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Gesundheitswesen

TGroßer Protest: Physiotherapie-Klasse in Buxtehude steht vor dem Aus

Physiotherapeuten unterstützen in vielfältiger Weise bei der Rehabilitation.

Physiotherapeuten unterstützen in vielfältiger Weise bei der Rehabilitation. Foto: Robert Michael/dpa

Das Land beendet den Schulversuch zur Ausbildung von Physiotherapeuten in Buxtehude – trotz Fachkräftemangels und breiten Widerstands aus Politik und Praxis.

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Von Karsten Wisser
Dienstag, 24.02.2026, 19:00 Uhr

Buxtehude. Eine erfolgreiche und gefragte Ausbildung steht vor dem Aus. Seit fünf Jahren bilden die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Buxtehude Physiotherapeuten aus – ein dreijähriger Schulversuch, der Schülern mit Realschulabschluss offensteht. Doch das Land Niedersachsen beendet den Versuch. Obwohl sich für das Schuljahr 2026/2027 erneut 20 Schüler angemeldet haben, darf im Sommer keine neue Klasse starten. Das Kultusministerium begründet die Entscheidung mit hohem organisatorischem Aufwand und mangelnder Vereinbarkeit mit der allgemeinen Schulstruktur. Rund 50 Schüler in drei Jahrgängen dürfen ihre Ausbildung noch abschließen.

Massiver Fachkräftemangel im Gesundheitswesen

Der Widerstand gegen das Ende ist groß. Schüler, Lehrkräfte, Physiotherapie-Praxen und Politiker aller Parteien kämpfen für den Erhalt. Angesichts des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen stößt die Entscheidung auf Unverständnis. Neben Buxtehude gibt es den Schulversuch auch in Emden und Hameln.

„Ich habe mich für die Ausbildung in Buxtehude entschieden, weil sie unabhängig von Nationalität und Zertifikaten eine hochwertige und strukturierte Ausbildung bietet“, sagt Schüler Vladislav C., der vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland floh. Universitäten hatten ihn als Ausländer oft abgelehnt. Auch Bashar A., 24 Jahre alt, sieht in der Ausbildung seine Chance: Sein syrisches Abitur werde hier nur als Realschulabschluss anerkannt. In Syrien hatte er bereits mit dem Physiotherapie-Studium begonnen. „Diese Ausbildung ist für mich wahrscheinlich die letzte Chance, mir hier meine Zukunft aufzubauen.“

Mittlere Reife für den Berufseinstieg sinnvoll

Die Schüler appellieren an das Land: „Bitte setzen Sie die Ausbildung fort, damit wir und andere Schüler gut ausgebildete Physiotherapeuten werden können.“ Unterstützung kommt auch von der Hochschule 21 in Buxtehude, die Physiotherapeuten im dualen Studium ausbildet. Dafür ist jedoch die Hochschulreife nötig. „Die Absolventenzahlen reichen seit Jahren nicht aus, um den Fachkräftebedarf zu decken“, sagt Prof. Barbara Zimmermann, Vizepräsidentin der Hochschule. Der Schulversuch sei ein wichtiger Schritt, um Schülern mit mittlerer Reife den Berufseinstieg zu ermöglichen.

Prof. Barbara Zimmermann, Fachbereichsleiterin Gesundheit und Vizepräsidentin der Privaten Hochschule 21.

Prof. Barbara Zimmermann, Fachbereichsleiterin Gesundheit und Vizepräsidentin der Privaten Hochschule 21. Foto: Knappe

Seit 2006 bietet die Hochschule in Kooperation mit den Elbe Kliniken und dem Universitätsklinikum Hamburg einen Studiengang Physiotherapie an. Mit 25 Plätzen in Stade und 25 in Hamburg ist er stets ausgelastet. Aktuell sind 190 Studenten immatrikuliert, bei jährlich 400 Bewerbungen in Hamburg und 180 in Stade.

Es gibt viel zu wenige Physiotherapeuten

„Der Bedarf an Physiotherapeuten ist enorm und bleibt ungedeckt“, betonen die Lehrkräfte der BBS. Der Fachkräftemangel in der Physiotherapie sei einer der höchsten im Gesundheitswesen. Schülern mit Realschulabschluss den Zugang zu verwehren, verschärfe das Problem. „Die Berufsfachschule Physiotherapie ist für uns ein Herzensprojekt.“

Bundesweite Zahlen belegen die Mangelsituation: Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichte eine Studie, die den Fachkräftemangel des deutschen Arbeitsmarkts für das Jahr 2024 nach Branchen berechnet hat. Daraus geht hervor, dass keine andere Branche so sehr vom Fachkräftemangel betroffen ist, wie das Gesundheitswesen – der Spitzenreiter hier: die Physiotherapie. Von über 46.000 unbesetzten Stellen sind mit 11.979 die meisten davon unter den Physiotherapeuten zu verzeichnen.

Rückschritt für die Versorgung der Patienten

Auch die Praxispartner der BBS loben den Schulversuch. „Die Schüler sind fachlich gut vorbereitet, motiviert und bringen schon während der Ausbildung viel praktische Kompetenz mit“, heißt es in einer Petition. Der Modellversuch leiste einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung in der Region. Ein Abbruch wäre ein Rückschritt für die therapeutische Versorgung und den Arbeitsmarkt.

Ein reines Auslaufen ist für mich weiterhin nicht akzeptabel.

Corinna Lange, SPD-Landtagsabgeordnete

Die SPD-Landtagsabgeordnete Corinna Lange kritisiert die eigene rot-grüne Landesregierung scharf. „Ein reines Auslaufen ist für mich weiterhin nicht akzeptabel“, schreibt sie an das Kultusministerium. Solange es keine bundesweiten Rahmenbedingungen für die Physiotherapieausbildung gibt, müsse der Schulversuch verlängert oder neu gestartet werden.

Corinna Lange, SPD-Landtagsabgeordnete, streitet mit der Landesregierung.

Corinna Lange, SPD-Landtagsabgeordnete, streitet mit der Landesregierung. Foto: Susanna Brunkhorst

Die kurzfristige Ankündigung der Nichtaufnahme neuer Schüler ab 2026/2027 sei eine vermeidbare Belastung für die Betroffenen. Lange fordert eine schnelle Gesprächsrunde mit allen Beteiligten, um im Sommer eine neue Klasse starten zu können.

Landrat für den Erhalt der Physiotherapie-Klassen

Auch Landrat Kai Seefried (CDU) plädiert für den Erhalt der Ausbildung. „Es macht keinen Sinn, die funktionierenden Strukturen zu zerschlagen“, sagt er und unterstützt die Forderung nach einem neuen Schulversuch.

Der Landkreis Stade ist Träger der BBS und sieht in der Ausbildung einen wichtigen Baustein zur Sicherung der regionalen Gesundheitsversorgung. Der Landkreis hat rund 50.000 Euro in den Ausbildungsgang investiert.

Kai Seefried, Stader Landrat, will die Physiotherapie-Klassen in Buxtehude retten.

Kai Seefried, Stader Landrat, will die Physiotherapie-Klassen in Buxtehude retten. Foto: Christian Schmidt

Eigentlich sollten die Physiotherapie-Klassen demnächst in die Albert-Schweitzer-Schule in der Harburger Straße umziehen und dort gemeinsam mit dem Studiengang Physiotherapie Hochschule 21 das kreiseigene Gebäude nutzen. Knapp 2,5 Millionen Euro stehen für die laufende Sanierung zur Verfügung. Auch das steht auf der Kippe.

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