Neu Wulmstorf: Vision vom Landhof wird Realität
Der stattliche Longhorn-Bulle „Boomer Max“ hat eine wichtige Aufgabe: Er soll eine Herde aufbauen .
Nach dreieinhalbjährigem Planungsmarathon hat der Neu Wulmstorfer Thomas Hauschild endlich freie Bahn für sein Herzensprojekt: Im Neu Wulmstorfer Süden baut der Koch und Erfinder der „Sylter Salatfrische“ nach und nach einen bäuerlichen Mikrokosmos auf.
Allein die Szenerie, die sich dem Zaungast auf den hügeligen Weiden am Neu Wulmstorfer Moorweg bietet, zeigt, dass hier etwas geschieht, das mit konventioneller Landwirtschaft nichts gemein hat. Bunte Bentheimer Schweine liegen entspannt in der Sonne und durchwühlen die Erde nach Essbarem. Sie leben in sechs Gruppen zu je 20 Tieren, jede Gruppe hat ihr eigenes Areal mit eigenem Schlafhäuschen. Ein Stück weiter laufen bunte Hühner 14 verschiedener Rassen um ihren mobilen Hühnerstall. 20 Robustrinder der Rasse Texas Longhorns mit ihren charakteristischen, bis zu zwei Meter breiten Hörnern vermitteln leichtes Western-Flair, und am anderen Ende der Weide springen die Kälber des Angler Rotviehs vergnügt um die rotbraunen Kühe herum.
Die gut 30 Hektar große Weide ist das Herzstück und der erste sichtbare Meilenstein des künftigen Landhofs, den der Chef des Restaurants „Zum Dorfkrug“ und Erfinder der Erfolgs-Sauce „Sylter Salatfrische“ im Neu Wulmstorfer Süden baut. Eigentlich wollte Hauschild mit dem Bau der Ställe auf den Weiden am Moorweg und dem eigentlichen Hof, den er schräg gegenüber auf dem Gelände des alten Betonwerks schaffen wird, schon begonnen haben. Doch die strengen Naturschutz- und Artenschutzprüfungen haben das Projekt immer wieder verzögert.
Auch jetzt kann Hauschild mit dem Gebäudeensemble an der Wulmstorfer Straße noch nicht loslegen. Für die Heidelerche, die mutmaßlich auf dem Gelände lebt, muss erst noch ein Ausgleichsbrutplatz geschaffen werden. Dafür müssen Bäume gefällt werden, und das geht erst wieder ab Herbst, weiß Hauschild.
Im nächsten Jahr aber soll es dann losgehen mit dem Bau der Scheune und Ställe für die Herden. Schritt für Schritt soll dann sein Herzensprojekt Gestalt annehmen: ein bunter Bauernhof nach alter Art als Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft und Massentierhaltung. Auf Hochleistung gedrillte Tiere, die ihr ganzes Leben im Stall verbringen, zuviel Pestizide und Schlachten am Fließband: Diesen Weg will Hauschild als Koch, Restaurantchef und Lebensmittelunternehmer nicht mehr mitgehen.
Seine Vision entbehrt nicht einer gewissen Romantik, hat auch Spötter auf den Plan gerufen, die ihm Träumerei attestieren. Doch Hauschild will zeigen, dass Landwirtschaft auch heute noch anders gehen kann, zumindest im überschaubaren Rahmen: Artgerechte Haltung, natürliches Futter, ein respektvoller Umgang mit dem Tier und in der gesamten Produktionskette Transparenz in einem Kreislauf, der sichtbar und nachvollziehbar sein soll. Tiere, die ihre Leben das ganze Jahr über auf weitläufigen Weiden verbringen, mit Heu und Gras vernünftig ernährt werden, und am Ende, wenn es zum Schlachter geht, ihr Leben ohne Stress beenden können.
„Es ist ein Weg. Es wird eine bunte Welt, die immer größer wird. Eine bunte Welt gegen die Einheitswelt, eine Welt, die erhalten bleiben soll. Wir sind gerade dabei, das alles auszulöschen“, sagt Hauschild, und er weiß: „Natürlich bedienen wir eine gewisse Romantik, aber ich finde, dass es die geben muss.“
Fred Nowack, wie Hauschild gelernter Koch, ist Betriebsleiter auf dem Landhof und kümmert sich um die ständig wachsenden Tierbestände. Etwa 120 Bunte Bentheimer bevölkern schon jetzt pro Jahr das Gelände, später sollen es mal 240 werden. Mit 74 Angler Rindern hat der Landhof schon jetzt die größte Population dieser Rasse in Deutschland. Bald sollen es 100 sein, sagt Nowack.
Die eigentliche Hofanlage auf der fast drei Hektar großen Fläche des ehemaligen Betonwerks wird das zweite Herzstück des Landhofs. In das L-förmige Gebäudeensemble wird Hauschild mit seiner Familie selbst einziehen und dort seinen privaten Lebensmittelpunkt schaffen. Darüber hinaus soll es dort vorrangig um die Wissensvermittlung gehen. Geplant sind Räume für Fortbildung und Unterkunft, Handwerker könnten sich dort niederlassen und traditionelle Handwerkskunst zeigen. Unten direkt an der Wulmstorfer Straße soll ein Laden entstehen, in dem die landwirtschaftlichen Produkte angeboten werden.
Was Hauschild mit der Haltung der Tiere begonnen hat, soll sich in der Verarbeitung fortsetzen. Die Milch der Angler Kühe fließt in die Puddings und Vanillesaucen, am Produktionsstandort in der Rudolf-Diesel-Straße hat er gerade eine kleine Molkerei aufgebaut. Die Produktpalette reicht längst weit über die „Sylter Salatfrische“ hinaus, und wächst immer weiter. 150 Mitarbeiter beschäftigt das Neu Wulmstorfer Unternehmen inzwischen.
Seine neueste Idee hat Hauschild gerade auf der Fachmesse Internorga vorgestellt: Convenience-Produkte für die Gastronomie. Bolognese-Saucen, Rouladen und Spareribs sollen demnächst in Neu Wulmstorf produziert werden. In einer von Kostendruck und Personalmangel geprägten Zeit kommen viele Gastronomen um den Einsatz von Convenience-Produkten nicht herum, weiß Hauschild: Die will er ihnen bieten, aber ebenfalls auf qualitativ hohem Niveau und mit der Garantie, dass Fleisch und Milch von Tieren aus artgerechter Haltung stammen.
Dazu erweitert Hauschild sein regionales Netzwerk kontinuierlich um Partnerbetriebe, die mit ihm zusammenarbeiten. So ist Landwirt Achim Rust aus Daerstorf als Partner mit der Haltung von Welsh-Black-Rindern eingestiegen, Heiner Holst aus Elstorf liefert mit seinen Holsteiner Schwarzbunten Milch zu, und schlachten lässt Hauschild bei Schlachter Röhrs in Jork.
Nach und nach soll so ein in sich geschlossener bäuerlicher Mikrokosmos entstehen, das Mosaik mit seinen vielen einzelnen Steinchen sich langsam zu einem Gesamtbild fügen, wünscht sich Hauschild. „Und am Ende soll unser Beispiel auch andere animieren zu sagen: ‚Das könnte man vielleicht so machen.‘“