Zähl Pixel
Maler, Architekt, Sozialist und Pazifist

TDreharbeiten zum Vogeler-Film fortgesetzt

Dreharbeiten: Schauspielerin Naomi Achternbusch (Paula Modersohn-Becker, von links) und ihre Kollegen Florian Lukas (Heinrich Vogeler) sowie Johann von Bülow (Rainer Maria Rilke) lassen sich von Torfkahnskipper Helmut Monsees (Verein „Find

Dreharbeiten: Schauspielerin Naomi Achternbusch (Paula Modersohn-Becker, von links) und ihre Kollegen Florian Lukas (Heinrich Vogeler) sowie Johann von Bülow (Rainer Maria Rilke) lassen sich von Torfkahnskipper Helmut Monsees (Verein „Find

Starauflauf am Torfschiffhafen im Karlshöfenermoor: Nach coronabedingter Unterbrechung wurden die Dreharbeiten für den Kinofilm über den Maler, Architekten, Sozialisten und Pazifisten Heinrich Vogeler (1872-1942) in Karlshöfen und Worpswede fortgesetzt.

Samstag, 06.06.2020, 15:00 Uhr

Von Thomas Schmidt

Produzent Matthias Greving (Kinescope-Film) konnte für die Titelrolle Florian Lukas („Weissensee“, „Good Bye, Lenin“) gewinnen. Auch die anderen Rollen sind hochkarätig besetzt: In der Rolle der Martha Vogeler ist Anna Maria Mühe zu sehen. Rainer Maria Rilke wird von Johann von Bülow dargestellt, Naomi Achternbusch spielt Paula Modersohn-Becker. Die preisgekrönte Regisseurin Marie Noëlle („Ludwig II“) setzt den Film, der fiktionale mit dokumentarischen Elementen verbindet, unter sehr besonderen Bedingungen in Szene.

Denn hinter den Kulissen führt noch jemand Regie: Corona. Wenn die Kamera nicht mehr läuft, setzen die Schauspieler sofort wieder ihren Mund- und Naseschutz auf, achten auf Abstandsregeln. Alle Schauspieler wurden vor dem Dreh auf Corona – negativ – getestet.

Corona-Auflagen wirken sich aus

„Die ganze Branche steht still zurzeit“, erläutert Produzent Greving bei einem Pressegespräch vor dem Barkenhoff in Worpswede. Unter strengsten Corona-Auflagen sei die „Vogeler“-Produktion in Deutschland eines der ersten Projekte, das jetzt langsam wieder anlaufe. Natürlich sei jetzt alles aufwendiger, sagt eine Sprecherin des Produktionsteams. „Wenn die Teams mit dem Bulli zum Drehort fahren, dürfen darin nicht sieben Leute, sondern nur drei sitzen.“ Alles dauert länger, wird teurer für Produzent Greving, der bereits seit 15 Jahren von dem Projekt träumt, um sich der Faszination Vogeler filmisch zu nähern.

Weder an der „Kreuzkuhle“ in Karlshöfenermoor noch am Barkenhoff in Worpswede lassen sich die Schauspieler und Techniker den zusätzlichen Stress in Sachen Corona anmerken. „Alle sind super nett – wirklich ein tolles Team“, sagt „Kreuzkuhlen“-Gastwirt Heino Lütjen, der das Filmteam mit seinen beiden Torfkähnen unterstützt, aber auch mit dem einen oder anderen flotten Spruch bei Laune hält. „Hier geht jeder respektvoll miteinander um. Und jeder packt mit an, wenn der Torfkahn mal festsitzt. Auch die Schauspieler“, schmunzelt der Gastwirt in Karlshöfenermoor.

