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Die 24-Stunden-Reportage: Hier wird den Menschen geholfen

Die Buxtehuder-Bürgerbüro-Crew : Birgitt Saueracker, Cerstin Colberg und Jasmin Meyer (von links). Fotos Ratje

Die Buxtehuder-Bürgerbüro-Crew : Birgitt Saueracker, Cerstin Colberg und Jasmin Meyer (von links). Fotos Ratje

Von 14 bis 15 Uhr im Buxtehuder Bürgerbüro – Wenn Reisepässe oder Bescheinigungen fehlen.

Von Leonie Ratje Dienstag, 19.07.2016, 16:17 Uhr

Bassel Zanzoul lebt seit einem Jahr in Buxtehude. An diesem Nachmittag zieht er die Nummer 78 im Bürgerbüro der Stadt. Den kleinen Zettel mit der Zahl legt er in die bereits gut gefüllte Schale auf Cerstin Colbergs Schreibtisch, als er vortritt, um den Wohnsitz seiner Frau und seiner Töchter anzumelden. Vor einem Monat haben die drei ihre syrische Heimat verlassen und sind dem Familienvater nach Buxtehude gefolgt. Was schnell erledigt werden soll, scheitert zunächst – wichtige Unterlagen fehlen.

Seit November des vergangenen Jahres ist bei der Anmeldung eine Bescheinigung des Vermieters vorzulegen, die bestätigt, dass die gemeldeten Personen die Wohnung auch tatsächlich bezogen haben. Bassel Zanzoul hat eine solche nur für sich selbst, nicht aber für seine Frau und die Kinder. Sein Chef, Ilhan Albero Selcuk vom Friseursalon „Cut & Go“, der für ihn übersetzt, hilft und ruft kurzerhand den Vermieter an. Per Mail soll das entsprechende Dokument kommen. Cerstin Colberg erklärt sich bereit, darauf zu warten.

Anmeldungen, Führungszeugnisse, amtliche Beglaubigungen, Reisepässe und Personalausweise, Meldebescheinigungen, Bewohnerparkausweise oder Fischereischeine – immer geht es im Buxtehuder Bürgerbüro um wichtige Dokumente. Und um die Menschen, die diese benötigen. Genau darin liege der besondere Reiz, betonen Cerstin Colberg, Birgitt Saueracker und Jasmin Meyer, die an diesem Nachmittag das Bürgerbüro besetzen.

„In wenigen Augenblicken stellen wir uns auf Menschen und ihre Anliegen ein“, sagt Birgitt Saueracker. Immer wieder neu. Wenn der metallische Gong des automatischen Aufrufsystems ertönt und eine neue Nummer auf dem Bildschirm im Eingangsbereich blinkt, tritt wieder ein Fremder vor. Neuer Kunde, neue Runde. Der Rekord liegt bei 180 Besuchern an einem Tag.

Das Ausstellen von Ausweisen, Beglaubigungen und Anmeldungen ist Routinearbeit – oft sehr schöne. Am Vortag kam ein frisch vermähltes Brautpaar direkt nach der standesamtlichen Trauung, um neue Ausweise zu beantragen. Aber auch Anrufe aus der thailändischen Botschaft, Los Angelos oder von den Kanarischen Inseln nehmen die Verwaltungsfachangestellten entgegen. Wenn ein Reisender aus Buxtehude seinen Pass verliert, hilft das Bürgerbüro mit neuen Dokumenten.

Während Bassel Zanzoul und Cerstin Colberg noch immer auf die Mail des Vermieters warten, wendet sich Fabian Hardtmann an Jasmin Meyer. Er hat sein Portemonnaie bei einem Festival verloren und von seiner Bank den Hinweis bekommen, dass es ins Buxtehuder Bürgerbüro geschickt worden sei. Jasmin Meyer findet keinen entsprechenden Hinweis in ihrem Computer, ein Anruf im Fundbüro bleibt ebenfalls ohne Erfolg. „Das tut mir leid“, sagt sie, „vielleicht kommen Sie in den nächsten Tagen noch mal, kann ja sein, dass es sich noch auf dem Postweg befindet.“

Huda Zanzoul spielt mit ihren Töchtern. Im Wartebereich sind nicht alle Stühle besetzt. Jetzt, mitten in den Sommerferien, geht es ruhiger zu als üblich. Birgitt Saueracker zieht sich ins sogenannte „Backoffice“ zurück. Das ist eine Art gläsernes Rondell mit Arbeitsplätzen, die nicht für den Publikumsverkehr zur Verfügung stehen. Dort stellt sie Beglaubigungen aus oder kümmert sich um den Posteingang. In den Umschlägen von der Bundesdruckerei in Berlin stecken neue Ausweise und Pässe. Kopien von Abiturzeugnissen landen reihenweise unter ihrem Amtsstempel, die Bewerbungsfrist an den meisten Universitäten läuft in Kürze ab.

Raumpflegerin Ingrid Bock zieht ihren Wagen durch das Bürgerbüro und leert Papierkörbe. Laura Radschitzky beantragt ein polizeiliches Führungszeugnis für ihre Schule bei Jasmin Meyer, ein Rentner möchte wissen, an wen er sich wenden kann, wenn er ein Ehrenamt in der Stadt übernehmen möchte, ein Jugendlicher und seine Mutter beantragen einen Ausweis.

Endlich: Bei Cerstin Colberg rattert der Drucker. Um kurz vor 15 Uhr trifft die Mail des Vermieters ein. Zügig stellt sie die Meldebescheinigung aus und überreicht sie Bassel Zanzoul. „Alles Gute“, wünscht sie ihm und seiner Familie, die das Bürgerbüro verlässt. Eine andere Familie kommt.

Ihr Anliegen? Ein echter Bürgerbüro-Ferienklassiker: Tochter Marla benötigt einen Kinderausweis für den anstehenden Familienurlaub. Wer ins Ausland reist, ist verpflichtet, einen Ausweis bei sich zu führen. „Das war schon immer so, unabhängig von aktuell womöglich schärferen Grenzkontrollen“, betont Birgitt Saueracker. Ihren ersten Ausweis darf die vierjährige Marla gleich mitnehmen. 13 Euro zahlt ihre Mutter Maike Hillmann, und kurz darauf hält Marla stolz ihren Ausweis in den Händen. Das Legoland in Dänemark kann kommen – und Marla garantiert mit ihren Eltern zurück nach Deutschland reisen.

Reportageserie

In unserer Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Morgen lesen Sie an dieser Stelle einen Bericht über eine Stunde in einem Tierhotel.

Fabian Hardtmann vermisst sein Portemonnaie .

Fabian Hardtmann vermisst sein Portemonnaie .

Die 24-Stunden-Reportage: Hier wird den Menschen geholfen

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