T„Baumfrevel“ an der Kita in Estebrügge: Experte erhebt schwere Vorwürfe
Bäume und Kita-Kinder gefährdet: Werner Meincke klagt über möglichen Baumfrevel an der DRK-Kindertagesstätte An der Este in Estebrügge. Foto: Meyer
An der Kita in Estebrügge hat das DRK Bäume zerstört, behauptet Werner Meincke. Er ist entsetzt und übt scharfe Kritik. Was sagen DRK, Landkreis und BUND dazu?
Estebrügge. „Das ist Baumfrevel“, „grausam“ und „entgegen jeglicher fachlicher Vorschrift, entgegen der Baumphysiologie, entgegen vernünftigem Menschenverstand“: Mit diesen harten Worten kritisiert Werner Meincke das, was an der DRK-Kindertagesstätte An der Este in Estebrügge passiert ist.
Kahle Kronen: Werner Meincke sieht Baumfrevel an der DRK-Kindertagesstätte An der Este in Estebrügge. Foto: Meyer
Der 63-Jährige ist Baumsachverständiger und -kontrolleur vom Team Meincke & Härting aus Stade, das unter anderem die Bäume für die Gemeinde Jork kontrolliert.
Was bedeutet Kappung?
Die ZTV-Baumpflege, ein Regelwerk für die fachgerechte Baumpflege, definiert Kappung als „umfangreiches baumzerstörendes Absetzen der Krone ohne Rücksicht auf Habitus und physiologische Erfordernisse“. Beim Kappen werden die gesamte Krone, einzelne Kronenteile oder Äste gekürzt.
Was wurde gemacht?
14 Bäume stehen auf einem großen Areal aus Sandboden, auf dem Kinder buddeln, hangeln, rutschen und schaukeln können. Fünf Bäume seien noch in Ordnung, aber neun kaputt, sagt Meincke. Für ihn ist das keine Baumpflege, sondern -zerstörung.

Neun Bäume an der Estebürgger Kita sehen seit den Schnittarbeiten im Frühjahr so aus - kahl und ohne Krone. Foto: Meyer
Das DRK hat die Bäume selbst gekappt, meint Meincke. Die Gemeinde Jork habe ihm versichert, dass sie - weil der Vorfall auf DRK-Eigentum passiert ist - damit nichts zu tun habe und Baumkappungen in der Form auch niemals machen würde, so Meincke.
Auch wenn die Bäume auf DRK-Gelände stehen, dürfen laut Bundesnaturschutzgesetz nur zertifizierte ETWs - European Tree Workers - solche Maßnahmen an Bäumen ergreifen, sagt der Baumkontrolleur. Der Landkreis verweist auch auf eine Zertifizierung. Meincke bezweifelt, dass jemand vom DRK diese Voraussetzung erfüllt.
Warum sind die Kappungen ein Problem?
Der Baumsachverständige konkretisiert, warum die Kappungen die Bäume schädigen. Einerseits würden den neun gekappten Bäumen Zugäste fehlen, was aus Meinckes Sicht zum „Tod auf Raten“ führe. Andererseits fehlten Blätter, sodass die Fotosynthese zerstört werde und auch die Chance für Pilzbefall steige. Ähnlich argumentiert auch der Landkreis auf seiner Homepage, um vor Baumkappungen zu warnen.
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Durch gekappte Terminaltriebe - die Hauptwachstumsspitzen - könnten die Bäume nicht mehr wachsen. Das DRK hätte nur Totholz entfernen dürfen als Gefahrenprävention zum Schutz der Kinder, so Meincke.

So sieht einer von neun im Frühjahr gekappten Bäume aus - hier direkt am Estebrügger Wetternweg. Foto: Meyer
Der „Baumfrevel“ gefährde auch Kinder. Das erste von zwei Problemen für die Drei- bis Siebenjährigen: Bäume spenden Schatten und senken die Umgebungstemperatur bei Hitze um bis zu fünf Grad, sagt der Baumkontrolleur, „ohne Bäume sind wir aufgeschmissen.“
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Eine Stufe gefährlicher könnte das zweite Problem sein: Die Bäume bilden Nottriebe aus und Meincke zufolge besteht die Gefahr, dass morsche Äste abbrechen, die dann spielende Kinder treffen könnten.
Was kritisiert Werner Meincke am DRK?
Meincke sagt, er habe das DRK kontaktiert, „um zu klären, was der Grund war, so was zu machen“. Als Antwort soll gekommen sein: Das DRK könne mit seinen Bäumen machen, was es will. Meincke: „Dass das nicht so ist, interessiert sie herzlich wenig.“ Der Experte kritisiert, dass die Beschuldigten durch die Baumkappung ein falsches Bild für den Umgang mit Bäumen vermitteln.

Das Bundesnaturschutzgesetz regelt in Paragraph 39, dass es zwischen dem 1. März und 30. September verboten ist, Bäume „abzuschneiden, auf den Stock zu setzen oder zu beseitigen“. Wann die Bäume beschnitten wurden, weiß Meincke nicht. Er regt sich mehr über die Zuständigkeit und Art und Weise als über den Teitpunkt auf. Foto: Meyer
Kitas, Schulen oder Altenheime: „Überall, wo Personen sind, die die Gefahr nicht selbst einschätzen können“, herrscht laut Meincke eine erhöhte Sorgfaltspflicht. Diese oder die Vorbildfunktion gegenüber den Kindern erfülle das DRK nicht, ist Meinckes Erkenntnis.
Was sagt ein anderer Experte?
Heiner Baumgarten, Ehrenvorsitzender des BUND Landesverband Niedersachsen, stimmt Meincke nach Ansicht der Bilder zu. Derartige Kronenkappungen seien als Baumpflegemaßnahme in Fachkreisen seit vielen Jahren ausgeschlossen. Zwar könnten sich einige Baumarten „von solchen Radikalmaßnahmen in gewissem Umfang erholen“, dennoch würden Radikalschnitte wie diese nicht tolerierbar, so Baumgarten.

Baumexperte Heiner Baumgarten sagt, dass besonders Birken solche Eingriffe am wenigsten verkraften. Foto: Meyer
Der Baumkenner erklärt: Auch wenn an den gekappten Bäumen wieder neue Zweige austrieben, würden diese „den Baum nicht ausreichend versorgen aus der Fotosynthese“. Baumgarten befürchtet ein Absterben der Bäume in den nächsten Jahren. Für ihn machen die Bäume keinen kinder- oder verkehrssicheren Eindruck.
Wie reagiert das DRK auf Nachfrage?
Das DRK kann sich auf TAGEBLATT-Nachfrage bei Pressesprecherin Franziska Kampmann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zum Thema äußern, ist aber zu einer späteren Stellungnahme bereit.
Was sagt der Landkreis?
Die Naturschutzbehörde weiß nichts von den Baumkappungen. Landkreis-Pressesprecher Daniel Beneke sagt lediglich: „Der Fall ist uns nicht bekannt.“ Eine Genehmigung für die Maßnahmen des DRK an ihren eigenen Bäumen gab es durch die Untere Naturschutzbehörde demzufolge nicht.
Der Landkreis schreibt auf seiner Webseite: „Baumkappungen ohne eine entsprechende Genehmigung können zu einem Ordnungswidrigkeitsverfahren führen, dass auch mit Bußgeldern belegt sein kann.“
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