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"Das Halstuch" diesmal kein Straßenfeger

Kulturforum-Organisator Ronald Mahnke moderierte den Filmabend und verriet spannende Anekdoten über die Folgen der Erstausstrahlung der Kriminalgeschichte vor mehr als fünf Jahrzehnten.

Kulturforum-Organisator Ronald Mahnke moderierte den Filmabend und verriet spannende Anekdoten über die Folgen der Erstausstrahlung der Kriminalgeschichte vor mehr als fünf Jahrzehnten.

Das Kulturforum am Hafen in Buxtehude zeigt Kriminalfilm „Das Halstuch“ von 1962 vor wenig Publikum.  

Von Daniel Beneke Sonntag, 31.01.2016, 16:42 Uhr

Als das Erste Deutsche Fernsehen vor 54 Jahren die Kriminalserie „Das Halstuch“ ausstrahlte, saßen 20 Millionen Zuschauer vor den Mattscheiben. Der schwarz-weiße Streifen des britischen Autors Francis Durbridge (1912 – 1998) erzielte eine rekordverdächtige Einschaltquote von 90 Prozent. Die Sendung war tagelang Gesprächsthema Nummer eins in der Republik. Am Sonnabend ließ das Kulturforum am Hafen den Kult um den Straßenfeger aufleben und zeigte alle sechs Folgen des Klassikers, der damals eine ganze Nation in Atem hielt, am Stück.

Eher zufällig stieß der Präsident des Veranstaltungszentrums, Dieter Klar, auf den Mitschnitt der 1962 erstmals ausgestrahlten Filmreihe, die einem Stelldichein bekannter Schauspielergrößen wie Heinz Drache (1923 – 2002), Horst Tappert (1923 – 2008) Dieter Borsche (1909 – 1989) oder Heinz von Cleve (1897 – 1984) gleich kommt. „Das waren damals richtige Stars, teilweise noch aus den Vorkriegsjahren“, erklärte der Fotograf und Produzent. Kurzerhand entschloss er sich, die Kriminalgeschichte in einer Kinonacht im Kulturforum zu zeigen. „Das war für uns ein Experiment, wir hatten noch nie etwas mit Fernsehen gemacht“, bekannte Dieter Klar, den die Faszination für den Publikumsrenner nie losließ: „Während ‚Das Halstuch‘ lief, waren die Autobahnen leer. Das können sich die jungen Leute gar nicht mehr vorstellen.“

Entsprechend klein war der Kreis an Zuschauern, die sich am Sonnabend im Kulturforum eingefunden hatten. „Wir haben das vermutet“, gestand Moderator Ronald Mahnke, der durch den Abend führte und seinen Gästen in den Pausen kleine persönliche Anekdoten über die Sendung zu berichten wusste: „Für meine Geschwister und mich war das Pflichtprogramm.“ Die Besucher schilderten ähnliche Eindrücke. Lutz Willitzkat aus Nottensdorf erinnerte sich noch genau, wie er einst als Achtjähriger „mit der Familie“ vor dem Fernseher, einem großen Schrankgerät mit aufklappbaren Türen, saß. „Heimlich unter dem Tisch“ hätten die Kinder zugeschaut.

Dagegen kannten Franz und Marlies Wütz aus Buxtehude den Streifen bislang nur aus den Erzählungen ihrer Eltern: „Wir waren damals noch gar nicht geboren. Jetzt lassen wir uns überraschen.“ Die Cineasten schätzen Kriminalfilme aus früheren Jahrzehnten, etwa die „Miss Marple“-Reihe nach den Romanen der englischen Autorin Agatha Christie (1890–1976): „Die kennen wir alle in- und auswendig.“

Das Erfolgsprinzip der Serie war simpel. Regisseur Hans Quest (1915 – 1997) dehnte einen klassischen Kriminalfall auf sechs Folgen aus, wobei er zu Beginn jeder Episode noch einmal eine Zusammenfassung des bisherigen Geschehens lieferte. Den Zuschauern war also zu jeder Zeit bewusst, wovon die Reihe handelte. In dem Dorf Littleshaw in der Nähe von England fand ein Feldarbeiter eine tote junge Frau auf einem Erntewagen. Polizeiinspektor Harry Yates übernahm die Ermittlungen und fand heraus, dass sie mit einem Halstuch erwürgt wurde. Bereits im ersten Teil befragte er mehrere Personen der feinen bürgerlichen Gesellschaft – Gutsbesitzer, Verleger, Musiker, Kaufleute –, die mit dem Mordopfer in Kontakt standen und sich zunehmend in Widersprüche verstrickten. Bis zum Schluss blieb offen, wer der Täter war. Das allein würde heute kein Millionenpublikum mehr beeindrucken. Auch die filmische Inszenierung wirkte ungewohnt. Minutenlange Dialoge, eine statische Kameraführung und wenig Schnitte – ein krasser Gegensatz zum aktuellen Standard in Kino und Fernsehen.

Schwarzweiße Bilder, keine Effekte, hin und wieder setzte Spannung erheischende Trompetenmusik ein. Die Ermittler tippten auf Schreibmaschinen und orientierten sich mithilfe von Landkarten. Keine Spur von Smartphones und Apps. Gedreht wurde aus Kostengründen nicht in Großbritannien, sondern in Remscheid. Der Stadtteil Lennep diente als Kulisse für das idyllische Örtchen Littleshaw. Die Innenaufnahmen entstanden in einer Kölner Tennishalle. Die puristische Inszenierung hatte ihr Gutes: „Sie verstehen in diesem Film jedes Wort“, konstatierte die Buxtehuderin Marianne Suhr. In modernen Produktionen würden die Hintergrundgeräusche das eigentliche Geschehen überlagern, klagte sie.

Bei Käsekuchen und Cappuccino rätselten die Besucher, wer der Mörder sein könnte. Das Fernsehen wurde wieder zum Gesellschaftserlebnis. „Wir werden das wiederholen“, versprach Ronald Mahnke vom Organisationsteam des Kulturforums.

Wenige Zuschauer sahen „Das Halstuch“ aus der Feder des britischen Autors Francis Durbridge . Fotos Beneke

Wenige Zuschauer sahen „Das Halstuch“ aus der Feder des britischen Autors Francis Durbridge . Fotos Beneke

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