Kazim und die Krisenherde Vorderasiens
Der Journalist Hasnain Kazim referiert in der Seminarturnhalle.
Einer, der die Repressionen des Erdogan-Regimes in Sachen Pressefreiheit erlebt hat, ist Hasnain Kazim. Der SPIEGEL-Autor mit Wurzeln im Landkreis spricht im Interview über seine Ausreise und die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen in Deutschland.
Herr Kazim, Sie sind gerade von einer Recherche aus dem Irak zurückgekehrt. Was haben Sie dort genau gemacht? Ich war in Sindschar im Norden des Landes. Das ist eine Stadt, die vom Islamischen Staat (IS) besetzt war und im Dezember von kurdischen Kämpfern befreit wurde. Sindschar wurde – auch von den USA, aber mit Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung – massiv bombardiert, um den IS zu vertreiben.
Wie ist die Situation vor Ort? Es steht kein Stein mehr auf dem anderen. Ich wollte mir die Aufbauarbeiten anschauen und die Front sehen. Der IS ist nur zehn Minuten entfernt und wird dort von den Peschmerga bekämpft. Außerdem habe ich ein Frauen-Bataillon mit etwa 500 Jesidinnen getroffen. Viele von ihnen wurden vom IS entführt oder haben Angehörige, denen es so erging. Diese Frauen wollen selbst kämpfen, haben sich ausbilden lassen und greifen zu den Waffen.
Mittendrin in den Krisenherden Vorderasiens: Haben Sie dort eigentlich noch Angst? Nein, Angst habe ich nicht. Aber ich bin auch gewiss kein furchtloser Held. Ganz im Gegenteil: Wenn man Krisenreporter ist, muss man ein bestimmter Typ sein. Man muss immer auf der Hut sein und sich auf sein Bauchgefühl verlassen – und mehr noch auf die Fachleute vor Ort, denen man vertraut.
Sie mussten die Türkei vor Kurzem verlassen, weil Sie keine Presseakkreditierung mehr bekommen haben. Haben Sie das schon geahnt? Im Grunde genommen schon die ganze Zeit. Nach einer Geschichte bei SPIEGEL ONLINE im Mai 2014 musste ich das Land verlassen – wegen mehr als 10 000 Morddrohungen an mich. Ende 2014 habe ich also schon damit gerechnet, dass ich Istanbul verlassen muss. Die Akkreditierung lief damals aber erstaunlich glatt. Wir haben uns das so erklärt, dass sich die Türkei noch nicht getraut hat, auch die ausländische Presse einzuschränken.
Warum traut sie sich das jetzt? Im Juli 2015 gab es die Wahl in der Türkei, bei der Erdogan und die AKP die Alleinherrschaft verloren haben. Dann haben sie das Land in einen Bürgerkrieg gesteuert und Neuwahlen ausgerufen, bei denen sie im November die Regierungsmehrheit zurückgewonnen haben. Dadurch fühlt sich die Partei jetzt so gestärkt, dass sie meint, sie könne auch mit der ausländischen Presse so umgehen.
Warum wurde ausgerechnet Ihnen die Zulassung verweigert? Im Dezember habe ich die Verlängerung beantragt. Normalerweise dauert das höchstens zwei Wochen. Im Februar hatte ich die Zulassung aber immer noch nicht, doch der türkische Premierminister Davutoglu hat der Bundeskanzlerin zugesichert, alle deutschen Korrespondenten bekämen die Akkreditierung. Ich habe immer schon geahnt: Wenn es jemanden trifft, dann mich. Ich bin offensichtlich derjenige, den die Regierung und Präsident Erdogan am wenigsten leiden können.
Ausgerechnet Erdogan ist in der Flüchtlingskrise nun der Partner der Europäischen Union, auf dem alle Hoffnungen ruhen. Das ist ein Dilemma. Auf der einen Seite beschneidet die Türkei die Pressefreiheit. Auf der anderen Seite ist Europa aber auf sie angewiesen. Was die Flüchtlinge angeht, macht die Türkei aber eine gute Arbeit. Sie hat sehr viele aufgenommen, derzeit leben etwa 2,5 Millionen Syrer dort. Ich sehe, dass flächendeckend arabischsprachiger Unterricht eingeführt wird. Ich sehe, dass Syrer in den Arbeitsmarkt integriert werden, dass es kostenfreie Gesundheitsversorgung in staatlichen Krankenhäusern gibt.
Sind die Forderungen der Türkei an die Europäische Union für den Flüchtlingspakt denn verhältnismäßig? Ich denke, man ist gezwungen, mit der Türkei zusammenzuarbeiten. Ihre Geldforderungen halte ich für angemessen. Ich hielte es für falsch, ihr keines zu geben, nur weil schlecht mit der Presse umgegangen wird. Dann müssten die Flüchtlinge das ausbaden, was der Staat falsch macht.
In der Türkei zeigt der IS mehr Präsenz. In Syrien und im Irak ist er ohnehin zugegen. Was kann dort gegen den Terrorismus getan werden? Die Antwort darauf ist im Grunde die Lösung des Syrien-Konflikts. Syrien und Irak existieren faktisch nicht mehr als Staaten. Die Interessen der globalen Akteure sind so entgegengesetzt, dass es keine Antworten gibt. Was den IS angeht: Ich glaube, den kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht anders als militärisch bekämpfen. Das Bombardement der Anti-IS-Koalition ist also richtig. Erst dann können Bodentruppen wie die Peschmerga vorrücken. Leider werden viele Orte in Schutt und Asche gelegt.
