THandel liebt Xenia: Die Altländer Birne ist auf dem Vormarsch
Maike Steffens und Dr. Matthias Görgens (Mitte) vom Obstbauzentrum Esteburg werben mit Fruchthändler Jürgen Faby für eine Ausweitung des Birnen-Anbaus an der Niederelbe. Foto: Vasel
Die Preise für die Äpfel sind im Keller. Deshalb setzen Obstbau und Obsthandel an der Niederelbe auf die Birne. Der Klimawandel stärkt ihnen den Rücken.
Jork. Aktuell liegt der Anteil des Apfels an der Anbaufläche an der Niederelbe bei 90 Prozent. Doch die Birne holt auf. Ein Grund: Die Erzeugerpreise bei Birnen stimmen seit Jahren. Mittlerweile kommt die Obstkultur auf 4,3 Prozent - gleich hinter Kirschen und Zwetschen. Damit hat sich der Birnen-Anteil seit 2022 auf 360 Hektar mehr als verdoppelt.
Dieser Strukturwandel ist auch ein Verdienst von Birnen-Fans wie Maike Steffens und Jürgen Faby. Die Birnen-Expertin des Obstbauversuchsrings des Alten Landes (OBR) und der Fruchthändler hatten beim Zukunftsforum für eine Ausweitung geworben und vor allem die Sorte Xenia propagiert.
Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel (LEH) setze verstärkt auf die deutsche Birne. Das habe ein Check der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) im LEH gezeigt. Die Erzeugerpreise und die Nachfrage stimmen, laut AMI-Expertin Ursula Schockemöhle „zeigt sich der Birnenmarkt deutlich stabiler als der Apfelmarkt“.
Klimawandel ist Rückenwind für den Anbau
Doch die Birne profitiert nicht nur von der wachsenden Nachfrage durch Handel und Verbraucher. Die Obstbauern im Alten Land, in Kehdingen und auf der Stader Geest profitieren in diesem Fall auch von den Folgen des Klimawandels. Im Norden wird es wärmer. Dürre, Hitze, Hagel und die Probleme mit Schädlingen setzen Mitbewerbern zu, Italiener roden ihre Abate-Plantagen.

Grüne Xenia-Birnen mit Logo. Foto: Vasel
Der Wegfall der Abate biete neue Chancen. Regalplätze der Italiener in deutschen Supermärkten und Discountern könnten die Altländer und Kehdinger füllen - insbesondere im Premium-Bereich.
„Birn mal dein Hirn“
„Bahn frei für Xenia“, brachte es Fruchthändler Jürgen Faby aus Steinkirchen bei seinem Vortrag bei den Norddeutschen Obstbautagen 2026 in Jork auf den Punkt. Die Rechte an der Sorte haben sich sieben deutsche Erzeugerorganisationen, unter anderem Elbe-Obst und Marktgemeinschaft Altes Land (M.A.L.), im Jahr 2023 gesichert.
Die grüne, zartschmelzende und wohlschmeckende Birne zeichnet sich durch festes Fruchtfleisch und zuckersüßes Aroma aus. Weiterer Vorzug: Beim Essen tropft sie nicht. Auch beim Verbraucher ist das Obst lange lagerfähig. Im Kühlschrank bleibe die Xenia-Birne bis zu vier Wochen frisch, bei Zimmertemperatur (18 Grad) über eine Woche. Als Geschmacksverstärker setzen die Xenianer beim Marketing auf freche Werbekampagnen wie „Birn mal dein Hirn!“ - in TV und Print, aber auch auf Social Media. Sie sei ein Frucht-Smoothie mit Stücken in Birnenform.
Handel setzt auf deutsche Birnen wie Xenia
Edeka/Netto haben laut Jürgen Faby in der kommenden Saison bereits die Abate-Birne aus Italien ausgelistet. Als „Vorreiter“ setze die Edeka bundesweit auf Xenia & Co. Auch Aldi, Rewe, Globus und Kaufland sind hungrig auf die Clubsorte Xenia aus deutschen Anbaugebieten „und springen auf den Zug auf“. Doch nicht nur der LEH, sondern auch in Kantinen oder Kliniken liegen immer häufiger Birnen statt Äpfel auf dem Tablett, berichtete Faby.
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Kurzum: Die Premium-Sorte habe Potenzial. Der Handel wolle nicht nur Standardsorten, ihr Anteil liegt bei etwa 60 Prozent, wie die Köstliche von Charneux (Bürgermeisterbirne), die Alexander Lucas oder die Conference. Bei der letzteren Birne könnten die deutschen Erzeuger preismäßig kaum mit den Niederländern mithalten.
Damit nicht genug. Das Exportpotenzial bei der grünen Birnensorte Xenia „ist weitaus höher als bei den Äpfeln“. Jürgen Faby hat insbesondere die Märkte in Skandinavien im Blick.
Skandinavier lieben rote Birnen
Und auch Spezialitäten für Feinschmecker sollte die Niederelbe stärker in den Fokus nehmen. Faby verwies auf die rotschalige Alessia, eine saftige, süße, schmelzende Sorte. Rote Birnen würden allerdings ein Randartikel bleiben, bislang deckte der Handel die Nachfrage mit Importen.
Mit der brandneuen Altländer Alessia soll sich das ändern. Mehr als 20 Hektar hätten sie schon gepflanzt. Skandinavier liebten rote Birnen zu Weihnachten. Faby: „Das ist ein Markt für uns.“

So sieht die rote Birne Alessia aus. Foto: Bayerisches Obstzentrum
Birnen sollten nicht im Moor in den „Kälteseen“ nahe der A26, sondern auf gutem Apfel- oder Kirschenland kultiviert werden, rät Steffens. Bis zu 115.000 Bäume werden jedes Jahr gepflanzt. Wichtig sei auch der Pflanzenschutz. „Ohne geht es nicht“, so Professor Dr. Roland Weber mit Blick auf fehlende Mittel. Die Wasserverfügbarkeit in der Marsch sei, neben der Klimaerwärmung, „ein weiterer Standortvorteil für Birnen aus dem Alten Land“.
Altländer legen ihre Früchte auf Eis
Neben neuen Obstsorten, Digitalisierung und Automatisierung stand bei den Obstbautagen auch neue Lagertechnik im Fokus. Überschussstrom aus den Photovoltaikanlagen soll Kälte für die Obstlagerung liefern, so Esteburg-Experte Dr. Dirk Köpcke. Klimaneutrales Obst könnte das Alte Land im Wettbewerb stärken.

Die Altländer wollen ihre Äpfel mit Eis kühlen. Foto: Vasel
Ökostrom könnte in sonnenreichen Monaten in Form von Eis in den Apfellangzeitlagern gespeichert werden. Die Kühlakkus könnten an den Wänden der CA/Ulo-Lager stehen und nach dem Einlagern „wie früher in Eiskellern“ zur Kühlung der Äpfel genutzt werden. Esteburg-Vize Dr. Matthias Görgens: „Die Messe zeigt, dass der Obstbau an seiner Zukunft arbeitet.“

Robotik, KI und Digitalisierung waren - neben der Birne - die Themen der Norddeutschen Obstbautage in Jork. Foto: Vasel
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