont. „Dieses Ankommen-Gefühl habe ich vorher nur einmal in Schottland gehabt“, schwärmt Torsten Geiger, „irgendwo hinkommen und eine Heimat gefunden zu haben.“
T Wenn Arbeit Halt gibt: Jan Dusella tischlert trotz schwerer Erkrankung
Das Haus hinter dem Deich in Spieka-Neufeld, das sie besichtigen, gefällt ihnen. Sie schmieden Pläne für eine Hundepension; doch sie bekommen die Immobilie nicht. „Im ersten Moment waren wir enttäuscht“, erinnert sich Anna Geiger. Im Nachhinein spricht sie von Glück im Unglück. Die Abgeschiedenheit des Dörfchens, der fehlende Führerschein: „Ich wäre ab vom Schuss und vollkommen isoliert gewesen“, glaubt sie.
Wenig später stoßen sie auf das gut 120 Jahre alte Weichenstellerhaus direkt neben dem Nordholzer Bahnhof. Der Zug hält quasi vor ihrer Haustür, und bis zur Ortsmitte mit Einkaufsmärkten und Ärzten ist es nur ein kurzer Fußweg. „Vom Exposé waren wir noch nicht so richtig überzeugt. Aber beim Besichtigungstermin war schon in der zweiten Etage klar: Das machen wir“, sagt Torsten Geiger.
Der Zusammenbruch kommt nach dem Umzug nach Nordholz
Im November 2023 beziehen sie ihr Eigenheim in Nordholz. Während der Erzieher anfängt, in einer Kindertagesstätte in Altenwalde zu arbeiten, schafft es seine Partnerin kaum bis vor die Tür. Nachdem sie den Umzug mit letzter Kraft bewältigt habe, sei sie zusammengebrochen.
„Die meisten Leute glauben, dass man während einer schweren Depression die gesamte Zeit über wahnsinnig traurig ist, aber das war es bei mir nicht“, beschreibt Anna Geiger ihre Gefühlslage. „Bei mir ging gar nichts. Ich war antriebslos, emotional völlig leer. Es gibt Momente, in denen man völlig überfordert ist. Aber im Grunde könnte alles passieren, und es würde weder Freude, Wut noch Trauer auslösen.“

Hündin Ronja gehört seit drei Jahren zur Familie. Foto: Leuschner
Schon in der Kennenlernphase spricht Anna mit Torsten Geiger radikal offen über ihre Erkrankung. „Mir war relativ schnell klar, was auf mich zukommen könnte“, sagt der 41-Jährige. Und trotzdem: „Wie heftig so eine tiefe Depression werden würde, hatte ich nicht erwartet. Aber da war unsere Beziehung schon so gefestigt, dass es keine Option gab, als gemeinsam da durchzugehen.“
Das Einzige, was Anna in ihren ersten Wochen in Nordholz überhaupt auf die Beine bringt, ist Hundedame Ronja, die das Paar inzwischen adoptiert hat. Irgendwann geht es der 43-Jährigen besser. Der Ortswechsel, sagt sie heute, habe ihr dabei geholfen. „Wie laut, intensiv und belastend Hamburg ist, hab‘ ich hier erst festgestellt.“
In Nordholz, sagt sie, fühlt sie sich viel freier als in ihrer Geburtsstadt. „Ich versuche nicht mehr, so wahnsinnig angepasst zu sein und zu funktionieren. In Hamburg war alles sehr darauf ausgerichtet, in diesem sehr hektischen Großstadt-Alltagsgewusel den Normen zu entsprechen.“
Torsten Geiger: Das Leben auf dem Land ist verbindlicher
Und wie erlebt Torsten Geiger sein Leben abseits der Großstadt?“ Freundlicher und verbindlicher als in Hamburg, sagt er. „Ich genieße die kleinen Dorfmomente.“ Das reicht vom Gruß beim Laubfegen und vom Klönschnack vor der Tür bis zu den Taxifahrern am Nordholzer Bahnhof, die das Paar manchmal mit Kaffee versorgt.
Manchmal wundere er sich noch, wie sehr er, der Bergmensch, das Leben an der Küste mag. „Vor allem diese Ruhe, dieser krasse Kontrast zur Stadt, in der es immer hektisch, wild und laut ist. Hier kommst du raus, sitzt am Deich und kannst einfach sein, ohne ständig auf Menschenmassen zu treffen. Das haben wir von Anfang an zu schätzen gewusst.“
Anna und Torsten Geiger haben im November geheiratet
Knapp zweieinhalb Jahre nach ihrer Ankunft in Nordholz werkeln die Geigers immer noch viel an ihrem Haus, von dem sie einen Teil vermieten. Gerade bereiten sie den Garten für ihre Hochzeitsfeier nach der kirchlichen Hochzeit im Sommer vor. Standesamtlich haben sie bereits im November im Leuchtturm „Kleiner Preuße“ geheiratet.
Torsten arbeitet inzwischen in einer Jugendwohngruppe in Cuxhaven. Anna Geiger hat im Sommer 2025 die Patenschaft für ein offenes Bücherhäuschen am Nordholzer Bahnhof übernommen. Nach mehreren Vandalismusschäden wurde es vorübergehend geschlossen. Aber sie will es an einer anderen, besser geschützten Stelle wiedereröffnen. Außerdem hilft sie ehrenamtlich im Tierheim, leitet dort die Kindergruppe und backt leidenschaftlich gern.
Es sind kleine Schritte in ihr neues Leben. Rückblickend auf ihr altes Leben in Hamburg sagt sie: „Ich hatte wenig Raum, einfach nur zu sein, ohne dass es sofort Feedback gibt. So gesehen ist die Region hier sehr heilsam gewesen, aber auch unser Haus und Grundstück in Nordholz.“
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