TWenn Acker nicht nur Acker ist: Sorge bei Kehdinger Landwirten
Blick auf das Naturschutzgebiet. Foto: Helfferich
Noch mehr Bürokratie, weitere Auflagen und der Verlust von Flächen - Landwirte sehen besorgt auf das Raumordnungsprogramm. Das sagt das Landvolk dazu.
Landkreis. Wer von oben auf den Landkreis schaut, sieht viel Grün, dazwischen die Städte und Dörfer. Vor allem aber die Flächen fallen ins Auge: Grünland, Äcker und Wald. Knapp 80.000 Hektar werden im Landkreis Stade landwirtschaftlich genutzt.
Wer im Vergleich auf die Karte des neuen Entwurfs für das Raumordnungsprogramm (RROP) schaut, sieht viele, in unterschiedlichen Farben schraffierte Flächen, die auf dem Landkreis liegen.
Verunsicherung bei Landwirten durch „Kulissen“
43.000 Hektar sind im Landkreis Stade als Vorbehaltsgebiete Landwirtschaft deklariert. Somit liegen auf fast der Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen weitere „Kulissen“. Damit sind andere Nutzungsziele gemeint. Und das verunsichere die Landwirte, die auf diesen Flächen wirtschaften, so das Landvolk.
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Mit Ackerbau, Obstbau und Milchviehwirtschaft sind Betriebe je nach Lage unterschiedlich von der Ausweisung im RROP-Entwurf betroffen. Das Landvolk Stade hat Stellung zum Entwurf genommen, ebenso wie viele Landwirte sich beim Landkreis gemeldet haben.
Kulturelles Sachgut und Obstplantage
„Es gibt Betriebe mit großen Betroffenheiten“, sagt Christoph Wilkens. Er ist Geschäftsführer des Landvolks im Landkreis Stade. Im RROP-Entwurf ist Acker nicht immer nur Acker, sondern auch Vorranggebiet Kleiabbau wie in Nordkehdingen. Oder die Obstplantage im Alten Land ist ausgewiesen als „kulturelles Sachgut“.

Christoph Wilkens, Geschäftsführer des Landvolks in Stade. Foto: JOERG STRUWE-PICSELWEB
Das Grünland, auf dem Futter für die Milchkühe gemäht wird, kann gleichzeitig ein Vorbehaltsgebiet Torferhalt sein. Welche Auswirkungen das hat, ist laut Landvolk aber derzeit nicht klar. Das ist für die Betriebe der Unsicherheitsfaktor.
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Kritik gibt es aus Sicht der Landwirtschaft vor allem im Hinblick auf die Gewichtung. „Immer mehr Fläche fällt aufgrund verschiedener Projekte aus der Landwirtschaft“, sagt Stefanie Thalinger von der Agrarberatung des Landvolks. „Beim Gemüse- und Obstanbau haben wir nur noch einen Selbstversorgungsgrad von 30 Prozent.“

Stephanie Thalinger, Agarberatung Landvolk Stade. Foto: JOERG STRUWE-PICSELWEB
Großräumige Ausweisung von Naturgebieten
Wilkens addiert die Vorranggebiete Natur- und Landschaft mit fast 26.500 Hektar, dazu die Vorbehaltsgebiete mit fast 20.000 Hektar, die Vorranggebiete Biotopverbund mit 1750 Hektar und Vorbehaltsgebiete Biotopverbund mit 4800 Hektar. „Wir fragen uns schon, ob das tatsächlich in diesem Umfang so notwendig ist und warum so großräumig ausgewiesen wird“, so Wilkens.

Landwirtschaftliche Flächen bei Balje zwischen Elbe und Oste. Der Landkreis arbeitet daran, dass auf ausgesuchten Flächen eine Lagerung von Kleiboden für den Deichbau zulässig ist. Foto: Elsen
„Wer regionale Lebensmittel will, muss Flächen schützen: Ein zukunftsfähiges RROP darf die Landwirtschaft nicht weiter einschränken. Ob durch Versiegelung, ökologischen Ausgleich oder Vernässung - jeder verlorene Hektar schwächt die Versorgungssicherheit und gefährdet die Existenz unserer bäuerlichen Familienbetriebe im Landkreis Stade.“ Damit fasst Jan Plath, Vorsitzender Kreisbauernverband Stade, den Standpunkt des Landvolks als Interessenvertretung der landwirtschaftlichen Betriebe zusammen.
Torf oder Milchvieh? Noch mehr Bürokratie?
Moorböden gelten als wichtige CO2-Speicher und sind für den Klimaschutz wichtig. Ob die Böden in den Gebieten für Torferhalt wirklich noch eine durchgängig hohe Torfmächtigkeit haben, sei aber fraglich, meint Stefanie Thalinger. Basis seien oft sehr alte Karten und an diesen Standorten gebe es hocheffizient arbeitende Milchviehbetriebe. Inwiefern sich ein Vorranggebiet Torferhaltung auf deren Entwicklungsmöglichkeiten auswirke - auch das sei unklar.
Möglich sei in einem solchen Gebiet zwar alles, was jetzt auch erlaubt sei - aber die Hürden könnten höher sein, so die Befürchtung. „Und es gibt sowieso schon so viel Bürokratie“, sagt Stefanie Thalinger.
Betriebsentwicklung kontra Schutzziel?
Wilkens nennt ein Beispiel: Wenn ein großer Stall gebaut werden soll oder ein Betrieb will gar aussiedeln - gilt das dann als raumbedeutsam und kollidiert damit mit dem Schutzziel, das das RROP auf den Flächen festgelegt hat?
Beispiel Torferhalt: Auch durch eine mögliche Wiedervernässung könnten der Landwirtschaft Flächen fehlen, so die Bedenken mit Blick auf die langfristige Nutzung. Inwiefern die Vernässung einer benachbarten Fläche das Wirtschaften eines anderen beeinträchtige, steht auch auf der Liste der Unsicherheits-Faktoren.
Deicherhöhung ist unerlässlich
In Nordkehdingen kommt die Diskussion um die Kleiabbaugebiete im RROP hinzu. Klei ist guter, fruchtbarer und ertragreicher Boden. „Uns ist allen völlig klar, dass wir die Deicherhöhung brauchen“, so Wilkens. Klar sei auch, dass Eigentümer keineswegs verpflichtet seien, ihre Flächen zur Verfügung zu stellen.

Unter dem grünen Streifen am Elbdeich, der als Vorranggebiet Natur- und Landschaft gekennzeichnet ist, sind ockerfarben die landwirtschaftlichen Flächen markiert. Mittendrin, dunkel schraffiert, die möglichen Abbauflächen für Klei. Foto: RROP Landkreis Stade
Im RROP stehe aber auch, dass nach einem Kleiabbau die Fläche dem Bereich Biotop zufalle. „Die vorherige Wirtschaftsweise kann dann so nicht mehr stattfinden“, sagt Wilkens. Und die Betriebe ackerten zu einem großen Anteil auf Pachtflächen - wenn der Eigentümer sie großflächig für den Kleiabbau verkauft, könnte das für einen Betrieb verheerend sein, so die Sorge.
„Wir wollen gemeinsam tragfähige Lösungen erreichen“, sagt Wilkens. Erste Schritte sind wie berichtet getan - der Landkreis arbeitet daran, dass auch Lagerflächen für angeliefertes Deichbaumaterial im Nordkehdinger Schutzgebiet möglich sind. Der Landkreis überarbeitet derzeit seinen Entwurf zum RROP, um ihn ein zweites Mal auszulegen.
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