In Ihrem Buch „Plötzlich Pakistan“ beschreiben Sie das Treffen mit einem 14-jährigen vorgesehenen Selbstmordattentäter. Wie treten Sie Menschen gegenüber, von denen klar ist, dass sie sich mit Unschuldigen in die Luft sprengen werden? Grundsätzlich habe ich die Haltung, dass ich mit allen spreche. Natürlich frage ich mich manchmal: Wie kann ich den nur davon abbringen? Aber bei solchen Gesprächen komme auch ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich mich frage, was Journalismus eigentlich bewirken kann. Ich spüre dann eine große Hilflosigkeit.
Lassen sich diese Extremisten in Kategorien greifen? Ich glaube, dass es mehrheitlich ungebildete, arme Menschen sind. Es sind oft Kinder, die in Koranschulen ausgebildet werden. Dort erhalten sie eine Radikalisierung – aber auch kostenfrei Essen und Trinken. Das bezahlen sie im Nachhinein mit ihrem Leben. Ich stelle fest, dass mehr Gebildete und Wohlhabende in den sogenannten Heiligen Krieg ziehen. Sie sind getrieben durch einen Hass auf den westlichen Lebensstil. Im Grunde ist alles ein Kampf zwischen der liberalen Welt mit Toleranz und Offenheit gegen den politischen Islam.
Aus Ihrer Zeit in Islamabad und Istanbul kennen Sie Leid und Terror nur zu gut. Jetzt leben Sie in Wien und Europa wird von einer Anschlagswelle erfasst. Sind das Bilder, an die auch wir uns langsam gewöhnen müssen? Ich befürchte, dass Terror zunehmen wird. Auf der anderen Seite gehören dazu immer die Bilder, die wir als Medien verbreiten. Man muss also realistischerweise sagen: Die Wahrscheinlichkeit, in der EU ein Terroropfer zu werden, ist nahezu null. Das ist zwar eine sehr statistische Sichtweise, aber ich weiß, dass solche Ereignisse psychologisch bei den Menschen viel mehr bewirken, als sie eigentlich müssten.
Hätten die Sicherheitsbehörden in Europa schon früher Alarm schlagen müssen? Im Nachhinein ist es immer schwierig, so etwas zu sagen. Die Türken sagen, sie hätten vor den Anschlägen in Brüssel gewarnt. Das Gleiche haben sie übrigens nach dem Terror in Paris gesagt. Natürlich muss man Fehler aufarbeiten und die Zusammenarbeit mit der Türkei intensivieren – trotz eines gehörigen Misstrauens. Terrorprävention ist aber immer so eine Sache. Denn sie bedeutet gleichzeitig Einschränkung von Freiheit.
Nach den Anschlägen von Brüssel gibt es wieder Solidarisierung und vage Willensbekundung. Wie steht es wirklich um eine gemeinsame Anti-Terror-Architektur? Das ist nicht mein Spezialgebiet, aber ich sehe, dass die Staaten in vielen Bereichen noch immer auf nationalstaatliche Denkweisen zurückfallen. Ich hoffe, dass man die Europäische Union wieder mehr pflegt und fördert und so eine gemeinsame Strategie entwickelt.
Warum ist Deutschland bislang kein Ziel des Terrors geworden? Das ist reiner Zufall. Wir berichten immer dann, wenn ein Anschlag passiert ist. Wir berichten dagegen sehr selten, wenn einer verhindert wurde. Ich denke, dass die Sicherheitsbehörden in vielen Fällen gute Arbeit geleistet haben. Ich finde es immer sehr schwierig, Flucht und Terror in einem Atemzug zu nennen. Aber dass unter den vielen Tausend Flüchtlingen vereinzelt auch Terroristen dabei sind, würde ich nicht ausschließen. Das, was die Behörden in Europa sagen, deutet darauf hin.
Das bedeutet im Klartext, es könnte auch uns jederzeit treffen. Deutschland ist ein weltpolitischer Akteur und kann sich nicht aus allem heraushalten. Natürlich nehmen auch die Terroristen zur Kenntnis, dass dieses Land zum Beispiel Waffen an die Peschmerga liefert, mit denen wiederum IS-Leute bekämpft werden. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Anschlag passiert, gegeben. Ich muss aber wieder betonen: Es bringt nichts, in Panik zu verfallen, denn die Wahrscheinlichkeit, hier Opfer eines Anschlags zu werden, ist sehr gering.
Hasnain Kazim, 41 Jahre alt, wuchs in Hollern-Twielenfleth im Alten Land auf. Im Anschluss an sein Abitur am Vincent-Lübeck-Gymnasium studierte er Politikwissenschaften und arbeitete als Freier Mitarbeiter für das TAGEBLATT. Nach seiner Korrespondenz für den SPIEGEL in Islamabad, Pakistan, und Istanbul, Türkei, lebt Kazim heute mit seiner Ehefrau und einem gemeinsamen Sohn in Wien. Der Autor ist Preisträger des CNN Journalist Award 2009 und des Goldenen Kompass 2015.
Bilder wie dieses aus der Stadt Homs in Syrien, wo im Februar 46 Menschen bei einem Attentat starben, gehören inzwischen zum Alltag von Krisenreportern . Foto dpa