TDie Daniel Düsentriebs des Alten Landes: Wo der Erfindergeist zu Hause ist
Blick in die Fertigungshalle von PWH Landmaschinentechnik in Jork-Höhen: Landmaschinenmechatroniker Robin Helmcke montiert Hydraulikschläuche an eine Arbeitsbühne für Obstplantagen. Foto: Vasel
Mit ihren Maschinen wollen sie Obstbauern das Leben leichter machen. Ein Blick in das Familienunternehmen PWH Landmaschinentechnik in Jork-Höhen.
Jork-Höhen. Während sich Elisabeth Rathjens-Wahlen mit ihrem Mann Jochen Rathjens und ihrem Vater Peter Wahlen im Büro einen Überblick über die anstehenden Arbeiten verschafft, montiert ihr Mitarbeiter Robin Helmcke um kurz nach 7 Uhr in der Halle gegenüber bereits die ersten Hydraulikschläuche an eine Arbeitsbühne für einen Obstbaubetrieb. Diese muss pünktlich zur Apfelernte fertig sein. Der Landmaschinenmechatroniker hat dreieinhalb Jahre bei PWH Landmaschinentechnik in Jork-Höhen gelernt. Er blieb seinem Lehrbetrieb treu. „Mich reizt die Vielseitigkeit“, sagt Helmcke. Mechanik, Elektronik, Hydraulik und Metallbau, sein Arbeitsalltag sei sehr abwechslungsreich.
Elisabeth Rathjens-Wahlen hat das Steuer bei PHW Landmaschinentechnik übernommen. Links steht Firmengründer Peter Wahlen, Schwiegersohn Jochen Rathjens steigt zum 1. September 2026 ein. Foto: Vasel
Ein Obstbau-Schlepper wird „seine“ Arbeitsbühne durch die Apfel- und Kirschplantagen ziehen - fast wie von Geisterhand. Auf Wunsch gibt es eine Selbstfahrautomatik mit Sensoren dazu. Arbeitsbühnen kommen beim Pflücken, beim Baumschnitt sowie unter anderem bei der Montage von Kirschdächern und Hagelschutznetzen zum Einsatz. Auch selbstfahrende, halbautomatische Arbeitsbühnen gibt es bei dem mittelständischen Unternehmen mit zehn Mitarbeitern.
PWH Landtechnik ist ein Familienbetrieb
Dass es ein Familienbetrieb ist, wird bereits - nicht nur an den Schreibtischen der Wahlens - im Büro sichtbar. Spielzeug liegt auf dem Boden. Wenn die Ingenieurin Elisabeth Rathjens-Wahlen an den Aufträgen von Kunden, Rechnungen oder den Bestellungen von Teilen, Geräten und Fahrzeugen sitzt oder mit ihrem Vater über neueste Entwicklungen im Obstbau diskutiert, ist ihr Sohn Jacob wie selbstverständlich dabei. Doch noch schläft der Zweijährige.

Am 1. Juni übernahm Elisabeth Rathjens-Wahlen die Führung des Familienunternehmens PWH Landtechnik von ihrem Vater Peter Wahlen. Foto: Vasel
Rathjens-Wahlen hat Mechatronik an der Hochschule 21 in Buxtehude studiert. Seit dem 1. Juni 2026 führt sie das Unternehmen. Auch ihr Mann Jochen Rathjens ist heute vor Ort. Der Maschinenbauingenieur arbeitet noch bei Claas. Das ist ein weltweit agierender deutscher Landtechnikhersteller mit fast 12.000 Mitarbeitern. Wie bei den Wahlens, liegt das Erfinden offenbar in seiner DNA. So ist er Mitinhaber eines Europäischen Patents bei einem Feldhäcksler. Zum 1. September dieses Jahres wird der Ingenieur in den Familienbetrieb einsteigen.
„Daniel Düsentrieb des Alten Landes“
Wenn Altländer über Peter Wahlen aus Jork-Höhen sprechen, ist immer wieder anerkennend vom „Daniel Düsentrieb des Alten Landes“ die Rede. Tüfteln, das sei schon immer seine Leidenschaft gewesen, erzählt der Senior. Als Jugendlicher reparierte er kurzerhand das schrottreife Hercules-Rad seines Bruders. Der Fahrradrahmen war gebrochen. „Geht nicht, gibt es nicht. Nichts ist unmöglich. Stillstand ist Rückschritt“, das sage ihr Vater bis heute, erzählt Rathjens-Wahlen. Bereits auf dem Obsthof seiner Eltern hatte Wahlen die Abläufe im Blick.
Die Arbeit der Obstbauern beim Ernten, beim Pflanzen oder beim Pflanzenschutz effizienter zu machen, das war und sei sein Ziel. Beispiel: Das Einschlagen der Baumpfähle mit einer Handramme sei früher sehr zeitaufwendig und schweißtreibend gewesen, sagt Peter Wahlen. Und so erfand er einen hydraulischen Pfahldrücker. Das war eine seiner ersten großen Erfindungen. An seinem ersten Stand bei den Norddeutschen Obstbautagen in Jork verkaufte er gleich sieben Stück: „Das war ein tolles Gefühl.“
Der Maschinenbautechniker hatte sich im Jahr 1983 selbstständig gemacht - als Ein-Mann-Unternehmen. Seine Erfahrungen in seinen Lehr- und Arbeitsjahren bei Claudius Peters in Buxtehude, unter anderen auf Montage in Europa, und bei der Neuenfelder Maschinenfabrik (NMF) in Hamburg seien hilfreich gewesen. Bei NMF arbeitete Wahlen fast 16 Jahre lang in der Konstruktion für Schiffskräne. Zeitweise lief seine Landtechnikfirma parallel. Doch die Auftragsbücher füllten sich. Er traf eine Entscheidung und kündigte.
Altländer sind europaweit aktiv
Über die Jahre wuchs das Unternehmen: Wahlen entwickelte ständig neue Maschinen, Geräte und Fahrzeuge für den Obstbau. Doch der Maschinen- und Gerätebau im Bereich Ernte-, Pflanz-, Beregnungs-, Pflanzenschutz-, Schnitt- und Rodungstechnik sollte nur eine Säule des Unternehmens werden. Hinzu kamen Installieren, Warten und Reparieren von Landmaschinen sowie Ersatzteile. Außerdem sind die Altländer im Handel aktiv. Sie sind Vertriebs- und Servicepartner namhafter Firmen wie Munckhof.

