Sprache ist Schlüssel zur Integration
Unterrichtet wieder fünf Stunden in der Woche: Pensionär Jochen Dammann aus Hedendorf unterstützt seine Kollegin Carola Penzel beim Unterricht in den beiden Sprachlernklassen an der Integrierten Gesamtschule Buxtehude. Foto Vasel
Er ist zurück – aus dem Ruhestand: Lehrer Jochen Dammann aus Hedendorf steht wieder an der Tafel und unterrichtet Flüchtlingskinder in den Sprachlernklassen an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Buxtehude.
Er ist der erste Pensionär in der Region, der nach dem Appell von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt wieder eingestellt worden ist: „Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass die Integration gelingt.“
Soziales Engagement ist für den Hedendorfer kein Fremdwort. Er sitzt für die SPD im Rat und im Ortsrat und war Präsident der Vereinigten Sportvereine Hedendorf/Neukloster. Im Juli 2014 war Dammann in Pension gegangen, zuletzt unterrichtete der Lehrer an der Orientierungsstufe Schülerinnen und Schüler der Außenstelle des Halepaghen-Gymnasiums (HPS) im Schulzentrum Nord. Ganz konnte der Lehrer für Deutsch, Englisch und Sport allerdings auch vor seiner Wiedereinstellung nicht auf die Schule verzichten, und so gibt der 64-Jährige in der Offenen Ganztagsschule auch Schwimmunterricht – im Lehrschwimmbecken in Neukloster.
„Sprache und Bildung ist der Schlüssel für alles“, ist Dammann überzeugt. Als er den Brief seiner Ex-Chefin Heiligenstadt mit der Bitte auf Rückkehr durchgelesen hatte, sei für ihn „schnell“ klar gewesen: „Ich sage zu.“ Alle pensionierten Lehrer in Niedersachsen „unter 70“ hatten das Schreiben bekommen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Carola Penzel unterrichtet Dammann zurzeit in der Sprachlernklasse II der IGS; Mathe, Deutsch, aber auch Englisch. Insgesamt seien 32 Kinder in den beiden Sprachlernklassen der IGS. „15 Sprachen werden in den beiden Klassen gesprochen“, sagt der Rückkehrer. Unter anderen aus Syrien, aus Pakistan und aus den Balkanstaaten, aber auch aus Polen stammen die Kinder. „Wir stecken viel Herzblut in unsere Arbeit“, sagt die Lehrerin und Dammann nickt zustimmend, „die Kinder sollen erst einmal ankommen, sich wohlfühlen und unsere Kultur kennenlernen.“ Viele seien schließlich gerade erst Krieg und Terror entkommen.
Auch Alphabetisierung ist ein Thema. Wer aus dem arabischen Raum kommt, kann in der Regel die lateinische Schrift weder lesen, noch schreiben. „Wir vermitteln Schrift- und Deutschkenntnissen“, sagt der 64-Jährige.
Die Kinder und Jugendlichen, 10 bis 14 Jahre alt, sollen schnell Freundschaften schließen. In einigen Fächern werden sie deshalb in den Regelklassen unterrichtet. IGS-Leiterin Christiane Holst-Hakelberg freut sich, dass einige Schüler sich unter anderem als Paten einbringen. Das lobte unlängst auch HPS-Leiterin Bettina Fees-McCue an ihren Schülern. An der IGS organisierten Eltern ein Treffen mit den Eltern der Flüchtlingskinder. Bei den Nachmittagsangeboten, aber auch bei Sport und Musik, gebe es gemeinsamen Unterricht. „Die Musik verbindet, auch ohne Sprache“, sagt Holst-Hakelberg. Die Kinder seien „überwiegend“ bildungshungrig, sagt Dammann. Ein Mädchen aus Togo konnte bereits in die Regelklasse wechseln. Und die Sprechtage in dieser Woche hätten gezeigt, dass die Eltern der Flüchtlinge hohes Interesse an Bildung für ihre Kinder hätten.
Die erste Klasse wurde im März, die zweite im November vergangenen Jahres eingerichtet. Landesweit gibt es mittlerweile 460 Sprachlernklasse. „Vier sind es in Buxtehude“, sagt der Leiter der Fachgruppe Schule und Sport bei der Hansestadt Buxtehude, Jürgen Grimm. Nicht nur die IGS, auch die HalepaghenSchule engagiert sich; eine zweite Klasse wurde kürzlich genehmigt. Und: Im Gespräch ist gegenwärtig die Einrichtung einer fünften Klasse am Schulzentrum Süd, ergänzt der Fachgruppenleiter. Die vorhandenen Klassen seien voll. Die Krux: In Süd gibt es keine freien Räume, das Schulzentrum platzt schon heute aus allen Nähten. Des Weiteren gibt es hohe Hürden beim Ministererlass für die Sprachlernklassen, so muss die Hauptkraft eine Prüfung für „Deutsch als Zweitsprache“ abgelegt haben, ergänzt Grimm. Mit Carola Penzel hat sich die IGS eine versierte Fachkraft angeln können, sie unterrichtet vorher unter anderem in Mexiko. Dammann: „Viele werden bleiben, wir legen auch die Grundlage für eine Ausbildung und die Integration in den Arbeitsmarkt.“
Lehrer fehlen
Bis Ende 2015 sind in Deutschland rund 8300 Sprachlernklassen eingerichtet worden – für knapp 200 000 Schüler. Bislang stellten die Bundesländer 8500 Lehrer ein. Lehrerverbänden wie dem Philologenverband reicht das nicht, sie sehen einen Bedarf für 20 000 zusätzliche Lehrkräfte.