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Neujahrsempfang

THass und Hetze: Grünendeichs Bürgermeister Müller kandidiert nicht wieder

Nikolai Müller, Anne Rosenfeld und Sonja Zinke werben für das Projekt Dorfregion beim Neujahrsempfang in Steinkirchen.

Nikolai Müller, Anne Rosenfeld und Sonja Zinke werben für das Projekt Dorfregion beim Neujahrsempfang in Steinkirchen. Foto: Vasel

Der Neujahrsempfang in Steinkirchen war dieses Mal besonders: Denn Grünendeichs Bürgermeister Nikolai Müller nutzte ihn, um seinen Rückzug bekanntzugeben. Dafür gibt es mehrere Gründe.

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Von Björn Vasel
Dienstag, 20.01.2026, 05:50 Uhr

Steinkirchen. Bürgermeister Nikolai Müller (CDU) ist ein tiefgläubiger Mensch. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“: Dieser Satz aus dem Matthäus-Evangelium ist dem Grünendeicher wichtig. Nicht ohne Grund hätten die Mütter und Väter des Grundgesetzes den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ an den Anfang des Grundgesetzes gestellt.

Hass und Hetze haben Spuren hinterlassen

Die kirchliche Jahreslosung „Gott sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ hat Nikolai Müller am Sonntag zum Anlass genommen, den Neujahrsempfang für die Gemeinden Steinkirchen und Grünendeich nach dem Gottesdienst in der Kirche in der DRK-Begegnungsstätte Windmüller mit einer persönlichen Ankündigung zu verbinden: „Ich werde zur Kommunalwahl 2026 nicht erneut antreten.“

Müller spannte den Bogen von den Christenverfolgungen in der Antike bis in die Gegenwart. „Siehe, ich mache alles neu“ stamme aus einer Zeit, in der Christen unter Bedrängnis und Verfolgung litten. Und auch heute werde der Ton härter. „Geduld und Respekt scheinen knapper zu werden“, sagte der ehrenamtliche CDU-Bürgermeister.

Jeder im Windmüller verstand die Anspielung. Die „unsachlichen, teils beleidigenden Wortbeiträge“ in den Debatten um die letztlich gescheiterte Öko-Siedlung von Viebrockhaus in Grünendeich und die Grundsanierung der L140 in Steinkirchen und Grünendeich sind laut Müller an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. Wörter wie „Putinsche Farce“ oder „Monstertrasse“ seien noch die harmloseren gewesen, so Müller in einem Gespräch mit dem TAGEBLATT im Vorfeld.

Müller kritisiert Verunglimpfung der Politik

Dass die zeitintensive, ehrenamtliche Arbeit in Räten und Ausschüssen - wie seinerzeit von den Nationalsozialisten - mit Begriffen wie „Quasselstunde“ und „Quasselbude“ verunglimpft wurde, habe ihn getroffen.

„Ich finde es bedrohlich, wenn eine Gesellschaft nicht mehr zu Konsens und Kompromiss bereit ist und den gewählten Vertretern, die nicht ihre Meinung teilen, unter Verweis auf einen vermeintlichen Wählerwillen absprechen, echte Demokraten zu sein.“ Die Bereitschaft schwinde, andere Meinungen zu respektieren.

Auch der KI-generierte Schmähsong gegen seine Bürgermeisterkollegin Sonja Zinke oder die „widerwärtige“ Lüge, dass in Grünendeich „ein zweites Altländer Viertel wie in Stade“ geplant werde, führt Müller als weitere Beispiele auf. Dass beim Oktoberfest 2024 ein Gegner der Öko-Siedlung sagte, dass er - mit Blick auf den Eigentümer - früher so jemandem beide Arme gebrochen hätte, zeuge von zunehmender, bedenklicher Aggressivität in der Gesellschaft.

Müller werde sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Grünendeich, er ist seit November 2021 im Amt, bis zum Ende der Wahlperiode am 31. Oktober 2026 voll ausfüllen und sich „danach komplett aus der Kommunalpolitik zurückziehen“.

Mehr Zeit für Familie, Feuerwehr und Fußball

Der Umgangston sei nur ein Grund für seine Entscheidung. Letztlich sei es „die begrenzte Zeit“. Seit 1996 engagiere er sich ehrenamtlich - in Politik, Feuerwehr, bei der Technischen Einsatzleitung des Katastrophenschutzes im Landkreis Stade und beim Fußball.

„Doch die Politik ist für mich das undankbarste Ehrenamt. Ich möchte mehr Zeit für Menschen haben, die nicht laut sind, die nicht polarisieren.“ Deshalb habe er sich für seine Familie, Feuerwehr und Fußball entschieden.

„Ich verlasse die Politik nicht, weil ich sie geringschätze. Ich verlasse sie, weil mir der Dienst am Menschen wichtiger ist“, sagte Müller. Trotzdem gehe er mit der Hoffnung auf mehr Respekt und Miteinander ins neue Jahr. Für seinen Weckruf erntete Müller großen Beifall.

Der Neujahrsempfang für Steinkirchen/Grünendeich startet traditionell mit einem Gottesdienst in St. Martini und Nicolai.

Der Neujahrsempfang für Steinkirchen/Grünendeich startet traditionell mit einem Gottesdienst in St. Martini und Nicolai. Foto: Vasel

Seine Worte und sein Engagement verdienten höchste Anerkennung, unterstrich Pastor Uwe Junge. Digitale Plattformen, das zeigten auch die Debatten im Alten Land, seien allzu oft „asoziale Medien der Hetze und des Hasses“. Die Steinkirchener Bürgermeisterin Sonja Zinke verwies auf den hohen Arbeitsaufwand des Ehrenamtes: 2025 nahm sie 279 Termine wahr.

Er hoffe, so Junge, dass Müllers Worte zu mehr Respekt und Gemeinsamkeit führten. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, zitierte der Pastor die Bibel. Der Bürgermeister der Samtgemeinde Lühe, Timo Gerke, appellierte an die Wähler, am 13. September keine Rechtsextremisten zu wählen.

Appell: Bürger sollen sich bei Dorfregion einbringen

Gemeinsam sind wir stark, das hatte Junges Kollege Pastor Olaf Prigge bereits zu Beginn in St. Martini und Nicolai betont. Das Bürgermeister-Duo Sonja Zinke (Steinkirchen) und Nikolai Müller (Grünendeich) kündigte an, die Bürgerbeteiligung weiter auszubauen. Sie verwiesen auf die Grundsanierung der L140 und die Dorfregion.

Letztere lebe vom bürgerschaftlichen Engagement, so Regionalmanagerin Anne Rosenfeld. Mit Müller und Zinke rief sie die Steinkirchener, Grünendeicher und Hollern-Twielenflether auf, sich am 30. Januar, 16 bis 18 Uhr, im Dorfgemeinschaftshaus Steinkirchen an einem Markt der Ideen für den Dorfentwicklungsplan zu beteiligen.

Blick auf die Arp-Schnitger-Orgel in der Kirche in Steinkirchen.

Blick auf die Arp-Schnitger-Orgel in der Kirche in Steinkirchen. Foto: Vasel

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