TAuf den Spuren des Serienmörders Wichmann: Grabungsarbeiten in Cuxhaven
Sieben Hülsen werden gefunden. Sie weisen wie diese Patrone eine identische Kennung auf wie die Kleinkaliber-Munition, die in einer Schießweste von Kurt-Werner Wichmann steckt, die 1993 im geheimen Zimmer gefunden worden ist. Foto: Döscher
Neue Ermittlungen um den mutmaßlichen Serienmörder fokussieren sich auf ein abgelegenes Gebiet in Cuxhaven. Hat Kurt-Werner Wichmann hier Leichen verbuddelt?
Landkreis Cuxhaven. Der mutmaßliche Serienmörder Kurt-Werner Wichmann hat sich gut im Cuxland ausgekannt. Doch hat er dort auch junge Frauen ermordet? Eine private Ermittlungsgruppe hat jetzt nach Leichen gebuddelt. Dort, wo auch Kleinkaliber-Munition gefunden wurde.
Hat Wichmann Frauen in Cuxhaven verbuddelt?
Das Ermittlungsteam um den früheren Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, Reinhard Chedor, und den renommierten Rechtsmediziner Klaus Püschel ist wie elektrisiert. In einem Gebiet in Cuxhaven, in dem Frauen möglicherweise von Kurt-Werner Wichmann bedrängt worden sind, finden Sondengänger und Archäologen Munition.
Bei einem ersten Sondieren werden zwei Hülsen gefunden, später weitere fünf. Diese Hülsen weisen eine identische Kennung auf wie die Kleinkaliber-Munition, die in einer Schießweste von Kurt-Werner Wichmann steckt, die 1993 im geheimen Zimmer in seinem Wohnhaus in Lüneburg gefunden worden ist. In dem Zimmer wurden auch Handschellen entdeckt, an denen Blut von Birgit Meier haftete. Eines seiner Opfer.
Der mutmaßliche Serienmörder Wichmann hatte sich am 25. April 1993 in Untersuchungshaft das Leben genommen. Der frühere Friedhofsgärtner steht im Verdacht, mindestens fünf Menschen getötet zu haben. So wurde im Herbst 2017 die Leiche von Birgit Meier unter Wichmanns Garage gefunden. Sie war 1989 verschwunden. Im selben Jahr wurden zwei Paare in der Göhrde, einem Waldgebiet bei Lüneburg, per Kopfschuss getötet.
Dieselbe Munition wie in Wichmanns Haus in Lüneburg
Die jetzt in Cuxhaven gefundenen Patronen zeigen den Bodenstempel „R“ im Wappenschild der Rheinisch Westfälischen Sprengstoff AG (später Dynamit Nobel AG). Wenn eine Waffe abgefeuert wird, hinterlässt sie auf der Patronenhülse Spuren. Das ist wie ein Fingerabdruck. Es geht um das Kaliber 22. Es gibt womöglich also eine forensische Verbindung zwischen der Waffe eines Verdächtigen und diesem Ort in Cuxhaven.

Mehrere Lkw-Ladungen Erde werden ausgehoben, grob vorsortiert, gegebenenfalls gesiebt. Findet man etwas von den vermissten Mädchen? Foto: Döscher
Und nicht nur die Munition wird gefunden. Ganz in der Nähe liegt ein abgerissener Knopf einer Jeans. Von den im Zeitraum 1977 bis 1986 verschwundenen Mädchen („Disko-Morde“) haben Anja Beggers, Anke Streckenbach und Jutta Schneefuß eine Jeans getragen. Auch eine alte Nivea-Dose aus der Zeit wird gefunden. Eine Freundin von Angelika Kielmann glaubt sich zu erinnern, dass Angelika eine solche Dose immer bei sich gehabt hat.
Ist das Zufall? Eines der „Disko-Mädchen“ war ihr Kindermädchen
Das Gebiet hat in vielerlei Hinsicht eine Bedeutung. Zwei Frauen berichten, dass Wichmann dort mit ihnen Mitte der 70er Jahre hingefahren ist, sie ihm aber entkommen konnten. Ein Geschwisterpaar, welches es für möglich hält, dass Wichmann mit ihrer Mutter ein Verhältnis ebenfalls Mitte der 70er Jahre hatte, wohnte dort ganz in der Nähe. In ihrem Garten ist womöglich ein markantes Foto von Wichmann aufgenommen worden, mit dem er in Sex-Zeitschriften annonciert hat. Die beiden Schwestern hatten übrigens ein Kindermädchen: eine der später verschwundenen jungen Frauen.
