03.02.2017, 16:07
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Pferdemagazin: Der Olympia-Star aus Hemmoor
Leserbrief

HEMMOOR. Als die deutschen Dressureiter bei den Olympischen Spielen ihre Medaille sicher hatten, knallten nicht nur in Rio die Sektkorken. Auch in Hemmoor wurde gefeiert, denn eines der Pferde ist ein waschechter Hemmoorer. Hier gibt's das ganze TAGEBLATT Pferdemagazin zum Durchblättern.

Vor 16 Jahren wurde Desperados als erstes Fohlen der Staatsprämienstute „Wie Musik“ auf dem Hof der Familie Schütt geboren. Claus Schütt, Sohn des Züchters Herbert Schütt, erinnert sich noch genau: „Er war schon immer etwas Besonderes.“

Der Hengst sei ein hübsches Fohlen gewesen und habe sich von Anfang als Bewegungskünstler gezeigt. Anfangs sah es allerdings nicht nach einer großen Karriere, zumindest nicht als Zuchthengst, aus. Als der lackschwarze Hannoveraner 2003 vor die Körkommission, die darüber entscheidet, welche Hengste zur Zucht zugelassen werden, treten musste, lautete das niederschmetternde Urteil: „Nicht zugelassen.“ Paul Sprehe, Geschäftsführer des Gestüts Sprehe in Löningen und Vater von Desperados heutiger Reiterin, erkannte dagegen gleich das Potenzial des Rappen. Als teuerster, nichtgekörter Hengst der Auktion zog Desperados in das Gestüt Sprehe um. Und auch beim Publikum kam der Hengst anscheinend schon damals gut an. „Der Jahrgang war der erste, der im Internet zu besichtigen war. Desperados wurde am häufigsten angeklickt“, erzählt Schütt.

Ein Jahr später war die Körkommission dem Rappen gewogen, er erhielt sogar die Auszeichnung Prämienhengst. Von da an ging die Karriere des Hannoveraners steil bergauf. Er holte zweimal Bronze beim Bundeschampionat in Warendorf. 2011 übernahm Kristina Bröring-Sprehe den Rappen. In den Folgejahren erzielten sie zahlreiche internationale Erfolge, darunter Mannschaftsilber bei den Olympischen Spielen in London. Mit einem Sieg im Großen Preis der Dressur in Aachen sicherte sich das Paar erneut das Olympia-Ticket.

Dieses Mal war die Reise länger und aufwendiger. Am 1. August hoben „Despi“, wie Bröring-Sprehe ihr Erfolgspferd nennt und seine Kollegen vom belgischen Lüttich aus ab. Elf Pfleger und ein Tierarzt begleiteten jeden Flug. Nach der Ankunft in Rio ging es durch einen eigens für die Spiele eingerichteten Quarantäne-Korridor, der den Tieren lange Wartezeiten ersparte, zu den Ställen im Stadtteil Deodoro, wo die olympischen Reitwettbewerbe stattfanden. Um den vierbeinigen Spitzensportlern den Transport so angenehm wie möglich zu machen, wurden sogar komfortable Pferdetransporter aus Deutschland nach Brasilien verschifft.

Die Reise selbst sei unproblematisch gewesen, erzählt Kristina Bröring-Sprehe, der Hengst habe nur ein wenig mit seiner Muskulatur zu kämpfen gehabt. Einer der Gründe warum die Olympiapferde bereits eine Woche vor der sogenannten Horse Inspection anreisten. Ein weiterer Grund war die Sorge, die Pferde könnten sich nicht so schnell auf das Klima im heißen Brasilien einstellen. „Die Hitze stellte für Despi kein Problem dar“, berichtet Bröring-Sprehe.

„Desperados hat die Hannoveraner Zucht wieder zurück an die Weltspitze gebracht.“

Bereits nach der ersten Wertungsprüfung hatte sich die deutsche Mannschaft einen komfortablen Vorsprung erarbeitet. „Wir waren schon zuversichtlich. Aber wir mussten uns alle in der zweiten Wertungsprüfung noch einmal sehr konzentrieren, damit es zur Goldmedaille reicht“, so Bröring-Sprehe. Die Einzelmedaillen waren hart umkämpft. „Eine Medaille habe ich mir erhofft“, sagt Bröring-Sprehe. „Ich habe bis zum Schluss gezittert und bin überglücklich, dass Despi und ich die Bronzemedaille gewinnen konnten.“

Familie Schütt zitterte am Fernseher mit. „Dass er gut ist, wussten wir, aber es kann ja immer etwas dazwischen kommen“, sagt Claus Schütt, den eine Sache besonders stolz macht: „Desperados hat die Hannoveraner Zucht wieder zurück an die Weltspitze gebracht.“

Doch das Jahr hielt für den Hengst und seine „Crew“ noch weitere Höhepunkte bereit. In der vollbesetzten Niedersachsenhalle in Verden während des Schauprogramms anlässlich der Hannoveraner Hengstkörung wurde der De Niro/Wolkenstein II-Sohn zum Hannoveraner Hengst des Jahres gekürt. Unter großem Applaus nahm Herbert Schütt die Auszeichnung entgegen. Auch Kristina-Bröring Sprehe war aus diesem Anlass nach Verden gekommen und erklärte: „Dieser Preis bedeutet uns sehr viel!“ Schütt erhielt ein Ölgemälde des Künstlers Manfred Busemann sowie einen gutdotierten Scheck. Gemeinsam mit der R+V/Vereinigte Tierversicherung zeichnet der Hannoveraner Verband einmal im Jahr einen bedeutenden Hannoveraner Hengst aus.

Denn nicht nur im Sport, sondern auch als Vererber hat sich Desperados längst einen glänzenden Namen gemacht. Während der Vater noch Gold und Bronze aus Brasilien feierte, wurde sein Sohn Destacado in Warendorf Bundeschampion der dreijährigen Hengste. Insgesamt sind acht Söhne in das Hengstbuch I des Hannoveraner Verbandes eingetragen, fünf von ihnen verließen die Körung als Prämienhengste. Auch die Töchter müssen sich nicht verstecken. 38 Staats- beziehungsweise Hannoveraner Prämienstuten finden sich unter ihnen, darunter die beiden Bundeschampionessen Doris Day und Delany.

Doch das sollte nicht die einzige Ehrung bleiben. Die World Breeding Organisation for Sport Horses (WBFSH), die weltweite Vertretung der Zuchtverbände, zeichnete Herbert Schütt als Züchter des Jahres für Dressurpferde aus. Schütts Enkelin Antonia nahm den Rolex Award in Genf aus den Händen von Prinzessin Benedikte von Dänemark entgegen.

Das „Desperados-Team“ guckt derweil wieder nach vorn. Desperados und Kristina Bröring-Sprehe stehen auch in diesem Jahr im Bundeskader der Dressurreiter. „Meine sportlichen Ziele sind die Teilnahme an den Europameisterschaften. Außerdem wünsche ich mir Erfolge mit meinen Nachwuchspferden“, sagt Bröring-Sprehe. Darunter sind natürlich zwei Nachkommen ihres „Despis“. Auf dem Hof Schütt geht der Blick ebenfalls schon weiter auf die neue „Fohlen-Saison“. Auch Desperados Mutter, die 20-jährige „Wie Musik“, ist wieder tragend.

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