Biobauern blicken bange nach Brüssel
Wie sieht der Öko-Obstanbau der Zukunft aus? Dazu tagen in Jork Öko-Obstbauern und Fachleute noch bis Sonntag. Foto Richter
Seit Freitag tagen in Jork 180 Öko-Obstbauern und Fachleute aus ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern. Noch bis Sonntagnachmittag geht es in Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen darum, wie der Öko-Obstanbau der Zukunft aussieht.
Schon im Paradies war der Apfel ein Symbol für die Sehnsucht nach Erkenntnis, Freiheit und Leidenschaft, sagte Dierk Augustin. Der Vorsitzende der FÖKO (Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau), eines Zusammenschlusses von Öko-Obstbauern aus ganz Deutschland, der die Tagung organisiert hat, weiß: Gerade am Öko-Apfel hängen heute neben diesen Sehnsüchten auch viele andere Wünsche und Erwartungen: gesundheitliche, wirtschaftliche, ökologische.
Die neue EU-Öko-Verordnung, die zurzeit noch in der Abstimmungsphase ist, zeige eine ganz bestimmte Sicht auf die ökologische Landwirtschaft: Was „Bio“ ist, werde über eine Produkt-Eigenschaft definiert, nämlich Rückstandsfreiheit. Vor der Abdrift unerwünschter und nicht erlaubter Stoffe von Nachbarbetrieben oder durch Umweltbelastungen könnten Öko-Obstbauern sich aber kaum schützen. Sollte die EU-Verordnung so gestaltet werden, wie es bislang aussieht, so Augustin, werde es auch keinen rechtlichen Schutz geben: Auch wenn es nicht der Öko-Obstbauer war, der die Substanz eingesetzt hat, deren Rückstände auf den Früchten gefunden wurden, darf er die Ware nicht mehr vermarkten.
Der Öko-Anbau wirke aber nicht nur durch die Produkte, sondern durch den ganzen Produktionsprozess auf Umwelt und Gesellschaft. „Dieser Zusatznutzen wird nicht genügend anerkannt“, erklärte Augustin. Derweil würden indirekte Kosten, die der konventionelle Anbau verursache, beispielsweise Antibiotikaresistenzen oder Trinkwasserbelastung, auf die Allgemeinheit abgewälzt.
Wozu die Europäische Union zurzeit überhaupt schon wieder eine neue Öko-Verordnung entwickelt, ist unklar. Das wurde im Vortrag von Marco Schlüter deutlich, der die Entwicklung und den aktuellen Stand darstellte. Die letzte EU-Öko-Verordnung wurde nämlich erst 2009 verabschiedet, berichtete der Vertreter und Lobbyist der IFOAM (Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen), der für diese seit mehr als zwölf Jahren in Brüssel aktiv ist. Er gab interessante Einblicke in das, was sich seit 2013 rund um die neue Verordnung in und hinter den Kulissen in Brüssel abspielt: Es war der rumänische EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos, der die Öko-Verordnung neu aufrollte. Vorausgegangen waren Skandale, bei denen konventionell angebaute Produkte als Bioprodukte deklariert wurden.
Die neue Verordnung dient allerdings nicht in erster Linie der Verhinderung solcher Täuschungen. Sie führt für ökologisch wirtschaftende Landwirte vor allem strengere Regeln ein: Verunreinigungen, beispielsweise durch Pestizide, sollen zu einem Vermarktungsverbot führen. Es soll kein konventionelles Saatgut mehr verwendet werden dürfen – obwohl ökologisches Saatgut für einige Produkte gar nicht auf dem Markt ist.
Die neue Verordnung hat schon jetzt bürokratischen Aufwand gebracht: Erst musste der Agrarministerrat eine Position beschließen. Das machte viele Arbeitsgruppentreffen notwendig. Deren Agenda legt die alle sechs Monate rotierende EU-Ratspräsidentschaft fest – in diesem Fall war es erst Lettland, dann Luxemburg. Jetzt sind gerade die Niederlande dran. „Wir hoffen, dass die Verhandlungen bis 30. Juni durchgehen“, so Schlüter. Danach sind nämlich die Slowakei und Malta dran. Diese sind offenbar weniger gut im Thema.
Auch das europäische Parlament hat sich mit der neuen Verordnung schon sehr beschäftigt: Der Bericht des EU-Parlaments wurde im Juni mit 402 Änderungsvorschlägen angenommen – auf Hunderten Seiten Papier. Die nächste Stufe ist der sogenannte „Trilog“: Die Kommission, der Agrarministerrat und das EU-Parlament handeln gemeinsam den Gesetzesentwurf aus. Dr. Stefan Dreesmann vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium hofft, dass es nicht so weit kommt: „Nicht nur wir, sondern alle 16 Bundesländer sind einer Meinung und haben die Bundesregierung mehrfach aufgefordert, im Prozess ‚Nein‘ zu sagen. Leider ist das nicht geschehen.“ Aus seiner Sicht wäre es besser gewesen, die EU-Verordnung von 2009 weiterzuentwickeln. Durch eine neue Verordnung drohe „noch mehr Verwaltungsaufwand“, inhaltlich sei aber „überhaupt nichts geklärt“. Das schade dem Ökolandbau, der in Deutschland immerhin 8 Milliarden Euro umsetze und Planungssicherheit brauche.
Im Alten Land hat der Öko-Obstbau übrigens einen Anteil von mehr als zehn Prozent, wie Thomas Dosch vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium lobte. Er erneuerte die Zusage seines Ministeriums gegenüber dem ökologischen und dem konventionellen Obstbau, „die hier völlig an einem Strang ziehen“, beim ökologischen Gebietsmanagement für Planungssicherheit zu sorgen: „Bis 2019 stellen wir auf jeden Fall die Kofinanzierungsmittel dafür zur Verfügung.“