TWie fit muss ein Soldat sein? TAGEBLATT-Redakteur macht in Buxtehude den Test
In einem Slalom-Kurs transportiert TAGEBLATT-Redakteur Thomas Sulzyc zwei jeweils 18 Kilo schwere Kanister. Die Kanister dienen als mobiler Vorrat für Kraftstoffe oder Trinkwasser. Foto: Weselmann
Die Bundeswehr sucht zusätzliche Soldaten. Körperliche Fitness ist eine Voraussetzung in dem Beruf. So hart ist der Basis Fitness Test.
Buxtehude. 650.000 junge Männer und Frauen des Jahrgangs 2008 erhalten zurzeit Briefe zur Wehrdiensterfassung. Die Männer müssen den Fragebogen ausfüllen, sonst droht eine Geldstrafe. Für Frauen ist das Ausfüllen freiwillig.
Zum ersten Mal nach dem Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 müssen sich also junge Männer wieder zumindest in Gedanken mit einem Wehrdienst auseinanderzusetzen. Bis Mitte 2027 will die Bundeswehr 24 Musterungszentren in Deutschland eröffnen.
Soldatische Übungen im Karriere Center
Wie fit muss ein Soldat sein? Antwort darauf finde ich (58, 1,80 Meter, 82 Kilo) in der Basis, die das Karriere-Center der Bundeswehr für die Dauer von zwei Wochen auf dem Altstadtparkplatz in Buxtehude aufgeschlagen hat. Typische soldatische Fitnessübungen im Selbstversuch - unter den Augen eines Oberstabsfeldwebels.
Die Voraussetzungen für den Nachweis meiner körperlichen Leistungsfähigkeit an diesem Tag: so semioptimal. Mit einer leichten Zerrung im rechten Oberschenkel trete ich an. Untrainiert ist seit Wochen mein Dauerzustand.
Was ich mitbringe: eine natürlich gute Ausdauer, schon seit der Kindheit. Zähne zusammenbeißen kann ich. Der Wille, nicht schlapp machen zu wollen, sei wichtig, sagt der Oberstabsfeldwebel.
In jedem Jahr müssen Soldaten und Soldatinnen den Basis-Fitness-Test bestehen. Der besteht aus Sprinten, Laufen und dem sogenannten Klimmhang: Mindestens fünf Sekunden muss sich ein Soldat oder eine Soldatin aus eigener Kraft mit angewinkelten Armen an einer Klimmzugstange halten können. Sobald das Kinn unter die Klimmzugstange fällt, ist die Übung beendet.

Der Klimmhang ist eine Kraftausdauerübung. Dabei verharrt man mit dem Kinn oberhalb einer Klimmzugstange im Kammgriff (Handrücken zeigt vom Körper weg). Foto: Weselmann
Mit dem Klimmhang beginne ich: Das Kinn über der Stange, lasse ich die Füße von einem Podest in die Leere fallen. Steif wie ein Brett hängt man idealerweise - das spart Kraft. Mein Körper dagegen schwingt nach vorn und zurück - wie der Klöppel in der Glocke. Anfängerfehler, denke ich mir. Mist!
Nach fünf Sekunden: Ich verspüre keine nennenswerte Kraftanstrengung. Übung bestanden, aber ich will besser sein. Irgendwann schwingt mein Körper auch nicht mehr. Aber mit der Zeit gleiten die verschwitzten Hände langsam von der Stange. Die Kraft lässt deutlich nach. Kinn hoch halten, beißen! Dann ist der Tank alle - ich lasse mich auf die Füße fallen.
Klimmhang: Diese Zeit gilt als gut
46 Sekunden habe ich an der Stange gehangen. 45 Sekunden und länger gilt in der Bundeswehr als gut, ab 65 Sekunden ist das sehr gut. Eine Minute und 45 Sekunden war der Rekord in Buxtehude, sagt ein Oberfeldwebel.
Eine kräftige Statur bedeutet bei der Übung zunächst gar nichts: Ein kräftiger Handballer sei in Nullkommanichts von der Stange geglitten. Eine zierliche Turnerin dagegen habe sich an der Stange gehalten, als wollte sie nie wieder runter.
Basis Fitness Test innerhalb von 90 Minuten
Der Basis Fitness Test besteht noch aus zwei Übungen: einem Ausdauerlauf und dem sogenannten Pendellauf: Dabei absolvieren die Soldaten und Soldatinnen kurze Sprints, bei denen sie sich zwischendurch auf den Bauch fallen lassen und wieder auf die Beine kommen. Wer die 11 mal 10 Meter in 42 Sekunden sprintet, hat sehr gut abgeschnitten.
Der 1.000-Meter-Lauf auf einer Tartanbahn gilt als bestanden, wenn diese Distanz innerhalb von sechs Minuten und 30 Sekunden bewältigt wird. Innerhalb von 90 Minuten müssen alle drei Übungen absolviert sein.
Auf dem Asphaltbelag des Altstadtparkplatzes fallen Pendellauf und Ausdauerlauf weg. Stattdessen hält das Karriere Center eine Variante mit Übungen aus dem sogenannten Soldaten Grundfitness Test vor: Ziehen von Lasten, Tragen von Lasten und das Heben sowie Absetzen von Lasten - meine nächste Übung.
So schwer ist eine Splitterschutzweste
Normalerweise absolvieren Soldaten und Soldatinnen den Test in Uniform - mit Helm und 15 Kilo schwerem Rucksack. Mir stülpt der Oberstabsfeldwebel lediglich eine Splitterschutzweste über - zehn Kilo schwer. Ich verspüre deutlich mehr Erdanziehungskraft.
Meine Aufgabe: So schnell wie möglich einen Slamom-Parcours mit jeweils zwei 18 Kilo schweren Kanistern in den Händen überwinden - 10 Meter hin und wieder zurück.
Anschließend einen 40 Kilo schweren Sack auf der gleichen Strecke hinter mir herziehen. Das simuliert den Transport eines verwundeten Kameraden - wobei ein Mensch viel mehr wiegt.

