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TWenn der Schnee vieles durcheinanderwirbelt: Unterwegs in Buxtehude

Familie Wallmann will von Buxtehude nach Hessen - aber die Bahn fährt nicht.

Familie Wallmann will von Buxtehude nach Hessen - aber die Bahn fährt nicht. Foto: Richter

Schon am frühen Freitagmorgen heult und pfeift Sturmtief „Elli“ um die Häuser und bringt viel Schnee mit. Das ganz große Chaos bleibt aus - außer bei der Bahn, wie ein kleiner Streifzug zeigt.

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Von Anping Richter
Freitag, 09.01.2026, 19:00 Uhr

Landkreis. Morgens um acht ist auf der Straße nach Buxtehude wenig los. Auch auf der A26-Brücke ist kein Auto zu sehen. Ein Trupp Räumfahrzeuge passiert sie - dann ist wieder nur der Wind zu hören, der den Schnee am Autobahndamm kräftig hochwirbelt. Stefanie Berg steht an der Moorender Straße und versucht, ihr über und über mit Schnee bedecktes Auto freizumachen. Sie muss dringend los: Berg ist Servicetechnikerin bei der Deutschen Bahn - und es gibt eine Störung.

Gestrandet am Bahnhof

Am Buxtehuder Bahnhof zeigt sich, was das heißt: Die S-Bahnen nach Neugraben und nach Stade stehen, aber sie fahren nicht. Wegen einer Weichenstörung fällt der Zugverkehr zwischen Stade und Neugraben vollständig aus. Ein Schienenersatzverkehr soll eingerichtet werden.

Fast niemand ist unterwegs in der Buxtehuder Altstadt.

Fast niemand ist unterwegs in der Buxtehuder Altstadt. Foto: Hamann

Sven Lundin aus Neugraben schimpft: „Das ist nicht das erste Mal, dass ich hier strande. Ich bin gestern schon nicht nach Hause gekommen, weil wegen des Wetters viele Bahnen nicht gefahren sind.“ Er hat deshalb bei einem Freund in Buxtehude übernachtet. Nun wartet er auf den Schienenersatzverkehr.

Sven Lundin aus Neugraben ist nun schon zum zweiten Mal in Buxtehude hängengeblieben.

Sven Lundin aus Neugraben ist nun schon zum zweiten Mal in Buxtehude hängengeblieben. Foto: Richter

Das Ehepaar Wallmann aus Buxtehude ist mit Enkeln, Rollkoffern und Rucksäcken unterwegs und vorerst am Bahnhof gestrandet. Sie haben vor, die beiden Enkelsöhne, 7 und 8 Jahre alt, heute noch nach Hause zu bringen - nach Witzenhausen in Hessen. Sie machen sich auf eine lange Reise gefasst: „Einige Züge fahren ja noch.“ Jetzt warten sie aber auf die Einrichtung des Schienenersatzverkehrs. „Wenn die Bahn nicht fährt, können wir doch wenigstens da drinnen warten“, sagt der Enkel.

Das denken sich auch andere: In der S5 in Richtung Hamburg sitzen in jedem Waggon einige Leute. Den Wallmanns ist zu wünschen, dass sie nicht zu lange gewartet haben: Die Bahn wird später noch den gesamten Fernverkehr in Norddeutschland stilllegen.

Mobiler Pflegedienst kennt kein schlechtes Wetter

„Wir müssen fahren“, sagt Marina Stange vom mobilen Pflegedienst SAM in der Carl-Hermann-Richter-Straße ganz in der Nähe des Buxtehuder Bahnhofs. „Unsere Kunden brauchen schließlich ihre Medikamente und etwas zu essen.“ SAM leistet im Auftrag der Johanniter auch 24-Stunden-Notdienst: Wenn ein Hausnotrufgerät auslöst, muss jemand hin.

Schneechaos, Januar 2026.

Schneechaos, Januar 2026. Foto: Richter

Gerade kommt Thomas Rodewald zurück. Er übernimmt Einkaufsfahrten und Arztbegleitungen. Sein Arbeitstag hat früh begonnen: Ab 7 Uhr hat er mit zwei Kollegen Parkplatz und Wege geräumt. Aus dem 83-köpfigen Team sind heute 37 Personen im Einsatz, berichtet Marina Stange. Diejenigen, die sonst nur zu Fuß oder mit dem Rad Kunden besuchen, werden heute von anderen Kolleginnen und Kollegen gefahren. Außerdem wurde abgefragt, wer Alternativen hat und heute von Angehörigen versorgt werden kann.

Schon die ganze Woche war schwierig, berichtet Stange. Viele Kunden kamen nicht zum Arzt und nicht zum Einkaufen. „Wir räumen und streuen auch für viele. Das ist zwar nicht unsere Aufgabe, aber sonst haben wir auch noch gebrochene Hüften.“ Heute liege das Hauptaugenmerk bei denen, deren Angehörige nichts übernehmen können, bei Dementen, denen die Pflegekräfte Medikamente verabreichen müssen, bei Bettlägerigen und denen, die Insulin oder andere wichtige Medikamente benötigen.

Buxtehuder Feuerwehrleute halten sich bereit

Gut vorbereitet ist auch die Kommunale Einsatzleitung Buxtehude: Jan Durhack, stellvertretender Stadtbrandmeister, ist mit zwei Kollegen der kommunalen Einsatzleitung schon seit 5 Uhr vor Ort in der Zentrale bei Zug 1, um vorbereitende Maßnahmen zu treffen. Außerdem sind 33 Feuerwehrleute von Zug 1 und 2 der Buxtehuder Feuerwehr der Empfehlung von Kreisbrandmeister Henning Klensang gefolgt und seit 7 Uhr einsatzbereit für den Fall der Fälle.