Blick in das Materiallager von PWH Landmaschinentechnik in Jork-Höhen. Foto: Vasel
„Es gibt noch 13 Betriebe wie uns zwischen Francop und Stade“, sagt Wahlen. In einigen Landstrichen gibt es gar keine mehr. Der Obstbau mache immer wieder schwere Krisen durch. Deshalb hätten sie immer auch den deutschen und europäischen Markt im Blick, ergänzt seine Tochter. Ob Polen, Österreich, Schweden, Großbritannien, Tschechien oder Schweiz, in vielen EU-Staaten ist Wahlen-Technik unterwegs. Damit nicht genug: Obstbauern kaufen auch bei großen Firmen ein. Bei PWH werden diese Maschinen und Geräte dann betriebsindividuell umgebaut. Reißbrett, Werkstatt und Schweißgerät, das war Wahlens Welt. Hochpräzise brachte und bringt der Senior über Nacht auf dem Reißbrett neue Geräte zu Papier. Die neue Generation setzt auf rechnerunterstütztes Konstruieren.
Smarte Technik ist längst Alltag
Dass er bei Wahlen fast an der kompletten Kette bei der Produktion beteiligt ist, freut Ex-Azubi Robin Helmcke. Das sei eine „sehr erfüllende, auch herausfordernde Arbeit“. Rathjens und Helmcke zeigen auf einen Isobus-Stecker. Der Obstbau ist längst digital. Isobus ist eine standardisierte Schnittstelle für die Übertragung von Daten und von elektrischer Energie zwischen Schleppern, Maschinen und Satellitenempfängern.

Dank modernster Technik kann der Schlepper von der Arbeitsbühne aus gesteuert werden. Foto: Vasel
Mit Sensoren und GPS können Sprühgeräte heute Mittel für Ausdünnung und Pflanzenschutz „baumspezifisch“ ausbringen. Die Expertise von PWH ist auch in der Angewandten Forschung und Entwicklung gefragt. So waren die Altländer an der Entwicklung des autonomen Obstplantagenhelfers Aurora der Hochschule21 in Buxtehude beteiligt. Munckhof entwickelt die ersten Überzeilen-Sprühgeräte für mehrere Baumreihen mit den Altländern.
Arbeit saisonabhängig wird priorisiert
Doch auch Reparaturen gehören zum Programm. Diese werden wie bei medizinischen Notfällen eingeteilt. Wenn Schorfbekämpfung oder Frostschutzberegnung anstehen, haben Sprühgeräte oder Beregnungsaggregate absolute Priorität, Erntetechnik muss warten. Heute muss ein Planenanhänger repariert werden, kurz nach 7.30 Uhr macht sich Metallbauer Daniel Wist ans Werk und sägt Teile zurecht.

Metallbauer Daniel Wist schmeißt die Säge an. Foto: Vasel
In der Metallbauhalle sprühen Funken durch die Luft. Azubi Julian Schröder sitzt an seinem Projekt - einem Wagen für Apfelgroßkisten. Er ist im dritten Lehrjahr. PHW bildet Land- und Baumaschinenmechatroniker aus.

Auszubildender Julian Schröder schweißt an einem Kistenwagen. Foto: Vasel
Ob Mechatroniker, Fahrzeug- oder Metallbauer, „wir freuen uns über Initiativbewerbungen“, sagt Rathjens-Wahlen. Sie tauschen sich kurz aus, dann muss sie kurz vor 8 Uhr ihren Mann einweisen: Ein Bio-Obstbauer will sich heute über ein neues mechanisches Gerät zur Baumstreifenbehandlung informieren, es wird mit dem Schlepper verbunden. Wo es zum Einsatz kommt? Betriebsgeheimnis.

Ein Gerät zur mechanischen Baumstreifenpflege wird an einen Schlepper angekoppelt. Foto: Vasel
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