TDem Geheimnis eines Altländer Schatzes auf der Spur
Pastor Olaf Prigge zeigt auf das Gemälde „Der Jüngling zu Naim“, geschaffen vom Künstler Rudolf Eichstaedt (1857–1924) in der Kirche in Mittelnkirchen. Foto: Vasel
Das Monumentalgemälde „Der Jüngling zu Naim“ hängt seit 76 Jahren in der St.-Bartholomäus-Kirche in Mittelnkirchen. Pastor Olaf Prigge verrät, was hinter der Geschichte des Bildes steckt.
Mittelnkirchen. Pastor Olaf Prigge blickt fasziniert auf das Monumentalgemälde „Der Jüngling zu Naim“ in der St.-Bartholomäus-Kirche in Mittelnkirchen. „Es gehört zu den verborgenen Kunstschätzen unserer Region“, sagt Prigge.
Lange Zeit sei es kaum beachtet worden. Dabei handele es sich um „ein beeindruckendes, dramatisches Gemälde von monumentaler Größe“. Es misst 3,50 Meter x 5 Meter, rechnet der Mittelnkirchener vor. Bislang war lediglich der Name des Künstlers bekannt: Rudolf Eichstaedt (1857-1924).
Eichstaedt war ein großer Maler des Kaiserreichs
Wie kam das Gemälde in die Kirche, wer war der Künstler? Diese Fragen hatte sich Prigge lange gestellt. Er stieg in die Archive, sprach mit Experten und wälzte Kunstkataloge. Das Ergebnis: Rudolf Eichstaedt war im deutschen Kaiserreich ein bekannter Historien-, Genre- und Porträtmaler.
Sein bekanntestes Bild „Gemälde Viktoria! – Die Rückkehr der Quadriga 1814“ hängt heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Es findet sich in vielen Geschichtsbüchern wieder. Es zeigt den bejubelten Einzug der von Napoleon geraubten und nach dem Sieg von 1814 von den preußischen Truppen unter Blücher zurückgebrachten Quadriga vor den Toren Berlins. Der Künstler malte es 1896.

Viktoria! – Die Rückkehr der Quadriga 1814“ von Rudolf Eichstaedt von 1896. Foto: Deutsches Historisches Museum
Eichstaedt erblickte am 20. April 1857 in Berlin das Licht der Welt. Von 1877 bis 1880 besuchte er die Hochschule für die bildenden Künste in Berlin. Studienreisen führten ihn nach Frankreich und Italien sowie in die Niederlande. Nach seinen Gemälden sind zahlreiche Reproduktionen und Stiche angefertigt worden.
Berliner war ein ausgezeichneter Künstler
Als Schüler habe der Künstler Rudolf Eichstaedt seinen Meister Friedrich Geselschap (1835-1898), einem bekannten deutschen Historienmaler, in den Jahren 1883 bis 1890 bei der Ausgestaltung der Ruhmeshalle im Berliner Zeughaus an der Prachtstraße Unter den Linden unterstützt. Diese diente der Glorifizierung der preußischen Herrscher und Militärs. Die allegorischen Gemälde des Kuppelraumes („Herrscherhalle“) von Geselschap und Eichstädt fielen mit der gesamten Ruhmeshalle im Jahr 1945 dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.
Den erhofften Auftrag zur Ausschmückung des Altonaer Rathauses erhielt er 1896 nicht. Doch er wurde wiederholt ausgezeichnet. Die riesigen Bilder entsprachen nach dem Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 dem Zeitgeist. 1882 erhielt Rudolf Eichstaedt den Großen Staatspreis der Königlich Preußischen Akademie der Künste für sein Gemälde „Der barmherzige Samariter“, verbunden mit einem stolzen Preisgeld von 6600 Mark und einem zweijährigen Aufenthalt in Italien. Zwölf Jahre später wurde sein Werk „Blücher empfängt 1815 bei Genappe die erbeuteten Orden, Hut und Degen Napoleons“ mit der kleinen goldenen Medaille der Großen Berliner Kunstausstellung gewürdigt.
Nach 1900 verliert sich die Spur des Altländer Kunstschatzes
Und auch das Monumentalgemälde „Der Jüngling zu Naim“ aus Mittelnkirchen sei im Jahr 1900 von Mai bis September bei der Großen Berliner Kunstausstellung im Lehrter Bahnhof ausgestellt worden, so Olaf Prigge.
Danach verliere sich die Spur dieses Kunstwerkes. Provenienzforscher hätten ihm noch nicht weiterhelfen können.
Fakt ist: Im Sommer 1949 habe die Kirchengemeinde das Werk im Hamburger Kunst- und Auktionshaus Schlüter erworben. Der damalige Pastor Gerd Meyer wollte „ein Ehrenmal“ für die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Bartholomäus schaffen. Prigge hofft, dass die Forschung diese Frage in den kommenden Jahren klären kann.

Das Monumentalgemälde „Jüngling zu Naim“ von Rudolf Eichstaedt (1857–1924) hängt links der Orgel in der Kirche in Mittelnkirchen. Foto: Vasel
„Es ist ein dramatisches, ergreifendes Bild“, sagt Pastor Prigge. Der Künstler habe es in Italien geschaffen. Das mediterrane Licht sei „beeindruckend“, das Gelb des Sonnenlichts strahle golden. Auch die Fackeln der Teilnehmer des Trauerzuges scheinen zu flackern - fast wie bei echten Flammen. „Auch heute noch wird der Betrachter förmlich in die geschichtliche, biblische Szene hineingezogen“, so der kunstinteressierte Theologe. Zeitgenossen schätzten die Lebendigkeit seiner Kunstwerke.

Blick auf die St.-Bartholomäus-Kirche in Mittelnkirchen. Foto: Vasel
Erzählt werde eine Geschichte aus dem Lukas-Evangelium. In Naim, einer Stadt an der Grenze zwischen Samarien und Galiläa südwestlich des Sees Genezareth, erweckt Jesus einen Toten. Vor dem Stadttor trifft dieser mit seinen Jüngern auf einen Trauerzug. Leben und Tod kreuzen sich.
Er hat Mitleid mit der Mutter, sie ist bereits Witwe. Jesus berührt ihren aufgebahrten Sohn und befiehlt ihm: „Jüngling, ich sage dir, steh auf.“ Der junge Mann soll sich sofort aufgerichtet haben. Das Wunder von dieser Toten-Erweckung verstärkte den Ruf von Jesus als Prophet.
Einladung zur Bildmeditation in St. Bartholomäus
Pastor Olaf Prigge lädt mit dem Förderverein der Altländer Kirchenstiftung für Freitag, 25. September, 19 Uhr, ein, die Geschichte und geistliche Botschaft dieses Gemäldes neu zu betrachten. Er stellt es im Rahmen einer Bildmeditation in der Kirche vor - musikalisch begleitet von Daniel Stellmacher und Cornelia Zander Prigge.
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