Jan Durhack, stellvertretender Stadtbrandmeister in Buxtehude, und sein Kollege Thies Esch haben die Lage im Blick - und die Wetterkarte.

Jan Durhack, stellvertretender Stadtbrandmeister in Buxtehude, und sein Kollege Thies Esch haben die Lage im Blick - und die Wetterkarte.

Um 8.30 Uhr war Lagebesprechung mit Landrat Kai Seefried, der Feuerwehrrettungsleitstelle und der Kommunalen Einsatzleitung der Stadt Stade. Das Lagebild: noch ruhig. Für schwierige Einsätze stehen an mehreren Orten im Landkreis geländegängige und teilweise mit Schneeketten ausgerüstete Fahrzeuge zur Verfügung, auch für Rettungsdienst oder Notarzt, erklärt Landkreis-Pressesprecher Daniel Beneke. Doch in Buxtehude ist es bisher ruhig.

An der Hansestraße biegt ein KVG-Bus im Zeitlupentempo auf die Harburger Straße ab. Die KVG hat den Busverkehr im Kreis Stade zwar bis auf Weiteres eingestellt, doch in den Städten Buxtehude und Stade sind noch KVG-Busse im Einsatz. Das nächste Fahrzeug gehört zu den Städtischen Betrieben, auf der Ladefläche liegt ein Haufen Sand.

Schneeschieber und Streusand sind ausverkauft

Ein Stück weiter ist Streugut Mangelware: Im Toom-Baumarkt an der Konrad-Adenauer-Allee sind Streusalz, Granulat und Splitt längst nicht mehr zu bekommen. „Ein paar Säcke Spielsand haben wir noch“, berichtet Mitarbeiterin Silke Naujoks. Auch Schneeschieber sind restlos ausverkauft. Und Schlitten: „Den letzten haben wir Samstag vor einer Woche verkauft.“

Michael Küther, Kerstin Schlagkamp und Silke Naujoks im Toom-Baumarkt.

Michael Küther, Kerstin Schlagkamp und Silke Naujoks im Toom-Baumarkt.

Trotzdem kommen noch Kunden. Michael Küther bezahlt einen Deckenheizstrahler für seinen Wintergarten. Er kommt aus Rübke und bedankt sich bei den Landwirten: „Die haben nämlich die Straße nach Buxtehude geräumt.“ Hinter ihm legt Kerstin Schlagkamp aus Horneburg einen neuen Stiel für ihren Schneeschieber aufs Band: „Der alte ist gestern an Altersschwäche verreckt.“

Eine Kundin, die weder Streusalz noch Schneeschieber bekommen hat, fragt, warum der Baumarkt überhaupt öffnet. „Wir sind ja eine Art Grundversorger“, erklärt Silke Naujoks. Manche Kunden kommen schließlich auch, weil sie etwas für ihre Heizung brauchen, die nicht läuft. Die gefragtesten Artikel zurzeit sind Feuerholz für den Kamin und Anzünder.

Parkplätze vor den Supermärkten wie ausgestorben

Der Parkplatz von Rewe an der Konrad-Adenauer-Allee nebenan ist fast leer. Ein Paar kämpft sich mit vollem Einkaufswagen zum Auto durch - kein einfaches Unterfangen auf dem verschneiten Parkplatz. Ines Lehmann aus Ahlerstedt erzählt, dass sie sich vorsorglich mit Vorräten für eine Woche eingedeckt hat.

Ines Lehmann hat sich im Supermarkt mit Vorräten eingedeckt.

Ines Lehmann hat sich im Supermarkt mit Vorräten eingedeckt. Foto: Richter

„Fleisch kommt heute keines mehr“, heißt es drinnen an der noch gut gefüllt aussehenden Fleischtheke. „Aber es ist ja auch besser, wenn sich die Lkw-Fahrer jetzt nicht alle auf den Weg machen“, findet die Mitarbeiterin. Sowohl bei Rewe als auch bei Marktkauf in Buxtehude verweist die Marktleitung bei der Frage nach Lieferschwierigkeiten auf die Zentralen der beiden Supermarktketten.

Leere Regale im Supermarkt

Doch auch ohne Auskunft fällt auf: Einige Regale sind wie leer gefegt, vor allem bei den Konserven. Tags zuvor haben sich sehr viele Leute damit eingedeckt, bestätigt die Frau an der Kasse auf Nachfrage. Haltbare Vorräte im Haus zu haben, empfiehlt der Landkreis als Katastrophenschutzbehörde ja auch.

Entwarnung am Nachmittag

Jan Durhack berichtet am Nachmittag, dass die Einsatzbereitschaft nach einer weiteren Lagebesprechung mit dem Krisenstab der Kreisverwaltung und der Rettungsleitstelle herabgestuft wurde. „Der Schneefall ist bei uns nicht so extrem wie befürchtet ausgefallen“, erklärt er. Ein paar Einsätze gab es schon: Einige Lkw standen quer, Schneekettenfahrzeuge fuhren zur Unterstützung los. Chaos blieb aus - „auch, weil viele zu Hause geblieben sind und auf den Straßen wenig los war“, sagt Durhack.

Fast niemand ist unterwegs in der Buxtehuder Altstadt.

Fast niemand ist unterwegs in der Buxtehuder Altstadt. Foto: Hamann

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