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Politik

TIran-Krise: Was Perser im Kreis Stade jetzt fürchten und hoffen

Hamta Kuhrazani, ihre Mutter Purandokht Mojarat und Bahareh Markert im Café Baham in Buxtehude.

Hamta Kuhrazani, ihre Mutter Purandokht Mojarat und Bahareh Markert im Café Baham in Buxtehude. Foto: Richter

Die Massenproteste im Iran und die Gegengewalt des Regimes spitzen sich zu. Perser im Kreis Stade bangen um Angehörige und Freunde. Doch sie schöpfen auch Hoffnung.

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Von Anping Richter
Mittwoch, 14.01.2026, 11:50 Uhr

Landkreis. Die seit Tagen anhaltende Nachrichten- und Telekommunikationssperre zerrt an den Nerven, sagt Bahareh Markert. Mit ihren Eltern ging sie schon als Kind nach Deutschland ins Exil und betreibt heute mit der ebenfalls aus dem Iran stammenden Hamta Kuhrazani das Café Baham im Buxtehude-Museum.

Beide haben noch Verwandte und Freunde im Iran. „Meine Großmutter, Tanten, Onkel und Cousinen leben dort. Ihre Kinder sind bei den Protesten alle auf die Straße gegangen. Wir wissen nicht, ob sie noch am Leben oder tot sind. Meine Mutter weint jeden Tag“, berichtet Bahareh Markert.

Kuhrazanis Mutter lebt schon seit 20 Jahren in Gießen und ist in Buxtehude zu Besuch. In ihrer Jugend ließ sie sich in Paris zur Modeschneiderin ausbilden. Den Iran unter dem Schah von Persien erlebte sie als westlich orientiertes Land, in dem sie ihre Pariser Kleider tragen konnte. Heute weint sie bei dem Gedanken an das, was in ihrer alten Heimat geschieht: „Ich hoffe sehr, dass die Menschen dort eines Tages wieder glücklich leben können.“

Wie Nachrichten die Informationssperre überwinden

Mit Starlink können manche Iraner per Satellit ins Internet gehen und Nachrichten hinausschicken. „Das schaffen sie immer wieder, auch wenn das bei höchsten Strafen verboten ist“, sagt Hamta Kuhrazani. Quellen ließen sich zurzeit zwar schwer bestätigen, aber: „Wir befürchten, dass nicht Hunderte, sondern Tausende Demonstranten getötet worden sind.“ Sie habe Angst, dass die Gefängnisse leergeräumt und die politischen Gefangenen erschossen werden, sagt Hamta Kuhrazani.

Wie viele Exil-Iraner versuchen die beiden alles, um die Nachrichten, die sie für glaubwürdig halten, über die sozialen Medien zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass die Welt von der Krise Notiz nimmt - der größten seit dem Sturz des Schahs 1979. In Buxtehude, Stade, Hamburg, in London, Paris und New York lautet die Devise: „All Eyes on Iran“.

Der Stader Gastronom Amir Afschartabbar.

Der Stader Gastronom Amir Afschartabbar. Foto: Anping Richter

Auch der Stader Gastronom Amir Afschartabbar ist auf seinen Medienkanälen sehr aktiv. „Ich kann mir vorstellen, dass es ein Massaker gibt, ein echtes Blutbad“, sagt er. Seit Dezember gab es im Iran große Proteste in vielen Städten, doch die internationale Presse habe wenig berichtet. „Und wenn, stimmen zwar die Fakten - aber was ist mit der Einordnung?“

Dass der Anlass die Inflation und die extreme Teuerung waren, sei richtig. Doch man dürfe die Proteste nicht darauf reduzieren. „Es geht nicht nur um Brot. Es geht um Freiheit - wie 2022 bei der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung. Und wie bei mir, als ich damals mit 21 Jahren als Student in Teheran auf die Straße gegangen bin.“

Frau-Leben-Freiheit: Die Bewegung war nicht umsonst

„Die Frauen, die bei Frau-Leben-Freiheit dabei waren, laufen jetzt ohne Kopftuch durch die Stadt. Ihr Protest hat etwas gebracht, sie können das jetzt wagen“, berichtet Hamta Kuhrazani. Sie hat den Iran im vergangenen Jahr besucht. Bahareh Markert kann das nicht.

Weil sie mit einem Deutschen verheiratet ist, der kein Muslim ist, wird ihre Ehe nicht anerkannt. „Ich war zuletzt mit 18 Jahren im Iran und habe beschlossen, dass ich erst wieder hinfahre, wenn es Freiheit gibt und wir mit unseren Kindern hinfahren können, um ihnen das Land zu zeigen.“

Das Mullah-Regime habe seine Basis bei der Bevölkerung - rund 91 Millionen Einwohner - verloren, sagt Afschartabbar. Bei den Exil-Iranern in aller Welt hatte es diese ohnehin nicht. Wie Amir Afschartabbar nennen sie sich oft statt Iraner lieber Perser. „Perser zu sein ist keine Nationalität, sondern die Zugehörigkeit zu einer Sprache und einer Kultur“, erklärt der Stader Gastronom. Perser seien Angehörige vieler Religionen, auch Christen, Juden und Zoroastrier.

Zurzeit unterstützen viele eine Rückkehr des in den USA lebenden Reza Pahlavi. Der älteste Sohn des gestürzten Schahs hat sich als Übergangsführer für eine demokratische Zukunft positioniert. „Viele Linke sehen das kritisch und sagen, mit ihm wäre das Kind schon vor seiner Geburt verkauft“, sagt Amir Afschartabbar.

Das Kind sei die ersehnte Revolution, schließlich war der Schah ein Diktator. Afschartabbar sieht das anders: Im Iran gebe es viele sehr unterschiedliche oppositionelle Strömungen. Pahlavi sei eine Figur, die sie einen könne. Er sage selbst, dass er keine neue Monarchie installieren und auch kein Staatsoberhaupt werden wolle.

Hoffnung auf eine demokratische Revolution

Auch Kuhrazani und Markert glauben, dass Pahlavi diese einende Rolle einnehmen könnte - auch, weil er eher die Billigung der Trump-Regierung haben könnte. „Er selbst ist aber eher ein Sozialdemokrat. Ich glaube nicht,

dass er wirklich auf Trumps Linie liegt“, sagt Bahareh Markert.

Mit Amir Afschartabbar sind sie sich einig, dass die Großmächte Russland, China und USA eine entscheidende Rolle dabei spielen werden, wie sich die Krise weiterentwickelt. Die einen sind Verbündete und beziehen im Iran billiges Öl und Gas, der andere droht dem Regime mit militärischen Schlägen und zieht in den Handelskrieg - mit hohen Zöllen gegen alle Handelspartner des Irans.

Die Buxtehuderinnen und der Stader haben neben Sorgen auch Hoffnung. „Alle müssen sich einig werden, dass sie ein demokratisches Land wollen“, sagt Hamta Kuhrazani. Bahareh Markert ist überzeugt: „Dieses Mal wird es zur Revolution. Dieses Mal werden die Mullahs gehen.“ Wenn das klappt, hat Amir Afschartabbar einen Wunsch: „Ich möchte mit meinen Freunden aus Deutschland in den Iran fahren und ihnen dieses wunderschöne Land zeigen.“

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