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Das ist die neue S-Bahn

Flachbildschirme und Durchgänge zwischen den Wagen: So sehen die neuen S-Bahn-Züge von innen aus. Foto Hamann

Flachbildschirme und Durchgänge zwischen den Wagen: So sehen die neuen S-Bahn-Züge von innen aus. Foto Hamann

Große Bildschirme, Durchgänge zwischen den Wagen und Platz für 470 Fahrgäste: Ab Herbst 2017 fährt eine ganz neue S-Bahn durch Hamburg und den Landkreis Stade. 

Freitag, 29.01.2016, 14:00 Uhr

Ein Besuch beim Werk in Hennigsdorf nahe Berlin, wo die 60 Züge ausgestattet und zusammengebaut werden.

Auf Hamburg und den Landkreis Stade rollt was zu: Die S-Bahn-Flotte wird komplett erneuert. Insgesamt 60 Exemplare vom Typ ET 490 hat die S-Bahn Hamburg bei Bombardier bestellt. Das kanadische Unternehmen gehört zu den größten Zugherstellern der Welt. Die Wagenkästen werden in Polen gefertigt und kommen leer bei Bombardier in Hennigsdorf an. In der Kleinstadt nordwestlich von Berlin sind an sechs Tagen in der Woche bis zu 70 Mitarbeiter im Schichtsystem in der Endmontagehalle damit beschäftigt, die Züge auszurüsten. Hier erhalten sie ihr gesamtes Innenleben.

„Von der Stange kann man so etwas nicht kaufen“, sagt Kay Uwe Arnecke, Geschäftsführer der S-Bahn Hamburg. Die neue Zuggeneration sei speziell für das Netz im Großraum Hamburg entwickelt worden. Und die Verantwortlichen versprechen: Bei der Inbetriebnahme 2017 werde der ET 490 das Modernste sein, was auf deutschen S-Bahn-Gleisen unterwegs ist. Doch so weit ist es noch nicht.

Ein fast fertiger Prototyp ist in der Testhalle in Hennigsdorf zu bestaunen. Auf den ersten Blick lässt sich erkennen: Äußerlich bleibt es beim vertrauten Hamburger S-Bahn-Rot, allerdings mit Ausnahme der Triebwagenfront. Die ist der optische Clou: Das große Panoramafenster des Führerstandes ist in Silber eingefasst, bei genauerem Hinsehen bildet dieser Rahmen ein großes „H“. „H wie Hamburg“, sagt Arnecke lächelnd.

Die meisten Verbesserungen verbergen sich jedoch im Inneren, allen voran die Durchgänge zwischen den Wagen. Das sorge in den 66 Meter langen Zügen nicht nur für mehr subjektive Sicherheit bei Fahrgästen, es erleichtere auch eine Verteilung, sagt Arnecke. Geräumiger ist das Abteil hinter dem Führerstand. Dort haben Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollator und Reisende mit Koffern mehr Platz.

Erstmals bekommen Hamburger S-Bahnen eine Klimaanlage, die mit einer Wärmepumpe und deshalb energiesparend arbeitet. Sie ist unter dem Wagendach verbaut, weshalb die Deckenhöhe etwas niedriger ausfällt.

Neu sind auch die Flachbildschirme für Fahrplaninfos und Unterhaltung. An den Sitzpolstern ändert sich dagegen nichts: Es bleibt beim vertrauten Hellblau mit dunkelblauen Quadraten. WLAN ist in den neuen Zügen aber nicht vorgesehen.

Insgesamt 60 Exemplare vom Typ ET 490 hat die S-Bahn Hamburg bestellt, bestehend jeweils aus einem Triebwagen und zwei Waggons mit zusammen 470 Sitz- und Stehplätzen. Etwa die Hälfte der Flotte besteht aus Zweistrom-Fahrzeugen, die nicht nur mit Gleichstrom im Stadtnetz fahren können, sondern auch per Stromabnehmer mit Wechselstrom im Umland fahren können. Eingesetzt werden die Zwitterzüge derzeit nur auf der Linie S 3 nach Stade, später auch auf den geplanten Linien S 21 nach Kaltenkirchen sowie der S 4 nach Bad Oldesloe.