Schwer einsehbares Gebiet mit acht markanten Stellen
Es geht um ein Gebiet, welches schwer einsehbar ist - und damit vielleicht „ideal“, um sich hier an Mädchen zu vergehen, sie zu töten und zu vergraben? Chedor: „Laserscans weisen auf suspekte Stellen hin.“ Von diesen Stellen gibt es acht Stück. Mindestens sechs Mädchen werden vermisst.
T „Einfach nur Angst“: Ist er in Stade dem Serienmörder begegnet?
Karten zeigen, dass einige „Verfärbungen“ schon 1978 zu sehen sind. Der Entschluss steht fest: Hier will man das Erdreich ausheben. Gelingt hier der große Durchbruch, kann man Wichmann weitere Taten nachweisen? Eine operative Fallanalyse des Landeskriminalamtes Niedersachsen geht davon aus, dass Wichmann weitere Taten im hohen zweistelligen Bereich begangen haben könnte. Vermutlich hat er nicht alleine gehandelt. Konkrete Beweise gibt es dafür nicht.
Mit Bagger und Lastwagen wird Erdreich abgetragen und gesiebt
Und doch dauert es in Cuxhaven dann mehr als ein Jahr, bis man endlich loslegen kann. Vorher mussten Grundstückseigentümer gefunden und überzeugt, schweres Gerät und Lastwagen besorgt werden. Im Februar und April 2026 wird mit einem Bagger das Erdreich ausgehoben.
Archäologen sieben und „duchstochern“ die Erde. Findet man noch Knochen oder einen Ohrring?

Mit Metalldetektoren wird das Gebiet abgesucht. Neben Patronenhülsen werden auch ein Jeansknopf und eine alte Nivea-Dose gefunden. Foto: Döscher
Ein erster Fund. Ist es ein Zahn? Klaus Püschel, Rechtsmediziner und von 1991 bis 2020 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am UKE in Hamburg, gibt schnell Entwarnung, der Zahn entpuppt sich als Stein. Der Archäologe Andreas Schäfer räumt dann auch mit der Annahme auf, alles bliebe im Moorboden erhalten, ob Knochen oder eine Jeans. „Das hängt immer von den
Bodenverhältnissen ab.“ Püschel gibt zu bedenken, dass bei einem normalen Friedhofsgrab die Stellen zum Teil wieder freigegeben werden, weil sich Weichteile und kleine Knochen schon aufgelöst haben. „Hier ist es schon fast 50 Jahre her.“ Knochen hätten sich weitestgehend aufgelöst. „Manchmal hat man Glück und wegen des Moores bleibt ein größerer Knochen, zum Beispiel vom Oberschenkel, erhalten.“
Auswertungen des Erdreichs dauern noch an
Mehrere Lkw-Ladungen werden an einen geheimen Ort gekarrt. Es gibt weitere Funde im Erdreich, aber bisher deutet nichts davon konkret auf die Mädchen hin. Die Freiwilligen wirken geknickt. Die Auswertungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Erst knapp 20 Prozent des Erdreichs sind überprüft worden. Für Chedor und Püschel bleibt das Gebiet ein „ganz heißer, zentraler Ort“. Darauf habe man die vergangenen zwei, drei Jahre hingearbeitet, so Chedor.
Zusatzinfo: Göhrde-Einheit stellt sich neu auf
Die Polizeidirektion Lüneburg war dem Gerücht entgegengetreten, dass sich die Cold-Case-Einheit auflöst - nach einem Bericht von Carlo Eggeling im Magazin „Quadrat“ stellt sie sich aber neu auf. Der Leiter Thilo Speich scheidet aus persönlichen Gründen ein halbes Jahr aus, dazu geht ein Kollege in Pension, andere erhalten neue Aufgaben.
Interimsmäßig steht nun die frühere Pressesprecherin Julia Westerhoff an der Spitze. Es gingen weiterhin Hinweise ein. Die würden als Spur erfasst, abgearbeitet, oftmals ohne juristisch greifbare Ansätze. Wert lege man darauf, Hinterbliebene von Opfern über die Arbeit der Polizei zu informieren - sie sollten nicht aus der Presse erfahren, wenn die Polizei mit Botschaften nach draußen gehe.
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