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Estebrügge: Friedhofskultur im Wandel

Die Kirchenvorstände Dieter Winter (links) und Peter Lühmann nehmen den Steinmetz Christoph Köster hinter den neuen Stelen in ihre Mitte. Fotos Beneke

Die Kirchenvorstände Dieter Winter (links) und Peter Lühmann nehmen den Steinmetz Christoph Köster hinter den neuen Stelen in ihre Mitte. Fotos Beneke

Wer dieser Tage über den Friedhof hinter der Sankt-Martini-Kirche zu Estebrügge spaziert, dem wird auffallen, dass sich die Gestaltung des Friedhofs zusehends verändert.

Von Daniel Beneke Freitag, 01.04.2016, 16:49 Uhr

Das hat einen Grund: Nach langem Ringen und vielen Diskussionen hat der Vorstand der evangelischen Gemeinde vier zusätzliche Bestattungsarten eingeführt, die ab sofort buchbar sind. Damit möchten die Protestanten verhindern, dass Angehörige ihre Verstorbenen andernorts beisetzen lassen, wo moderne Begräbnisformen längst angekommen sind. Hintergrund: Im Sommer 2012 kamen die ehrenamtlichen Kirchenvorstände Dieter Winter und Peter Lühmann ins Amt. Seither beschäftigt sie die Weiterentwicklung des klerikalen Friedhofs. „Wir haben erlebt, dass es Fremdgänger gibt“, berichten sie.

Gemeint sind Familien, die ihren Toten zum Beispiel auf dem Waldfriedhof in Buxtehude oder dem Friedwald in Neukloster ein Grab unter Bäumen oder in Betonquadern sichern. Dass sich die Bestattungskultur bundesweit einem Wandel vollziehen muss, spüren sie inzwischen auch im Alten Land. „Die Menschen möchten pflegeleichte Gräber haben“, erklärt Steinmetz John Christoph Köster aus Neuenfelde, der den Estebrügger Kirchenvorstand bei der Umgestaltung des Friedhofs unterstützt. Große Flächen würden vermehrt mit Bodendeckern bepflanzt oder mit Steinen belegt. Der Trend gehe zur Urnenbeisetzung. „Das ist ein Kostenfaktor“, sagt der Unternehmer, dessen Familienbetrieb in der sechsten Generation individuelle Grabmale gestaltet. Oft würden die Kinder weit entfernt leben oder das Geld, einen Gärtner zu beauftragen, fehle.

„Viele Friedhöfe haben sich ihr eigenes Grab geschaufelt“, meint John Christoph Köster. Die klassischen Bestattungsformen fänden kaum noch Anklang, die Gebühren seien nicht kostendeckend kalkuliert – mit der Folge, dass sich die Anlieger schon zu Lebzeiten woanders ihre letzte Ruhestätte aussuchen. „Wir haben uns in den Nachbargemeinden umgeguckt“, schildert der Kirchenvorstand Peter Lühmann die Antwort der Estebrügger auf die neue Situation.

Bei der Ideenschau sind vier weitere Bestattungsmodelle zutage getreten, deren Umsetzung derzeit vorbereitet wird. Damit sind fortan zum Beispiel halbanonyme Urnenbeisetzungen unter Rasen möglich. Der Mutterboden ist bereits präpariert, das satte Grün wird schon bald sprießen. Auf einer Stele sollen kleine Plättchen mit den Namen sowie den Geburts- und Sterbedaten des Toten angebracht werden.

„Wir beginnen mit einer kleinen Fläche. Wenn die voll ist, wird eine neue angegangen“, sagt Peter Lühmann. An einer anderen Stelle steht bereits ein großer Betonkasten mit zwölf rechteckigen Fächern, offiziell Urnenwand oder Kolumbarium genannt. Bis zu zwei Urnen können in den einzelnen Luken verstaut werden. Der Bereich unter der alten Eiche wird gepflastert, eine Bank lädt zum Verweilen ein. Auf einer Metallplatte können die Namen der Verstorbenen verewigt werden. Wenn die Bestattung an diesem lauschigen Plätzchen den erwünschten Anklang finden wird, könnte das Kolumbarium seitlich erweitert werden, demonstriert sein Kirchenvorstandskollege Dieter Winter.

Ebenfalls im Nachbarort Buxtehude abgeschaut haben sich die Altländer die Familiengräber für bis zu vier Urnen. Sie sind etwa einen Quadratmeter groß und entstehen auf frei gewordenen Feldern, die durch neue Umrandungen optisch aufgewertet werden. Im Moment gleicht der Estebrügger Friedhof einem Flickenteppich.

Wenn die Lücken geschlossen werden, ändert sich das Erscheinungsbild zum Positiven, hoffen die Protestanten. Der Vorteil für die Angehörigen der Toten: Diese Bestattungsart folgt dem Trend der Urnenbeisetzung und erfordert nur wenig Pflegeaufwand, bietet den Familien aber sehr wohl einen gemeinsamen Ort der Trauer. Zu guter Letzt hält die Möglichkeit der halbanonymen Sargbestattung unter Rasen Einzug in dem Dorf an der Este.

Für alle dort Begrabenen wird ein gemeinsamer Grabstein auf die Namen, Geburts- und Sterbedaten hinweisen. Davor haben Angehörige, wie bei dem Urnenfeld, die Gelegenheit, zu Ehren der Verstorbenen kleine Blumen oder Gestecke abzulegen. Darüber hinaus ist vorgesehen, in diesem Areal eine Bank aufzustellen, damit die Besucher innehalten und ihrer Familienmitglieder oder Freunde gedenken können. Dafür suchen die Aktiven noch Sponsoren.

Ohnehin ist es kein leichtes Unterfangen, die neuen Bestattungsformen auf den Weg zu bringen. Zunächst einmal sind die Handwerker gefordert, alle Arbeiten in Handarbeit auszuführen. Viele Wege sind zu schmal für schweres Gerät. Vor allem aber arbeiten die Ehrenamtlichen mit einem knappen Budget: „Wir müssen auf die Kosten achten“, wird Peter Lühmann nicht müde zu betonen. Denn: „Wir machen jedes Jahr ein paar Tausend Euro Defizit“, gesteht der Estebrügger Protestant. Deshalb kamen alle Gebühren auf Prüfstand und wurden teilweise leicht angehoben. Noch etwas musste sich ändern: Bisher wurde der Organist bei Trauerfeiern aus dem Friedhofsbudget bezahlt. Doch ein Erlass der Landeskirche verbietet diese Praxis. „Wir verfahren daher in Zukunft so, wie es im Kirchenkreis Buxtehude seit langem üblich ist. Die Honorierung erfolgt jetzt privatrechtlich“, erklären Dieter Winter und Peter Lühmann.

Dass die neue Friedhofsordnung auch kritische Stimmen hervorrufen wird, war ihnen klar. „Das ist immer schwierig. Wir machen das ehrenamtlich und wollen nichts dran verdienen“, sagen die Kirchenvorstände, die bei ihren Planungen von Koordinator Christian Plate vom Kirchenkreisamt in Stade unterstützt wurden. Trotz der vielen Arbeit bereite ihnen ihr Engagement große Freude, denn die Umgestaltung beschere dem Estebrügger Friedhof neue schöne Ecken.

Kontakt: Dieter Winter (0 41 62/ 2 81), Peter Lühmann (0 41 62/ 73 36).

Zwei Urnen finden in den Fächern des neuen Kolumbariums Platz.

Zwei Urnen finden in den Fächern des neuen Kolumbariums Platz.

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