Ein 40 Kiloschwerer Sack simuliert einen verwundeten Soldaten, den es in Sicherheit zu ziehen gilt. Foto: Weselmann
Am Ende habe ich noch einen 24 Kilo schweren Kanister zu hieven - fünf Mal hintereinander auf eine Fläche in 1,30 Meter Höhe. Das entspricht der Höhe einer Lkw-Ladefläche. Wie man es richtig macht, verrät mir der Oberstabsfeldwebel vorher: Den Kanister mit beiden Armen anfassen, zwischen den Beinen schwingen und mit Schwung auf die 1,30 Meter Höhe wuchten.
Jemand frotzelt: „Das geht auch mit Geschwindigkeit“
Los geht‘s: Das Gewicht der Splitterschutzweste und der Kanister lähmen mich überraschend mächtig. Von Sprint kann keine Rede sein. „Das kann man auch mit Geschwindigkeit machen“, höre ich jemanden frotzeln. Das weckt meinen Ehrgeiz. Ich laufe schneller - bilde ich mir zumindest ein.
Offenbar ungelenk ziehe ich mit beiden Armen den 40-Kilo-Sack hinter mir her. Vermutlich wäre es geschickter gewesen, nur mit einem Arm zu ziehen - aber auf den Gedanken komme ich erst hinterher. Hätte ich überhaupt einen 80 Kilo schweren, verwundeten Soldaten transportieren können? Vermutlich nicht.

Bei dieser Übung muss der Bewerber eine Splitterschutzweset tragen und einen 24 Kilo schweren Kanister möglichst schnell fünf Mal hintereinander auf eine 1,30 Meter hohe Ladefläche abstellen und wieder herunter nehmen. Foto: Weselmann
Ich wuchte den 24-Kilo-Kanister in die Höhe. Hätte nicht gedacht, dass 1,30 Meter so hoch sein können. Die Strategie, die Last zu schwingen, geht auf. Aber nach dem dritten Mal spüre ich die Kraft schwinden. Nur noch Pudding in den Armen. Aufgeben kommt nicht infrage. Nur noch mit Willen wuchte ich den Kanister noch zwei Mal gerade so eben auf die Ladefläche. Bestanden!
Bundeswehr macht es jungen Leuten leichter
Anders als früher sei der Basis-Fitness-Test nicht mehr Voraussetzung bei der Einstellung von Soldaten und Soldatinnen. Das sagte ein Oberleutnant der Reserve dem TAGEBLATT. Grund: Die Bundeswehr will nicht motivierte Leute voreilig aussortieren.
Den Test absolvieren Rekruten dann in der Truppe. Wer den Sporttest abbricht oder die Anforderungen in einer der Disziplinen nicht erreicht, kann den Test nach sechs Wochen wiederholen.
100 Meter in Uniform bekleidet schwimmen
In unterschiedlichen Sporttests überprüft die Bundeswehr die Leistungsfähigkeit der Soldaten und Soldatinnen. Zum Beispiel, wie gut jemand schwimmen kann. Beim sogenannten Kleiderschwimmen müssen Soldatinnen und Soldaten im Feldanzug 100 Meter im Wasser eines Schwimmbeckens zurücklegen.
Jeder fünfte Rekrut breche die Ausbildung vorzeitig ab, erfuhr das TAGEBLATT. Manche kämen mit dem frühen Aufstehen um 5 Uhr nicht zurecht, heißt es. Ein anderer häufiger Grund sei: „Heimweh“.
Zurück zu meiner soldatischen Fitness: Die Zeit? Ziemlich mäßig: 83 Sekunden für Slalomlauf, Sackschleppen und Kanisterwuchten. Der Rekord in Buxtehude liegt bei 32 Sekunden. Mein Fazit: Mit mir als Kanisterschlepper käme der Nachschub wohl zum Erliegen.
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