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Die Fangemeinde der Vorleserin wächst

Die Lesepatin Gisela Hansen .

Die Lesepatin Gisela Hansen .

„Seit 15 Jahren mache ich eben allerhand“, sagt Gisela Hansen. Damals ging die Lehrerin in den Ruhestand und seither ist sie als Lesepatin einmal wöchentlich in der Freiburger Grundschule, verteilt Plakate für den Kornspeicher, leitet einen Lesekreis und sie kümmert sich neuerdings um Flüchtlinge.

Von Susanne Helfferich Montag, 22.02.2016, 16:56 Uhr

„Seit 15 Jahren mache ich eben allerhand“, sagt Gisela Hansen. Damals ging die Lehrerin in den Ruhestand und seither ist sie als Lesepatin einmal wöchentlich in der Freiburger Grundschule, verteilt Plakate für den Kornspeicher, leitet einen Lesekreis und sie kümmert sich neuerdings um Flüchtlinge.

Viele kennen die 72-Jährige von ihrer alljährlichen Weihnachtslesung. Seit 2008 liest sie in der kleinen Freiburger Bücherei, in die sich zuletzt mehr als 30 Zuhörerinnen und Zuhörer gedrängt haben. „Und meine Fangemeinde wächst“, sagt sie. Schon im September fange sie mit der Auswahl und dem Üben der Texte an, gerne welche mit Denkanstößen, wie „Das Wunder von Striegeldorf“ von Siegfried Lenz. Es darf aber auch komisch sein, wie „Hilfe, die Herdmanns kommen“.

Lesen ist der pensionierten Gymnasiallehrerin sehr wichtig. So trifft sie sich alle sechs Wochen mit ihrem Lesekreis. Da wird immer ein Buch besprochen, das alle in diesen sechs Wochen gelesen haben. Gerade hat sie das Buch „Sophia, der Tod und ich“ von ihrem ehemaligen Schüler Thees Uhlmann gelesen. „Dieser Chaot hat eine so schöne Sprache entwickelt“, sagt die Lehrerin. Jedes Buch, das sie in die Hand nimmt, liest sie auch durch. Da ist sie ganz diszipliniert. Aber es gebe durchaus auch die „Küchentischbücher“, die sie nur aufrecht sitzend durcharbeiten kann, „sonst schlafe ich sofort ein“. Am liebsten liest sie Biografien und Bücher der Zeitgeschichte. So hat sie gerade „Inside IS“ von Jürgen Todenhöfer gelesen.

Ihre Eltern hatten Wert auf die kulturelle Bildung ihrer fünf Kinder gelegt. Jeden Freitag las der Vater, ein Arzt, im Kreise der Familie vor. Auch Musik gehörte zur Erziehung. Gisela Hansen lernte mit zwölf Jahren Querflöte spielen und trat noch bis vor wenigen Jahren öffentlich auf. „Ich war nicht besonders begabt, aber immer sehr fleißig.“ So schaffte sie es ins Schulorchester und später in ein Hamburger Quartett. Auch in Nordkehdingen trat sie später auf. „Dann ist mir die Luft weggeblieben, und dann habe ich es sein gelassen“, erzählt sie, „alles hat seine Zeit.“

Jetzt ist die Zeit, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Bevor das Thema in Nordkehdingen aktuell wurde, hatte sie bereits eine alleinerziehende iranische Mutter in Hemmoor betreut, die nun für einen Arbeitsplatz nach Bonn gezogen ist. Jetzt begleitet sie die beiden syrischen Ehepaare, die im Oederquarter Gemeindehaus wohnen. „Das sind grundsolide Handwerker“, sagt sie. Als Englischlehrerin verständigt sie sich hauptsächlich in dieser Sprache mit ihnen. „Aber ich versuche auch, ihnen zusätzlich Deutsch beizubringen.“ In erster Linie sieht sie sich als Vermittlerin. „Mein Job ist, für sie Kontakte zu knüpfen, damit sie aus der Isolation kommen.“ So helfen die beiden Frauen inzwischen in der Kleiderkammer in Oederquart mit und gehen auch zum Sport. Was Gisela Hansen nicht macht, sind Chauffierdienste. „Ich pampere die doch nicht“, sagt sie, „wenn sie wo hin wollen, schaffen sie es alleine.“

Zum Pampern bleibt ihr auch nicht viel Zeit. Schließlich ist sie aktives SPD-Mitglied, geht regelmäßig zum Sport und zum Yoga („Obwohl ich total unsportlich bin“), besucht die Vorträge der Landfrauen, und dann gibt es auch noch die drei verschiedenen Doppelkopf-Runden, die sie nicht verpassen mag.

Die Fangemeinde der Vorleserin wächst

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