Zähl Pixel
Archiv

Karl der Große hielt hier nicht Hof

Im Herbst 2014 legte Archäologe Dr. Jochen Brandt mit seinem Team einen Schnitt durch den Wall der Alten Burg bei Hollenstedt an. Fotos Landkreis Harburg / Archäologisches Museum Hamburg

Im Herbst 2014 legte Archäologe Dr. Jochen Brandt mit seinem Team einen Schnitt durch den Wall der Alten Burg bei Hollenstedt an. Fotos Landkreis Harburg / Archäologisches Museum Hamburg

Dendrochronologische Untersuchung und Ausgrabung von Dr. Brandt widerlegen Mythos – Alte Burg in Hollenstedt erst 892 errichtet.

Von Björn Vasel Montag, 23.11.2015, 21:14 Uhr

Jahrzehntelang stritten sich die Wissenschaftler: Jetzt ist das Geheimnis der „Alten Burg“ endlich gelöst. Der Ringwall von Hollenstedt ist erst im Jahr 892 errichtet worden. Das hat Kreisarchäologe Dr. Jochen Brandt (Archäologisches Museum Hamburg) aus Hamburg-Harburg im Herbst 2014 durch eine Ausgrabung und die Datierung älterer Holzfunde mithilfe der Dendrochronologie nachweisen können. Die „Karlsburg“ ist ein Mythos – mehr nicht.

Die frühmittelalterliche Alte Burg in Hollenstedt sei wiederholt mit dem fränkischen König und späteren Kaiser Karl dem Großen (747 – 814) in Verbindung gebracht wurden – „zu Unrecht“, wie der Archäologe Dr. Jochen Brandt im Kulturforum in Buxtehude vor fast 100 Geschichtsinteressierten im Rahmen der – von Heimatverein Buxtehude und Kulturforum getragenen – Vortragsreihe „Lebensader Este“ betonte. Der Kaiser soll, so steht es in den Annalen des Fränkischen Reiches („Annales regni Francorum“) im Jahr 804 am linken Ufer der Este sein Sommerlager aufgeschlagen haben – und hier Verhandlungen mit den slawischen Obodriten und den Dänen geführt haben.

„Denn der Kaiser [Karl der Große] residierte nahe der Elbe an einem Ort, der Holunstedi heißt. Und nachdem er eine Gesandtschaft an [König] Godfried [von Dänemark] wegen der Herausgabe von Flüchtlingen abgesandt hatte, ging er Mitte September nach Köln“, heißt es in den Reichsannalen.

Keramik-Funde mussten als „Kronzeuge“ dieser (Karlsburg-) Theorie herhalten. Archäologen wie Claus Ahrens sahen in dem Ringwall eine „Scheinburg“ – errichtet nur aus Repräsentationsgründen für den Kaiser im Jahr 804. Doch nicht alle Wissenschaftler unterstützten diese „Scheinburg“-Theorie. Auch die Slawen wurden – beispielsweise durch den früheren stellvertretenden Direktor des Helms-Museums in Harburg, Friedrich Laux – mit dem Ringwall in Verbindung gebracht. Wieso? Karl der Große hatte den Obodriten – bereits Verbündete der Franken beim Kampf gegen die Sachsen – die nordsächsische Gegend 804 bis 812 als Grenzschützer überlassen. Bei den Ausgrabungen war Keramik mit slawischen Mustern entdeckt worden. Doch diese Scherben, das zeigte die Ausgrabung der „Hammaburg“ auf dem Domplatz in Hamburg, waren keine Importe aus dem Osten. „Es war sächsische Keramik – mit slawischer Verzierung vom Typ Hamburg A“, sagte Brandt. Das war eine Form des „Kultur-Transfers“. Kurzum: Die Alte Burg gab es Anfang des 9. Jahrhunderts „noch gar nicht“, sagte der Archäologe, als Mitarbeiter des Archäologischen Museums (Helms-Museum) auch zuständig für die Bodendenkmalpflege im Landkreis Harburg.

Und er kann es sogar beweisen, dank einer Untersuchung von Holzfunden und einer weiteren Ausgrabung im Jahr 2014 – genau dort, wo bereits 1971 der Wall aufgeschnitten wurde. Damals gab es eine Rettungsgrabung, als Fischteiche angelegt wurden. Die Freie und Hansestadt Hamburg erwarb das Gelände 1970, um die Reste des Ringwalls (Innendurchmesser: 80 Meter) zu erhalten. Die dendrochronologische Untersuchung (Bestimmung über die Jahresringe der Hölzer) ergab jetzt, dass die Alte Burg um 892 errichtet worden sein muss.

Deshalb geht Brandt davon aus, dass die Befestigung „als Anlage anzusehen ist, die im Zuge der Ausbildung herrschaftlicher Strukturen oder als eine Reaktion auf kriegerische Bedrohung, angelegt worden ist“. So könne diese als Adelsburg der Stader Grafen gedient haben – „zur Untermauerung ihrer Herrschaft in dieser Region“ und/oder auch als Schutzburg. Schließlich machten Wikinger und Ungarn die Gegend im 9./10. Jahrhundert unsicher. Dieser Auffassung, dass es sich um eine Adelsburg der Grafen handelte, vertrat bereits Artur Conrad Förste, so Dr. Brandt.

Übrigens: Der Wall war einst bis zu acht Meter breit und vier Meter hoch. Es handelte sich um eine Holz-Sand-Konstruktion, die auf beiden Seiten mit Plaggen verblendet war. Im Innern des Walles existierten einige Häuser, sie bestand offenbar nur wenige Jahrzehnte.

Doch nicht nur eine Burg hat Hollenstedt zu bieten, sondern auch eine der ältesten Kirchen (9. Jahrhundert) der Region und eine frühmittelalterliche Nekropole auf dem Glockenberg – mit dem Grab eines „Dorfhäuptlings“ der Altsachsen. Der Reiter war mit Speer, Schwert, Lanze und einem Pferd bestattet worden. „Er stand in der sozialen Hierarchie ganz oben“, ist der Kreisarchäologe überzeugt.

Das waren nur einige Highlights aus Brandts spannendem Vortrag zur Archäologie im Estetal. In gut einer Stunde reisten die Besucher fast 50 000 Jahre lang durch die Geschichte. Dabei gab er auch einige kuriose Geschichte zum Besten. So verbuddelten die Bauherren auf der herzoglichen Domäne in Moisburg um 1500 unter der Groot Dör ein Schwein ohne Kopf und Beine als „Bauopfer" – ein Aberglaube, der sich über Jahrhunderte hielt.

Ein Schwein als Bauopfer , ausgegraben auf dem Areal der früheren Domäne unter einem Wirtschaftsgebäude.

Ein Schwein als Bauopfer , ausgegraben auf dem Areal der früheren Domäne unter einem Wirtschaftsgebäude.

Sächsische Scherben mit slawischen Mustern aus der Alten Burg.

Sächsische Scherben mit slawischen Mustern aus der Alten Burg.

Mit diesen Waffen trat ein Altsachsen aus Hollenstedt seine Reise in das Jenseits an.

Mit diesen Waffen trat ein Altsachsen aus Hollenstedt seine Reise in das Jenseits an.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.