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Protest gegen Großunterkunft wächst

Rote Karte für die Planer der Großunterkunft Am Aschenland: Viele Zuhörer bei der Info-Veranstaltung äußerten ihren Unmut und hoben Schilder mit der Botschaft „1500“ in die Höhe – die Zahl markiert die von ihnen geforderte Obergrenze für Fl

Rote Karte für die Planer der Großunterkunft Am Aschenland: Viele Zuhörer bei der Info-Veranstaltung äußerten ihren Unmut und hoben Schilder mit der Botschaft „1500“ in die Höhe – die Zahl markiert die von ihnen geforderte Obergrenze für Fl

Mehr als 4000 Flüchtlinge auf konzentriertem Raum in Fischbek? Das wollen Anwohner im Stadtteil so nicht hinnehmen. Am Sonntag machten dies 700 Teilnehmer einer Demonstration gegen die Großunterkunft am Aschenland deutlich.

Von Sabine Lepél Dienstag, 02.02.2016, 16:14 Uhr

Bei einem Informationsabend des Bezirks in der CU Arena, zu der 600 Interessierte gekommen waren, setzten die Bürger ihren Protest fort.

Ohrenbetäubende Pfeifkonzerte, wütende Zwischenrufe und hämisches Gelächter: Es war nicht ohne, was sich Bezirksamtsleiter Thomas Völsch und seine Mitstreiter aus dem Bezirksamt, von der Polizei und anderen Behörden anhören mussten. Völsch, der selbst seit Jahrzehnten in Neugraben wohnt, wurde als „Schwätzer“ bezeichnet, Jutta Warnck, Leiterin des Neugrabener Polizeikommissariats, wurde ausgelacht und ausgebuht. Wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen geht, wird der Ton zunehmend schärfer.

Wo sich noch vor Monaten niemand getraut hat, öffentlich etwas gegen die Pläne zur Flüchtlingsunterbringung zu sagen, sind Gegner und Kritiker inzwischen oft in der Überzahl. Wobei es ihnen in der CU Arena nicht darum ging, den geplanten Standort komplett zu verhindern, mit dessen Realisierung insgesamt mehr als 4000 Asylsuchende am Geutensweg und nebenan am Aschenland wohnen würden. „Wir wollen eine Obergrenze von 1500 Flüchtlingen für den Stadtteil, weil es sonst keine Integration geben kann“, wie Ute Skolinski von der Bürgerinitiative Neugraben-Fischbek dem TAGEBLATT sagte.

Die Initiative hatte an die Besucher rote Blätter verteilt, auf denen die Zahl 1500 gedruckt war und dazu aufgefordert, diese Karten als Meinungsäußerung demonstrativ hochzuhalten. Dem wurde zahlreich und lautstark nachgekommen. So gingen die ersten Worte des Bezirksamtsleiters fast unter: „Wir haben allein in Harburg 3000 Menschen in den Zentralen Erstaufnahmen. Die Bedingungen dort sind unzumutbar. Wir müssen handeln, um der drohenden Obdachlosigkeit von Schutzsuchenden in Hamburg entgegenzuwirken.“ Selbstverständlich müsse in Neugraben die Infrastruktur verbessert werden, um die Menschen vernünftig integrieren zu können. Deshalb seien eine zusätzliche Kita, weitere Klassen an den Grundschulen und weiterführenden Schulen, mehr Lehrkräfte, eine bessere Taktung der Busse in die Hamburger Innenstadt und eine ausgebaute ärztliche Versorgung in der Planung.

„Im Bezirksamt besteht seit mehreren Monaten eine Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit allen Aspekten der Quartiersentwicklung befasst“, so Völsch. Wichtig sei, deutlich zu machen, dass es keine Extraangebote für die Flüchtlinge geben werde, sondern diese für den insgesamt wachsenden Stadtteil zur Verfügung stehen sollen: „Neugraben soll durch die Unterkunft keine Nachteile haben.“ Auch diese Bemerkung des Bezirksamtsleiters wurde mit lauten Pfiffen und Gelächter quittiert.

„Der Bezirk hat doch bei den Planungen eh nichts zu sagen“, „Das ist frustrierend, was hier vorgestellt wird“ – solche Äußerungen waren immer wieder zu hören. Besonders viel Kritik musste Jutta Warnck einstecken, die meinte, die Sicherheitslage in Neugraben sei gut, und aus ihrer Sicht müsste die Wache nicht verstärkt werden. „Ich weiß, dass viele denken, die Polizei lügt, wenn sie davon spricht, dass es im Zusammenhang mit Flüchtlingsunterkünften keine oder nur eine geringe Zunahme der Kriminalität gibt“, sagte die Polizeioberrätin. „Aber hier bei uns in Neugraben ist es tatsächlich der Fall. Auch die Erstaufnahme ist sehr ruhig. Wir sind gut aufgestellt.“

Trotz der teilweise wenig befriedigenden Auskünfte über den Stand der Planungen gab es zwischendurch Konkretes zu hören: So stellte der Vertreter der Schulbehörde die Verteilungspläne für die zu erwartenden zusätzlichen 700 bis 800 Schulkinder vor und sagte, dass es seitens der Schulen in Süderelbe sehr viel Kooperationsbereitschaft gebe. Auch wie die Unterkunft aussehen soll, steht fest: Es entsteht eine temporäre Einrichtung für höchstens 15 Jahre mit 111 zweigeschossigen Gebäuden in Holzbauweise. Sie werden hauptsächlich entlang einer Hauptstraße mit dem Namen „Zum Wachtelkönig“ gebaut, die später auch die Erschließungsstraße für das dort eigentlich geplante Wohngebiet sein soll. In jedem Haus gibt es vier Wohnungen mit drei Zimmern, Duschbad und Küche. Zudem entstehen Verwaltungsgebäude und vier mehrgeschossige Festbauten, sogenannte „Mittelpunkthäuser“, die das Flüchtlingsquartier mit den angrenzenden Wohngebieten „vernetzen“ sollen, wie Holger Riemer vom Zentralen Koordinierungsstab für Flüchtlinge darstellte. In den Gebäuden solle es kulturelle und gemeinschaftliche Angebote geben, ein Café, Kiosk oder Arztpraxen.

Auf dem Gelände des ehemaligen Obi-Marktes am Geutensweg ist eine Zentrale Erstaufnahme mit 740 Schlafplätzen entstanden. Die benachbarte Folgeeinrichtung „Am Aschenland I“ verfügt über 458 Plätze. Sie ist seit Ende Dezember zu 50 Prozent bezogen worden. Das geplante Großquartier „Am Aschenland II“ zur Unterbringung von bis zu 3000 Asylbewerbern soll kurzfristig entwickelt und voraussichtlich zum Jahresende belegt werden.

Holger Riemer vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (von links), Bezirksamtsleiter Thomas Völsch, Sozialdezernent Holger Stuhlmann und Thorsten Altenburg-Hack von der Schulbehörde müssen Pfiffe ertragen .

Holger Riemer vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (von links), Bezirksamtsleiter Thomas Völsch, Sozialdezernent Holger Stuhlmann und Thorsten Altenburg-Hack von der Schulbehörde müssen Pfiffe ertragen .

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