28.12.2020, 10:00
Jahresrückblick: Berührende Geschichten der Gastronomen

KEHDINGEN. Die Corona-Pandemie traf die Gastronomen besonders hart. Es waren berührende Begegnungen unserer Arbeit. Während der eine schier verzweifelte, blieben andere überraschend gelassen.

Gudrun Göhring etwa aus Freiburg. Seit mehr als 30 Jahren betreibt sie das Hotel Gut Schöneworth. Ihr Hauptgeschäft sind Hochzeiten; feiern und übernachten an einem Ort. Das fiel weitestgehend aus.

Und dennoch konnte die Hotelinhaberin der Krise gute Seiten abgewinnen: „Wir lernen, anders zu leben, und ich hoffe, dass wir uns das für die Zeit danach bewahren“, sagte sie im April. Sie genoss die Ruhe, stürzte sich voller Elan auf den Garten  und hoffte auf die Fahrradtouristen nach dem Lockdown im Frühjahr. „Nach der Krise wird es wieder aufwärtsgehen“, war sie sich sicher.

Heute sagt sie: „Es wird nicht mehr die Gastronomie geben, die ich kenne.“ Ihre Gelassenheit hat sie dennoch über das Jahr gerettet. Trotz der wirtschaftlich schwierigen Situation stürzte sie sich in ein weiteres Abenteuer, kaufte in Freiburg günstig ein Häuschen, renovierte es und baute es um. Zum Jahresende schaut sie positiv in die Zukunft: „Jetzt werden die Tage wieder länger, und ich kann bald wieder in den Garten.“

Verzweilfung in Grodtmanns Gasthaus

Klaus Grodtmann und Rainer Duhne.

Ziemlich verzweifelt war dagegen Klaus Grodtmann. Ihm gehört Grodtmanns Gasthaus in Abbenfleth. Ein Kleinod, in dem sich der Blumenarrangeur und dessen Mann Rainer Duhme gestalterisch verwirklicht haben. Das Gasthaus war als Altersversorgung geplant.

Dann kam Covid-19 und mit dem Virus der Lockdown im Frühjahr. Nicht nur das: Grodtmanns für den März angesetzte Knie-Operation wurde verschoben. Ein späterer Termin konnte wegen einer Infektion im Bein nicht wahrgenommen werden. Als das Gasthaus mit reduziertem Betrieb wieder öffnen durfte, war Grodtmann nicht in der Lage, seinen Mann zu unterstützen. Das Paar zog die Reißleine und bot das wunderschöne Anwesen zum Kauf an. „Wir verkaufen es aber nur, wenn es in unserem Sinne weitergeführt wird“, so der 70-Jährige im Sommer.

„Es hat sich gar nichts getan“, sagte Klaus Grodtmann vor einigen Tagen. Es habe immer wieder Kaufinteressenten gegeben, aber nur einen ernsthaften Bewerber. Zum Abschluss kam es noch nicht, weil dieser zunächst selbst etwas veräußern muss. Die Corona-Pandemie ist keine gute Grundlage für Geschäfte. Und Grodtmanns Knie ist noch immer nicht operiert, der neue Termin im Januar verschoben – wegen des erneuten Lockdowns. „Wenn ich wieder laufen könnte, würde ich wieder loslegen wollen“, sagt der 70-Jährige, „das Schlimme ist, dass wir überhaupt nichts planen können. Das schlägt aufs Gemüt.“

Gasthof Zur Post: Wechselbad der Gefühle

Carola und Uwe Staats.

In einem Wechselbad der Gefühle befand sich Uwe Staats das ganze Jahr über. Sein Gasthof Zur Post in Oederquart ist ein gut gebuchtes Traditionslokal. Wie allen Gastronomen riss ihm im Frühjahr der Lockdown den scheinbar sicheren Boden unter den Füßen weg. Erst vor vier Jahren hatte er in einen neuen Saal investiert. Geld, das er wieder zurückzahlen muss. In diesem Jahr tanzte dort kein Hochzeitspaar, kein Theater spielte.

Doch nicht nur das lastete schwer auf ihm, auch die Sorge um seine zehn Angestellten, die er in Kurzarbeit schicken musste. Auf der anderen Seite erlebte er eine unglaubliche Solidarität seiner Kunden. Aus ganz Kehdingen kamen sie nach Oederquart und nutzten sein Außer-Haus-Angebot. Manchmal hatte er das Gefühl, keiner kocht mehr zu Hause.

Auch jetzt im zweiten Lockdown halten die Kehdinger zu ihm.  „Sie sind immer noch bereit, Essen bei uns zu holen“, erzählt Uwe Staats, „und meist legen sie noch ein großzügiges Trinkgeld obendrauf.“

Bei aller Sorge ist er zuversichtlich: „Wir werden das wirtschaftlich überstehen“, sagte er kurz vor Weihnachten, „das Belastende ist, dass wir nicht wissen, wie lange es dauert.“

Drei Gastronomen und ihre Geschichten. Sie machten die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen greifbar.

Ein Moment 2020

Susanne Helfferich ist seit 30 Jahren Redakteurin beim TAGEBLATT. Die Gespräche mit Menschen in der Krise haben sie im Corona-Jahr besonders berührt.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter:

www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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