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Die vielen Facetten des Tanzes

Julius Winkelsträter als kleiner Prinz. Foto Melanie Couson

Julius Winkelsträter als kleiner Prinz. Foto Melanie Couson

Mit der Premiere von „Im Aufschwung VII“ ist dem Bundesjugendballett im Ernst Deutsch Theater etwas gelungen, was Ballettaufführungen selten schaffen: die vielen Facetten zu zeigen, die Tanz hat.

Mittwoch, 29.06.2016, 18:40 Uhr

Die jungen Tänzer gewährten ihren Zuschauern einen Einblick ins tägliche Training, in ihr Streben nach der perfekten Ausführung einer Choreografie und in die universale Sprache des Tanzes.

Vor Beginn der Vorstellung stehen die acht Tänzer bereits auf der Bühne. Sie lassen das Publikum ihr Exercise an der Ballettstange beobachten, das von Bundesjugendballett-Leiter Kevin Haigen unterrichtet wird. Dieser geht zwischen den Tänzern hindurch, korrigiert beim einen die Armhaltung, beim anderen die Ausrichtung der Hüfte. Wer bereits im Saal ist, stellt nie wieder infrage, dass Balletttänzer körperliche Schwerstarbeit verrichten.

Auch der erste Teil der Aufführung lässt das Publikum nicht der Illusion von Leichtigkeit verfallen: Im kommenden Jahr möchte das Bundesjugendballett John Neumeiers „Bach Suite 3“ aus dem Jahr 1981 aufführen. Die Tänzer zeigen, wie sie an der Choreografie arbeiten. Noch sitzt nicht jeder Schritt. Die ein oder andere Pirouette endet in den Armen des Pas-de-deux-Partners statt in der Balance. Und die Elemente des Modern Dance scheinen den klassisch ausgebildeten Tänzern manchmal noch Schwierigkeiten zu bereiten.

Dem Publikum „Bach Suite 3“ als Probensituation zu präsentieren, ist mutig. Schließlich macht Haigen dabei permanent auf die Schwachstellen der Tänzer aufmerksam. Doch es lohnt sich. Denn direkt im Anschluss wird ein Ausschnitt der Choreografie mit Kostümen gezeigt. Dabei ist von Fehlern nichts mehr zu sehen. Die Illusion der Leichtigkeit ist da.

Insbesondere, wenn Giorgia Giani und Pascal Schmidt einen Pas de deux zu Bachs „Air“ tanzen, gewinnt man den Eindruck, die Erdanziehungskraft wirke auf der Bühne nicht. Das Bild von Schwerelosigkeit. Doch das Publikum hat vorher gezeigt bekommen, dass diese nicht real ist, schließlich hat es vorher die harte Arbeit gesehen und weiß die Leistung der Tänzer zu würdigen.

Den Kontrast zu Neumeiers neoklassischer Choreografie bildet nach der Pause die Hamburg-Premiere des Stücks „Ein kleiner Prinz“. Bei diesem Ballett beeindrucken nicht die Tänzer, sondern der 17-jährige Julius Winkelsträter, der den kleinen Prinzen tanzt. Die Produktion, die an den Roman von Antoine de Saint-Exupérie angelehnt ist, wurde gemeinsam mit dem jungen Mann mit Down-Syndrom erarbeitet. Das Bundesjugendballett hat dabei auf zahlreiche Choreografien zurückgegriffen und diese abgewandelt. Einige sind grandios getanzt. Und doch stellt Julius Winkelsträter mit seiner Bühnenpräsenz alle in den Schatten. Umso bedauerlicher, dass die Bravo-Rufe des Hamburger Ballettpublikums am Premierenabend ausschließlich den Tänzern galten.

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