Archäologen legen alte Siedlung frei
Die Baugrube in Groß Thun: Gut zu erkennen ist der viereckige Grundriss eines Pfahlhauses aus dem ersten Jahrtausend . Im Hintergrund die Archäologen und die Schwingewiesen. Fotos Strüning
Bisher war es graue Theorie, jetzt haben Archäologen den praktischen Beweis geliefert: Sie legten in Groß Thun die historische Siedlung frei, die zur Festung Schwedenschanze in den Stader Schwingewiesen gehört. Sie gilt als die älteste Burg zwischen Rhein und Elbe.
Es könnte die Keimzelle der Stadt Stade sein. Zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert war die stark befestigte Schwedenschanze direkt an der Schwinge in Betrieb. Wegen seiner Mächtigkeit gehen Experten davon aus, dass es sich um ein Herrschaftszentrum handelt. Die entsprechende „Vorburgsiedlung“ kam jetzt zutage, weil auf einem Grundstück in Groß Thun zwei Einfamilienhäuser gebaut werden. Direkt unter den jetzt abgerissen Vorgängerbauten wurden die historischen Spuren entdeckt. Drei Wochen lang werden sie fein säuberlich vom Archäologen-Team der Stadt freigelegt.
Dazu gehören zwei Grubenhäuser, die auf Pfählen ruhten, wahrscheinlich diente eines von ihnen als Weberei für die Textilproduktion. Aber auch ein fünf Meter breites Wohnhaus und Tonscherben wurden sichergestellt. Stadtarchäologe Dr. Andreas Schäfer spricht von einem „Knüller“.
Die Altvorderen hatten es schon drauf, die Lage an der Schwinge war günstig gewählt. Die Burg war auf einer natürlichen Schleife der Schwinge angelegt. Allein das Ufer bot Schutz vor Angreifern. Ein heute noch 5,50 Meter hoher Wall aus Erde und Holzschichten machten die Schwedenschanze zur Trutzburg. Offenbar ist sie nie eingenommen oder zerstört worden. Die Elbe, damals in ihrem breiten Bett noch deutlich näher, war nur sechs Kilometer entfernt. Sie bot Anschluss an eine der wichtigsten Handels- und Verkehrsrouten, so Schäfer. Ebenso geschickt: 200 Meter östlich von der Burg befindet sich eine Sandinsel mitten in den moorigen Schwingewiesen. Dort wurde die Siedlung zur Burg errichtet. Drohte Gefahr, flüchteten die Bewohner dorthin. Diese Siedlung wurde jetzt entdeckt, exakt dort, wo noch heute – südlich der Bundesstraße 73 – Wohnhäuser in Groß Thun stehen. Offenbar haben diese Grundstücke über die Jahrhunderte als Wohnstätte gedient.
Was besonders spannend an der Schwedenschanze ist: Sie stammt aus den „dark ages“, den dunklen Jahren, aus der es kaum Funde und Quellen gibt und aus einer Zeit, dem frühen Mittelalter, in der die Elbe-Weser-Region als siedlungsleer galt. Die Festung mit Schiffsanlegeplatz ist in den Jahren 673/674 gebaut worden und umfasst ein Grundstück in der Größe von 100 mal 140 Meter. Das konnte mit Hilfe von Jahresringanalysen genau datiert werden. Benutzt wurde sie bis etwa 900. Offenbar besteht ein Zusammenhang mit dem künstlich aufgeschütteten Spiegelberg, in der heutigen Altstadt zwischen Stadt- und altem Hansehafen gelegen, drei Kilometer nördlich der Schwedenschanze. Dessen Spuren gehen bis in die Zeit um 900 zurück, als die Stader Grafen ihre Burg dort errichteten.
Mit der jetzt freigelegten Siedlung setzt sich das Puzzle der Burg fast vollständig zusammen. Der historische Friedhof zur Burg mit etwa 70 Ruheplätzen war 2011 im einen Kilometer entfernten Riensförde nahe des neuen Feuerwehrgebäudes entdeckt worden – in Vorbereitung des Neubaugebiets Heidesiedlung. Bereits 2009 entdeckten Archäologen 450 Meter südöstlich der Schanze das Ole Dörp, das alte Dorf, mit einer 70 mal 90 Meter großen Befestigungsanlage ebenfalls direkt an der Schwinge. Für Andreas Schäfer steht fest: „Die Schwedenschanze ist eine der wichtigsten archäologischen Orte Niedersachsens.“
Grabungsleiterin Andrea Finck zeigt auf die dunklen Schatten einer alten Feuerstelle (unten).
Zeugen der Vergangenheit: Scherben alter Tongefäße wurden in der Siedlung gefunden.
Die alte Zeichnung verdeutlicht die Lage der Schanze an der Schwinge, rechts davon das Dorf (Groß Thun).