Harte Arbeit nach Sonnenuntergang
Über der Hahnöfer Nebenelbe geht die Sonne unter: Der Kutter „Elise“ liegt ruhig im Wasser, in zehn Metern Tiefe schwimmen die Stinte in die Netze des Hamenfischers. Fotos Vasel
Während über der Hahnöfer Nebenelbe die Sonne langsam untergeht, füllen sich in der Tiefe die Netze von Elbfischer Lothar Buckow. Doch er ist nicht glücklich: Immer weniger Stint schwimmt in der Elbe – eine Folge tödlicher Sauerstofflöcher im Sommer.
Es ist ein herrlicher Sonnuntergang – fast wie auf einem Gemälde des großen Malers Caspar David Friedrich. Doch die Schönheiten der Natur können der Elbfischer Lothar Buckow und sein Decksmann Dirk Ostmeier aus Jork-Wisch heute Abend nicht genießen. Sie müssen ihren Fang einholen – Fischmarkt, Laden und Gastronomie warten. In seinem Fischladen koste das Kilo rund neun Euro.
Auf der Hahnhöfer Nebenelbe ist es kalt, zum Glück hat der Wind endlich nachgelassen. 2,6 Grad ist das Wasser ‚warm‘. Als die Hamenfischer am Tage die Netze heruntergelassen hatten, wehte noch eine steife Brise, die Wellen schlugen kräftig an den Rumpf des Kutters „Elise“.
Während unter ihnen die Stinte zum Laichen den Fluss hinaufziehen, legt Buckow den Hebel um, mit Hilfe der Winde holen die beiden das erste, 42 Meter lange Netz an Bord. Die Netze hängen an zwei „Bäumen“ ihm Wasser. Die Strömung treibt die Stinte hinein. Die Maschen werden zum Ende enger – erst sind es 30, dann 14 Millimeter.
Langsam taucht das Netz aus dem Wasser auf. Der Stint zappelt kräftig. Mit einem kräftigen Ruck hieven Buckow und Ostmeier ihren Fang an Bord. Es riecht leicht nach frischer Gurke. Das ist der Duft der Stinte. „Ein Butt“, ruft der Decksmann, „der wird heute Nacht in meiner Pfanne landen.“ Zwischen den Stinten, in der Regel 10 bis 15 Zentimeter lang, entdeckt der Elbfischer einen langgestreckten silbrigglänzenden Fisch. „Ein seltener Nordseeschnäpel“ ruft der Elbfischer. Und so landet dieser gefährdete Wanderfisch gleich wieder in der Elbe. Knapp 125 Kilogramm Stint landen in den Kisten. Das ist nicht viel. „Wir Berufsfischer fangen seit Jahren immer weniger Stint“, erklärt Buckow. Vor zehn Jahren sei ihm noch die doppelte Menge ins Netz gegangen. „Das ist eine Folge der Sauerstofflöcher im Sommer“, ist sich der Elbfischer aus Jork-Wisch mit den Umweltverbänden und Fischereiexperten der Uni Hamburg einig.
Durch Sauerstofflöcher gehen insbesondere die Baby-Stinte und die Alten über den Jordan. Die bei Hitze auftretenden Todeszonen sind eine Folge der Elbvertiefungen, der Vernichtung von Flachwassergebieten wie dem Mühlenberger Loch, der Unterhaltungsbaggerungen und Fahrrinne und Hafen und der Einträge aus der Landwirtschaft. Auch ein Blick in die Kisten an Bord zeigt es: Vor allem drei bis vierjährige Stinte haben die beiden gefangen.
Stinte stellen mehr als 90 Prozent der Fischpopulation in der Unterelbe. Rund 80 Fischarten gibt es. Die lachsartigen und silberglänzenden Fische gehören zu der Familie der Lachsfische. Sie sind Nahrung nicht nur für viele andere, größere Fischarten. Auch Friedfische sagten nicht Nein, wenn ihnen Stintbrut auf den Teller komme. Letztlich, so Buckow, drohten negative Auswirkungen für das gesamte Ökosystem.
Typisch für Osmerus Eperlanus ist übrigens sein schlanker, leicht durchscheinender Körper mit langem Kopf und spitzem Maul. Stinte leben im Nordatlantik und in der Ostsee. Zum Winter zieht der Fisch in Schwärmen in das Brackwasser der Flussmündungen. Dort passt sich der Fisch dem Süßwasser an, um zum Laichen stromaufwärts zu ziehen.
Stinte fangen die Fischer von Oktober bis Weihnachten, und dann wieder von Mitte/Ende Januar bis März. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Stint an den Elbufern massenweise mit Netzen gefangen, viele Bauern verfütterten den Fisch an Hühner und Schweine oder brachten ihn als Dünger auf Felder aus. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand der Stint zeitweilig völlig und geriet als Speisefisch in Vergessenheit, bis sich die Wasserqualität nach dem Untergang der „DDR“ zum Besseren änderte. Seitdem ist die regionale Delikatesse ein wahrer Kultfisch – nicht nur in der Gastronomie im Alten Land. Eine Bildergalerie gibt es unter: www.tageblatt.de
Rezept-Tipp
Früher galt er als Arme-Leute-Essen. Heute ist Stint eine Delikatesse: Wegen seines Eigengeschmacks wird Stint meist ohne Schnickschnack zubereitet. Er wird in der Regel gebacken und komplett (also mit Gräten) gegessen. Stint wird in Norddeutschland traditionell in Roggenmehl gewendet und in Butterschmalz gebraten. Kopf und Schwanz bleiben dran. Zum Verzehr kann Stint im Restaurant in die Hand genommen werden. Das Rezept für vier Personen: 2 Kilogramm frischen Stint (küchenfertig reichen 350 Gramm pro Person), eine halbe Zitrone, 1 Teelöffel Salz, 100 Gramm Roggenmehl, 150 Gramm Margarine. Stinte waschen, salzen und säuern und im Mehl wenden. Margarine erhitzen und Stinte goldbraun braten. Wahre Liebhaber verspeisen ihn ganz mit krosser Haut und Flossen.
Elbfischer Lothar Buckow (links) und sein Decksmann Dirk Ostmeier holen das Netz mit Stint an Bord .
Buckow zeigt einen seltenen Nordsee-Schnäpel , der Fisch geht wenig später wieder „über Bord“.
Nordseeschnäpel im Blitzlichtgewitter.