Regisseurin Marie Noëlle (von rechts) dirigiert im Garten des Barkenhoffs die Schauspieler Florian Lukas, Naomi Achternbusch und Johann von Bülow. Foto: Schmidt

Regisseurin Marie Noëlle (von rechts) dirigiert im Garten des Barkenhoffs die Schauspieler Florian Lukas, Naomi Achternbusch und Johann von Bülow. Foto: Schmidt

Die perfekte Kulisse

Und mehr als einmal schippert Torfkahn-Skipper Helmut Monsees vom Verein „Findorffs Erben“ auf dem Kolbeck zwischen der „Kreuzkuhle“ und dem Hüttenbuscher Hafen hin und her, damit Kameramann Christoph Iwanow perfekte Bilder einfangen kann: an einem sehr langen Drehtag an der „Kreuzkuhle“, die an diesem Tag wohl zum ersten Mal in ihrer jahrhundertealten Geschichte einen professionellen „Regenmacher“ erlebt, der mit seiner Spezialeffekt-Ausrüstung anreist.

Die Landschaft von Karlshöfenermoor, der Torfschiffhafen und der Kolbeck bieten die perfekte Kulisse für traumhafte, fast märchenhafte Bilder aus dem Leben von Künstlern, die zur Jugendstil-Zeit um eine neue Ästhetik in Malerei und Literatur ringen, aber auch nach einem neuen Menschenbild suchen und sehr offen sind für neue Gesellschaftsformen in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Dreharbeiten werden am Barkenhoff fortgesetzt

Schauplatz für diese Ideenschmiede ist der von Vogeler entworfene Barkenhoff in Worpswede. Hier entstand 1905 „Sommerabend“ – Vogelers berühmtestes Bild. Es zeigt die Künstlergemeinschaft beim Musizieren und wird heute als Vogelers Vorahnung erster Zerwürfnisse interpretiert: Ausgerechnet Rilke fehlt. Und die Gesichter der Künstler, der Frauen und der Musen wirken seltsam entrückt, distanziert.

Einen Tag nach dem Dreh an der „Kreuzkuhle“ werden die Arbeiten direkt am Barkenhoff fortgesetzt; die Produktion lädt die Presse ein, den Akteuren beim Dreh über die Schulter zu schauen. Ein Journalist hat die charmante Idee, für ein Pressefoto Vogelers Bild auf der Barkenhoff-Terrasse mit den Schauspielern nachzustellen. Doch Produktionsleiterin Kirsten Lukaczik winkt freundlich ab und bittet um Verständnis: „Der Drehplan ist einfach zu eng.“

Unweit des Torfschiffhafens in Karlshöfen, der die perfekte Kulisse für märchenhafte Bilder bietet, findet das Produktionsteam eine weitere perfekte Location für den Film. Foto: Vogeler/Kineskope/Ben Eichler

Unweit des Torfschiffhafens in Karlshöfen, der die perfekte Kulisse für märchenhafte Bilder bietet, findet das Produktionsteam eine weitere perfekte Location für den Film. Foto: Vogeler/Kineskope/Ben Eichler

Corona-Test vor Drehbeginn

Gleichwohl gibt es spannende Einblicke in die Welt des Films unter Corona-Bedingungen. Florian Lukas verrät einem TV-Team wie es sich anfühlt, vor Drehbeginn auf Corona getestet worden zu sein. Es sei schon komisch, sich gegenseitig zu behandeln, als sei man schwer infektiös, schmunzelt er: „Wir müssen auch Szenen verändern. Wir können nicht mehr so nah beieinander stehen.“

Die Kunst der Regisseurin Marie Noëlle und ihrer Schauspieler wird es sein, dass man dem Film alles Mögliche ansieht: vor allem die Authentizität des Künstlermilieus jener Jahre, nur bloß nicht die schwierigen Bedingungen, unter denen dieser Film entstanden ist. Ob das gelungen ist, können die Zuschauer im nächsten Jahr sehen. Wann genau, ist ungewiss.

Schließlich müsse die ganze Filmbranche ihren „Corona-Stau“ aufarbeiten – auch in den Kinos, wie Produzent Greving betont. Und dann will der Starttermin für ein ambitioniertes Filmprojekt gut überlegt sein, wenn alle zur gleichen Zeit „nach Corona“ auf den Markt drängen.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.