TDie Jagd nach den Buxtehuder Gebetsbüchern aus dem 16. Jahrhundert
Dr. Carolin Gluchowski steht in der heutigen St.-Marien-Kirche in Buxtehude-Neukloster. Die Geschichtswissenschaftlerin der Universität Hamburg erforscht die sogenannten Buxtehude-Handschriften aus dem Spätmittelalter. Foto: Sulzyc
Bisher unerforschte Gebetbücher geben Einblicke in das mittelalterliche Klosterleben in Buxtehude. Dr. Carolin Gluchowski leistet dafür Detektivarbeit. Eine Spur führt dabei in die USA.
Buxtehude. Bisher wissen Wissenschaftler nur wenig über das Leben vor 500 Jahren in dem Kloster, das dem heutigen Buxtehuder Ortsteil Neukloster seinen Namen gibt. Nur einzelne Archivdokumente sind erhalten. Einblicke in das Klosterleben gibt bisher das Ostergebetbuch der früheren Klostervorsteherin Cecilia Hüge. Von 1562 bis 1573 war sie Priorin in Neukloster.
Mittlerweile sind vier weitere Gebetbücher entdeckt worden - in Deutschland und in den USA. Wissenschaftler sind sich sicher: Diese sogenannten Buxtehude-Handschriften stammen aus dem spätmittelalterlichen Buxtehude-Neukloster.
Junge Historikerin hat eigenen Blog
Den Nonnen ist eine Historikerin der Universität Hamburg auf der Spur: Dr. Carolin Gluchowski (34) rückt damit St. Marien in Buxtehude-Neukloster in den Fokus der Wissenschaft. Carolin Gluchowski wird durch die Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder gefördert. In einem Blog im Internet berichtet sie von ihren Forschungsergebnissen.
Mit der Unterstützung von drei weiteren jungen Wissenschaftlerinnen der Universitäten Hamburg und Oxford (England) gelang es Carolin Gluchowski, vier weitere Handschriften dem Kloster in Buxtehude-Neukloster zuzuordnen.
Detektivarbeit wie bei Sherlock Holmes
Das sei Detektivarbeit, erklärt die Historikerin im Gespräch mit dem TAGEBLATT. „Man muss wie Sherlock Holmes arbeiten.“ Denn in der Regel haben Nonnen früher ihre Handschriften nicht mit Namen unterzeichnet. Auch den Namen „Neukloster Buxtehude“ ließen sie meist unerwähnt. Das von Cecilia Hüge unterzeichnete Gebetbuch gilt als Ausnahme.
Aber: Jedes Kloster habe einen eigenen Hausstil. Einen unverwechselbaren Stil an Schrift und Dekoration. „Jedes Kloster hat eigene Verzierungen“, erklärt die Historikerin. Dieser Buchschmuck heißt in der Fachwelt Fleuronné. Dr. Carolin Gluchowski gilt mittlerweile als Expertin dafür, die Buxtehude-Handschriften zu identifizieren. Ein eigenes Bildgedächtnis habe sie sich dazu angeeignet.
Gebetbücher sind richtige Schinken
Spätmittelalterliche Gebetbücher sind reich illustriert. Mindestens ein Jahr Arbeit stecke in einer solchen Handschrift. 420 beidseitig beschriebene und illustrierte Blätter umfasst die Handschrift der Cecilia Hüge. „Ein richtiger Schinken, ein Lebenswerk“, sagt Carolin Gluchowski. Aufbewahrt ist es in der Landesbibliothek Württemberg in Stuttgart.
In der Fachwelt sprechen sich das Forschungsgebiet und die Expertise der Historikerin herum. Aus dem Archiv der Universitätsbibliothek Cincinnati (USA) erhielt Carolin Gluchowski einen Hinweis: „Habt ihr so etwas schon mal gesehen?“

Das Foto zeigt das Christmas Prayer Book (Gebetbuch für Weihnachten), das in der Bibliothek der Universität Cincinnati (USA) entdeckt wurde. Experten sind sich sicher: Dieses 500 Jahre alte Buch ist im damaligen Kloster von Buxtehude-Neukloster entstanden. Foto: University Library Cincinnati
Mittlerweile gilt als sicher: Das Christmas Prayer Book (Gebetbuch zu Weihnachten), das in den USA entdeckt wurde, muss vor rund 500 Jahren in Buxtehude-Neukloster entstanden sein.
