Almaani findet seinen Weg
Marktleiterin Sahereh Froughivand aus dem Iran und der Auszubildende Abdulrahman Almaani aus Syrien besprechen die Obst- und Gemüse-Bestellung in einem Supermarkt. Foto Charisius/dpa
Ginge es allein nach Marktleiterin Sahereh Froughivand, wäre der Fall bereits erledigt. Denn sollte ihr Azubi Abdulrahman Almaani in ihrem Supermarkt in Eimsbüttel so weitermachen wie bisher, gäbe sie ihn nicht mehr her. Lebensfroh, lustig und sehr freundlich sei er – und darüber hinaus auch noch kompetent.
„Ich bin überzeugt, dass er die drei Jahre seiner Ausbildung sehr gut meistern wird“, sagt die Marktleiterin nur rund dreieinhalb Monate nach Ausbildungsbeginn über den angehenden Einzelhandelskaufmann – was insofern außergewöhnlich ist, da der 20-jährige Syrer erst seit zweieinhalb Jahren in Deutschland lebt.
Almaani war mit seiner Mutter und seinem Bruder im Mai 2014 über ein UN-Programm als Flüchtling aus dem Libanon nach Hamburg gekommen, landete dort im August 2014 zusammen mit 188 Schülern aus 29 Nationen im Pilotprojekt „Dualisierte Ausbildungsvorbereitung“ (AvM-Dual). Die Hälfte der jungen Flüchtlinge im Alter zwischen 16 und 18 Jahren hatte zuvor weniger als sieben Jahre die Schulbank gedrückt, 25 Prozent sogar weniger als vier Jahre, wie der Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung (HIBB), Rainer Schulz, sagt.
Zwei Jahre später hatten von den verbliebenen 141 Schülern 37 Prozent den ersten und 27 Prozent den mittleren Schulabschluss in der Tasche. 27 Prozent wechselten danach direkt in eine Ausbildung oder Beschäftigung, 14 Prozent auf eine weiterführende Schule. 23 Prozent wiederum würden nun von der Bundesagentur für Arbeit auf eine Ausbildung vorbereitet, sagt Schulz. Alle anderen würden von der Jugendberufsagentur betreut oder hätten Hamburg verlassen.
Das zweijährige AvM-Dual-Programm ist inzwischen für alle jugendlichen Flüchtlinge über 16 Jahre Pflicht und wird nach Angaben der Schulbehörde derzeit von 2244 jungen Menschen genutzt. Es beinhaltet neben klassischem Schulunterricht in allen wichtigen Kernfächern drei neun- bis 13-wöchige Praktika, die im Wechsel mit der Schule absolviert werden.
Vor allem die mehr als 1000 nötigen Praktikumsplätze zu beschaffen, sei nicht einfach gewesen, sagt Schulsenator Ties Rabe (SPD). „Das war eine gewaltige Aufgabe“, zumal es sich bei diesen Plätzen nicht um irgendwelche Praktika handele, „sondern um solche, wo die jungen Menschen eine Orientierungsmöglichkeit haben“.
Etwa der 17-jährige Syrer Mohammad Alfteh Alschekh, der eigentlich unbedingt Kfz-Mechaniker werden wollte. Doch jetzt – kurz vor Ende seines Praktikums in einer Autowerkstatt – „weiß er ganz genau, in diesem Beruf möchte er in Zukunft nicht arbeiten“, sagt sein Integrationsbegleiter Zbigniew Wolny. Nun will er sich im sozialen Bereich ausprobieren.
Das mit den Praktika sieht auch Almaani so. Auch er hatte vor Beginn seiner Ausbildung Praktika absolviert, zunächst als Zahntechniker – jenem Beruf, den er schon in Syrien angefangen hatte zu erlernen. Obwohl er auch dort einen richtigen Ausbildungsplatz hätte bekommen können, entschied er sich nach einem weiteren Praktikum dennoch für den Einzelhandel.
„Ich brauche mehr Kontakt zu Menschen, um meine Sprache zu verbessern“, begründet er seine Entscheidung nicht ohne Stolz. Außerdem seien die Kollegen in dem Eimsbütteler Supermarkt „richtig nett“.
Da macht es offensichtlich auch nichts, dass ihn seine Chefin durchaus auch „quält“. Denn weil Froughivand überzeugt ist, dass der Deutsch-Unterricht an der Schule allein nicht ausreicht, lässt sie ihn jede Woche zusätzlich handschriftlich Fachberichte schreiben. Und nicht nur das: Nach Korrektur und Besprechung darf er sie noch einmal ins Reine schreiben und muss sie auch noch laut vorlesen.