Ende 2016 wird ein erster Prototyp ohne Passagiere im Hamburger Netz getestet. Im Herbst 2017 folgen acht Fahrzeuge, die mit Fahrgästen im regulären Betrieb erprobt werden. Bis Ende 2018 sollen alle neuen Exemplare rollen. Dann sollen alle alten Züge vom Typ ET 472 komplett ersetzt worden sein. Die 112 vorhandenen Fahrzeuge der Baureihe ET 474 werden nach und nach bis 2021 komplett modernisiert. Auch sie werden durchgängige Wagen und Bildschirme erhalten. Insgesamt rund 450 Millionen Euro investiert die S-Bahn so in den kommenden Jahren in die Modernisierung und den Neubau ihrer Flotte.

Die „Geburtsstunde“ des S-Bahn-Streckennetzes in Hamburg ist der 16. Juli 1866. An diesem Tag nahm der Personenverkehr auf der Verbindungsbahn zwischen der Altona-Kieler Eisenbahn und der Hamburg-Berliner Bahn seinen Betrieb auf. Ein Jahr später, 1867, wurde die Trasse nach Blankenese eingeweiht, 1872 erfolgte der Brückenschlag über Norder- und Süderelbe. 1900 wurde mit dem Bau des heutigen Hauptbahnhofs begonnen.

Damals verkehrten im Hamburger Stadtverkehr noch Dampflokomotiven. Im Jahr 1904 kamen die Preußisch-Hessische Staatseisenbahnverwaltung und der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg überein, eine neue, elektrifizierte Eisenbahnstrecke vom Hamburger Stadtzentrum nach Ohlsdorf zu bauen und gleichzeitig den Bahnbetrieb auf der bereits bestehenden Linie Blankenese-Altona-Stadtzentrum auf elektrischen Betrieb umzustellen.

Die Revolution im Nahverkehr erfolgte am 1. Oktober 1907: An diesem Tag fuhr der erste mit Wechselstrom aus der Oberleitung betriebene Zug auf der Strecke zwischen Altona und Ohlsdorf – die Geburtsstunde der heutigen S-Bahn.

Die Pläne des Dritten Reichs für den Hamburger Schnellbahnbau führten Mitte der 1930er Jahre dazu, dass man sich zur Umstellung auf das in Berlin bereits bewährte, heute noch vorhandene Gleichstromsystem mit seitlicher Stromschiene entschloss. Am 22. April 1940 wurde der Fahrgastbetrieb zuerst auf der Strecke Ohlsdorf-Poppenbüttel mit Gleichstrom-Zügen aufgenommen. Am 20. Mai 1955 fuhr der letzte Wechselstromzug von Altona bis nach Ohlsdorf.

Ab 1962 wuchs das Hamburger S-Bahn-System erneut. 1965 wurde der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) als Zusammenschluss der Verkehrsunternehmen in Hamburg und einigen angrenzenden Gebieten gegründet. Die neue Tarif- und Planungsgemeinschaft brachte 1967 ihren ersten gemeinsamen Fahrplan heraus.

Die letzte Erweiterung des Hamburger S-Bahn-Netzes im 20. Jahrhundert erfolgte in Richtung Süden: 1983 wurde der Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Harburg Rathaus eröffnet; ein Jahr später erfolgte die Verlängerung bis nach Neugraben.

Nachdem die Hamburger S-Bahn schon lange Orte in Schleswig-Holstein bediente, wurde mit der Fahrplanumstellung am 9. Dezember 2007 auch Niedersachsen erschlossen. Mit der S-Bahn-Verlängerung von Neugraben nach Stade wuchs das S-Bahn-Netz um rund 32 Kilometer auf knapp 150 Kilometer.

Ende 2008 wurde die Flughafen-S-Bahn als bis heute letzte Erweiterung in Betrieb genommen. Doch das S-Bahn-Netz soll schon bald weiter wachsen, geplant sind die Verlängerung der S 21 bis nach Kaltenkirchen und der Bau einer neuen Linie S 4 bis nach Bad Oldesloe.

In Henningsdorf nordwestlich von Berlin werden die 60 neuen S-Bahnen bei Bombardier zusammengebaut. Fotos Deutsche Bahn (3)

In Henningsdorf nordwestlich von Berlin werden die 60 neuen S-Bahnen bei Bombardier zusammengebaut. Fotos Deutsche Bahn (3)

Und so sieht der Führerstand in den neuen S-Bahnen aus. Ab Herbst 2017 sollen die Züge in Hamburg und dem Landkreis Stade fahren.

Und so sieht der Führerstand in den neuen S-Bahnen aus. Ab Herbst 2017 sollen die Züge in Hamburg und dem Landkreis Stade fahren.

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