Warum die Handschrift aus Neukloster in die Vereinigten Staaten gelangt ist, bleibt Spekulation: Vermutlich sei es verkauft worden und über Sammler und Bibliotheken an den heutigen Standort gelangt, sagt Carolin Gluchowski. Es handele sich um Kostbarkeiten - auch mit materiellem Wert: Auf dem Kunstmarkt könnten Handschriften dieser Art womöglich einen Wert von 100.000 Euro erzielen.
So kam Neukloster zu seinem Namen
1286 wurde das wenige Jahre zuvor in Neuenkirchen gegründete Kloster nach Bredenbeck, dem heutigen Buxtehude-Neukloster, verlegt. Da in Buxtehude bereits ein Kloster vorhanden war, bürgerte sich für das Kloster in Bredenbeck bald der Name Neues Kloster ein. Laut der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Marien erhielt der Ort später den Namen Neukloster. Im Laufe der Zeit entstand eine Klosteranlage mit Klosterkirche.
1499 zogen Kriegsreisende, das Landsknechtregiment Schwarze Garde, durch Neukloster und setzten die Klosterkirche in Brand. Alle Nonnen könnten sich sowie einige Kunstschätze retten und flohen nach Buxtehude. Die Kirche selbst brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Auf dem Kirchvorplatz vor der heutigen St.-Marien-Kirche in Neukloster hat sich ursprünglich die Kirche aus dem Jahr 1500 befunden. Die andersfarbigen Steine markieren die damaligen Grundmauern. Foto: Sulzyc
1500 wurden die Klosteranlage und die Klosterkirche wieder aufgebaut. 1902 begann der Bau der heutigen St.-Marien-Kirche. Zwei Jahre später wurde die alte Klosterkirche vollständig abgerissen.
Diese Erkenntnisse bringen die Handschriften
Aus den Gebetbüchern gewinnt Dr. Carolin Gluchowski Erkenntnisse über das Klosterleben vor 500 Jahren in Neukloster. Abbildungen zeigen Nonnen bei Andachtsübungen. „Im Kloster lebten gelehrte Frauen. Wahrscheinlich Töchter von wohlhabenden Händlern und Kaufleuten aus Hamburg.“ Das Papier zur Produktion der Gebetbücher stammte vermutlich aus Werkstätten in Hamburg.
Die Frauen seien nicht in das Kloster abgeschoben worden. Vielmehr hätten sie eine gesellschaftliche Stellung und politischen Einfluss gehabt. „Das waren Frauen, die ganz vorne mitgemischt haben“, sagt Carolin Gluchowski.

Die Historikerin Dr. Carolin Gluchowski (links) beim Besuch in St. Marien in Neukloster im Gespräch mit Pastorin Eva Gotthold. Foto: Sulzyc
Die Buxtehude-Handschriften zeigen in Illustrationen Nonnen im Gespräch mit Engeln. Als selbstbewusstes Statement interpretiert das die Historikerin: Es zeige, dass Frauen mit dem Göttlichen von Angesicht zu Angesicht kommunizieren.
Die Detektivarbeit geht in Dänemark weiter
Drei weitere Gebetbücher ordnet Carolin Gluchowski den Buxtehude-Handschriften zu. Entdeckt in den Archiven von Bibliotheken in Hildesheim und Bremen. Im Januar reist die Historikerin nach Kopenhagen. Auch dort wird eine Handschrift vermutet, die in Buxtehude-Neukloster entstanden sein könnte.
„Wir haben noch so viele Schätze in Bibliotheken und Archiven liegen, die entdeckt werden müssen“, sagt Carolin Gluchowski. Die Detektivarbeit geht weiter.
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