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Verdi-Warnstreik

T„Wenn wir in der Nacht nicht zum Streuen aufstehen, läuft nichts!“

24 Stunden täglich an sieben Tagen pro Woche einsatzbereit: Christian Korte gehört zur Notfallbereitschaft der Straßenwärter.

24 Stunden täglich an sieben Tagen pro Woche einsatzbereit: Christian Korte gehört zur Notfallbereitschaft der Straßenwärter. Foto: Richter

Schnee, Glätte, Dauerstau: Mit ihrem Warnstreik machen Beschäftigte im öffentlichen Dienst ordentlich Druck. Hier erzählen sie, warum.

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Von Anping Richter
Mittwoch, 04.02.2026, 18:50 Uhr

Landkreis. Gut 40 Menschen sind zur Kundgebung auf dem Platz am Sande in Stade gekommen. Das mag nicht viel erscheinen, ist angesichts des Wetters und der Straßenverhältnisse aber schon eine Leistung. Abgesehen vom eingeschränkten Räumdienst ist die Schwingebrücke dicht und der Verkehr rund um Stade ein einziger Stau. Der eiskalte Wind lässt immerhin die Fahnen der Gewerkschaft Verdi munter flattern. Sie hat zum Warnstreik aufgerufen.

Auswirkung des Streiks: Dauerstau an der L111 in Richtung Stade. Wegen der gesperrten Schwingebrücke geht es nur über die Innenstadt weiter.

Auswirkung des Streiks: Dauerstau an der L111 in Richtung Stade. Wegen der gesperrten Schwingebrücke geht es nur über die Innenstadt weiter. Foto: Richter

Mit dabei sind heute Beschäftigte des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV). Wenn letztere streikt, merkt es fast jeder: Sogar der Lautsprecherwagen für die Kundgebung ist heute morgen im Schneechaos steckengeblieben.

Bei Eiseskälte auf dem Platz am Sande heizt Thilo Hoeland den Demo-Teilnehmern mit einer feurigen Rede ein.

Bei Eiseskälte auf dem Platz am Sande heizt Thilo Hoeland den Demo-Teilnehmern mit einer feurigen Rede ein. Foto: Richter

Für seine Ansprache muss Thilo Hoeland deshalb zum guten alten Megaphon greifen. „Die Arbeitgeberseite verhandelt wie kleine Kinder: Nein, ich will nicht. Nein, ich kann nicht. Nein, die Welt ist ganz doof“, sagt Hoeland. Der Vertreter des Gesamtpersonalrats beim NLWKN in Stade ist Mitglied der Bundestarifkommission.

Was die Beschäftigten fordern

Verdi fordert für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder sieben Prozent mehr Gehalt im Monat, mindestens aber 300 Euro. Für Nachwuchskräfte sollen die Vergütungen um 200 Euro pro Monat steigen, außerdem sollen sie nach erfolgreicher Ausbildung übernommen werden - unbefristet. Darüber hinaus fordert die Gewerkschaft die Erhöhung aller Zeitzuschläge um 20 Prozentpunkte.

Kosten für Miete und Essen steigen

„Ja, die Inflation hat inzwischen nachgelassen. Aber ich weiß, wie wenig ich mir für 20 Euro im Supermarkt heute kaufen kann. Die Kosten für Miete und Essen steigen - und das muss sich jeder leisten können“, sagt Thilo Hoeland und erntet Applaus und viele Triller.

Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite ist der Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). „Der sagt, der öffentliche Dienst könne nicht Lohnführer sein“, sagt Hoeland. Was die Arbeitgeber in der zweiten Verhandlungsrunde vorschlugen, sei aber völlig ungenügend: „Die bieten uns an, die in den nächsten drei Jahren erwartete Inflation auszugleichen und legen nur ein Schnapsglas obendrauf.“

Was ein Straßenwärter im Monat verdient

3300 Euro brutto - das sei in etwa der Monatsverdienst eines Straßenwärters, erklärt der 35-jährige Christian Korte. Das verdiene auch derjenige, der für das Öffnen und Schließen der Schwingebrücke verantwortlich ist. Ein Job, der übrigens meist an verdiente Kollegen gehe, die aus körperlichen Gründen nicht mehr so belastbar sind.

Dass die Straßenmeistereien sich an dem Warnstreik beteiligen, hat einige geärgert: Bei Schnee und Eis nicht zu streuen, gefährde Menschen im Berufsverkehr. Doch für Christian Korte ist das kein Gewissenskonflikt. „Ja, es ist wichtig, dass wir streuen“, sagt er. Aber das sei genau der Punkt: „Wenn wir nicht in der Nacht zum Streuen aufstehen, läuft nichts. Dann kommen viele andere Menschen nicht zur Arbeit.“ Zudem sei der Räumdienst ja nicht eingestellt, sondern nur eingeschränkt.

Morgens um vier aufstehen zum Streuen

Kortes Kollegen stehen morgens um vier Uhr auf, damit sie um fünf Uhr ihren Dienst antreten können. Er selbst gehört zur Notfallbereitschaft: „Ich muss mich 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche bereithalten, darf nichts trinken und muss immer in erreichbarer Nähe bleiben.“

Wenn nachts eine Ölspur auf der Fahrbahn gemeldet wird, muss Christian Korte los - egal, ob nach Lamstedt oder nach Westertimke bei Sittensen. Er ist junger Vater und weist darauf hin, dass auch Erzieher zu denen gehören, deren Arbeit die vieler anderer erst ermöglicht.

Schulbeschäftigte aus dem Kreis Stade bei der zentralen Kundgebung zum Bildungsstreiktag am vergangenen Donnerstag. Aufgerufen hatte die GEW.

Schulbeschäftigte aus dem Kreis Stade bei der zentralen Kundgebung zum Bildungsstreiktag am vergangenen Donnerstag. Aufgerufen hatte die GEW. Foto: Krell

Auch Schulbeschäftigte aus dem Landkreis Stade sind aktuell im Arbeitskampf. Am vergangenen Donnerstag legten etwa 30 pädagogische Mitarbeiter, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter der Förderschule Ottenbeck, Oberschule Himmelpforten, IGS Buxtehude, Pestalozzischule Stade und der Grund- und Oberschulen in Oldendorf und Nordkehdingen die Arbeit nieder und zogen zur zentralen Kundgebung nach Hamburg. An der Förderschule Ottenbeck fiel wegen des Streiks der Unterricht aus. Aufgerufen hatte die GEW.

Der Warnstreik bei NLWKN, Straßenbauverwaltung und Straßenmeistereien ist noch nicht vorbei, kündigt Verdi-Gewerkschaftssekretärin Jana Mehl an: „Am Donnerstag geht es in den Landkreisen Stade und Cuxhaven weiter.“ Eine Kundgebung in Cuxhaven ist für 10 Uhr am Seefischmarkt geplant.

Die Schwinge-Brücke bleibt auch am Donnerstag geschlossen. Weitere Warnstreiks sollen folgen, bevor die dritte Runde der Tarifverhandlungen ab 11. Februar 2026 erneut in Potsdam startet, erklärt Jana Mehl: „Wenn es dann nicht zu einer Einigung kommt, treten wir in einen richtigen Streik - unbefristet.“

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