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Wirtschaftspolitik

TChemie-Gipfel: Industrie-Arbeitsplätze auch im Kreis Stade in Gefahr

Blick auf Anlagen von AOS im Stader Chemiepark.

Blick auf Anlagen von AOS im Stader Chemiepark. Foto: Anping Richter

„Wir müssen doch konkurrenzfähig bleiben“, sagt Oliver Elsen. Der Betriebsratsvorsitzende von AOS Stade spricht über seine Branche. Gerade kommt er vom Chemie-Gipfel in Hannover - und ordnet die Ergebnisse ein.

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Von Anping Richter
Freitag, 17.04.2026, 23:20 Uhr

Stade. Oliver Elsen, Betriebsratsvorsitzender der AOS Stade, war als einer von vier Betriebsräten aus Niedersachsen zum Chemie-Gipfel eingeladen. „Dabei ging es nicht nur darum, AOS zu vertreten, sondern auch den Standort Stade“, sagt er. Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant-Hendrik Tonne hatte außerdem Vertreter von Verbänden der Chemischen Industrie, der Industriegewerkschaft IGBCE und von Unternehmen nach Hannover gebeten.

AOS-Betriebsrat Oliver Elsen.

AOS-Betriebsrat Oliver Elsen. Foto: Anping Richter

Wie berichtet, gehört Elsen zur Betriebsräte-Initiative, die das Standort-Entwicklungskonzept für den Industriepark in Bützfleth vor einigen Jahren anschob. Die Herausforderungen - hohe Energiepreise, Bürokratie, internationaler Wettbewerbsdruck - sind seither noch größer geworden. Seit der Blockade der Straße von Hormus sind die Gaspreise in Rekordhöhen gestiegen.

Warum die Chemie noch nicht ohne Gas kann

„Wir brauchen Gas, weil uns in den nächsten Jahren kein Brennstoff aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung stehen wird“, erklärt Oliver Elsen. Der Hochlauf von grünem Wasserstoff sei noch in der Erprobungsphase, die chemische Industrie brauche aber Dampf und Prozesswärme: „Ein Industriestrompreis nützt uns da nicht viel.“

Um den Verbrauch fossiler Energie auszugleichen, muss die Chemiebranche den Emissionshandel nutzen. Das macht die Produktion teurer. „Am Ende kann das dazu führen, dass Standorte geschlossen werden und die Produktion ins Ausland wandert, wo die Umweltstandards viel schlechter sind“, erklärt Elsen.

Ein beunruhigendes Stader Beispiel: Trinseo

Ein Stader Beispiel verdeutlicht das Problem: Zurzeit werden die Anlagen von Trinseo abgebaut. Der Konzern hat beschlossen, aus der Polycarbonat-Produktion auszusteigen und sie an die indische Firma Deepak Chem Tech Ltd verkauft. Die Technik aus Stade scheint noch gut zu funktionieren: Die indische Firma verkündet stolz, dass die Fabrik im indischen Dahej wieder aufgebaut wird, um ab 2028 Polycarbonat zu liefern. Dass 165.000 Tonnen jährlich an Trinseo gehen, sei vertraglich vereinbart.

„Es ist fünf vor zwölf für die Chemie in Niedersachsen, Deutschland und Europa“, sagt Wirtschaftsminister Grant-Hendrik Tonne. Wenn die Branche weiter unter Druck gerate, treffe das weite Teile der Wirtschaft, heißt es in seiner Pressemitteilung nach dem Chemie-Gipfel in Hannover.

Tonne zeigt sich „sehr unzufrieden damit, dass weder die Bundeswirtschaftsministerin noch die Europäische Kommission trotz aller Hinweise und Bitten in konkretes Handeln kommt.“ Nun soll ein Forderungskatalog Druck machen. Die wichtigsten Punkte:

1. Wettbewerbsfähige Energiepreise

Dazu gehören schnelle Entlastungen, bessere Netzanbindungen, mehr erneuerbare Energien und ein verlässlicher Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.

2. Emissionshandel reformieren

Niedersachsen fordert die kostenlose Zuteilung von CO₂-Zertifikaten für eine Übergangszeit auf dem bisherigen Niveau. Das soll den Unternehmen Luft für Investitionen in klimafreundliche Technologien verschaffen. Außerdem soll der CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) verbessert werden: So heißt das CO₂-Grenzausgleichssystem der EU. Es zwingt alle Produzenten von energieintensiven Waren wie Stahl, Zement, Aluminium, Düngemittel, Wasserstoff und Strom, CO₂-Zertifikate zu kaufen, wenn sie ihre Produkte in der EU vermarkten wollen. Weil die Lieferketten hochkomplex sind und Tausende Stoffe und nachgelagerte Produkte grenzüberschreitend gehandelt werden, müsse der CBAM aber noch ausgebaut werden.

3. Bürokratie abbauen

Bei EU-Vorgaben wie der novellierten Industrieemissionsrichtlinie gelte es, Spielräume zu nutzen und weitere Erleichterungen durchzusetzen.

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