T„Katastrophal“: Das sagen Pendler zum Bahnchaos im Kreis Stade
Peter Dahl fährt jeden Tag von Heimfeld nach Elstorf zur Arbeit. Am Dienstag kommt er aufgrund des mutmaßlichen Brandanschlags zu spät. Foto: Vonderbank
Nachdem Unbekannte einen Verteilerkasten in Neu Wulmstorf angezündet haben sollen, geht am Dienstag auf der Bahnstrecke nichts mehr. Wie ist die Stimmung? Das TAGEBLATT hat sich umgehört.
Landkreis/Neu Wulmstorf. Man merkt: Es sind Ferien in Niedersachsen. Der Bahnsteig an Gleis 1, Richtung Buxtehude/Stade, am Bahnhof Neu Wulmstorf ist am Dienstagvormittag wie leergefegt. Eine Frau sitzt laut in einer Fremdsprache telefonierend auf der Haltestellen-Sitzbank, dann schlendert sie mit dem Smartphone in der Hand den Bahnsteig hinunter. Ob sie weiß, dass die S-Bahn nicht fährt?
„Wir mussten in Stade nicht auf den Ersatzbus warten“
Vom Zugzielanzeiger kann sie es nicht wissen, auf dem ist lediglich zu lesen: „Bitte Aushangfahrplan beachten“. Das gilt auch für den Anzeiger am Bahnsteig 2 gegenüber, von dem die S5 von Stade kommend in Richtung Hamburg fährt - wenn Vandalen nicht gerade einen Verteilerkasten mutmaßlich in Brand gesteckt haben und den Zugverkehr lahmlegen.

"Bitte Aushangfahrplan beachten" ist auf den Zugzielanzeigern in Neu Wulmstorf zu lesen. Den Fahrgästen hilft das nicht weiter. Foto: Vonderbank
Auch am Bahnsteig 2 herrscht Unwissenheit. Angesprochen darauf, dass die Bahnen nicht fahren, macht eine Frau große Augen. Gemächlich schlendert sie in Richtung Bushaltestelle. Vor dem Bahnhofskiosk sitzen fünf Leute, telefonieren und trinken Kaffee. Sie scheinen es nicht eilig zu haben. Ein S5-Ersatzbus kommt an und spuckt ein paar Fahrgäste aus.
Eine von ihnen ist Frau Schneider, die zwei Tüten voller ausrangierter Kleidung zum Sozialkaufhaus in Neu Wulmstorf bringen will. Sie ist in Stade eingestiegen und hat mit dem Bus rund 45 Minuten bis Neu Wulmstorf gebraucht.
„Es ging schnell, wir mussten nicht auf den Ersatzbus warten“, sagt sie, und scheint entspannt. Sie habe schon Schlimmeres erlebt. Zudem sei die Polizei am Stader Bahnhof gewesen und habe mit den Menschen gesprochen.
Lüheanleger statt Cuxhaven: Mutmaßlicher Brandanschlag durchkreuzt Pläne
Das Gespräch weckt das Interesse eines Mannes, der mit seinem E-Bike unterwegs ist. Da er seinen Namen nicht im TAGEBLATT lesen möchte, macht der Neu Wulmstorfer seinem Ärger anonym Luft.
„Es ist ein Chaos. Ich hab‘ keinen Bock mehr, will in Rente“, lässt er seinem Ärger freien Lauf und berichtet von wiederkehrenden Störungen insbesondere am frühen Morgen. Der mutmaßliche Brandanschlag hat die Pläne für seinen freien Tag zunichtegemacht. „Ich wollte heute eigentlich mit der Bahn nach Cuxhaven fahren“, erzählt er.
Er arbeitet im Schichtdienst im Bereich Hochwasserschutz und fährt normalerweise drei Tage pro Woche von Neu Wulmstorf zur Arbeit nach Hamburg; wenn er zur Nachtschicht muss, nimmt er das E-Bike. „Mit dem E-Bike bin ich schneller als mit der S-Bahn“, sagt er.
Und wie verbringt er nun seinen freien Tag? „Statt mit der Bahn nach Cuxhaven fahre ich mit dem Cabrio zum Lüheanleger, Fischbrötchen essen.“
„Das rockt ja schon wieder gar nicht“
Der nächste Bus rollt an. „Das rockt ja schon wieder gar nicht“, echauffiert sich ein junger Mann beim Aussteigen. Er kommt aus Neuenfelde und hat einen Termin beim Jobcenter in Harburg. „Ich weiß gar nicht, ob ich das noch schaffe.“

Fahrgäste steigen aus einem S5-Ersatzbus aus. Viel los ist nicht, was auch daran liegt, dass Schulferien sind. Foto: Vonderbank
Fahrgäste, die mit ihm ausgestiegen sind, bleiben an der Bushaltestelle stehen oder gehen hinüber zum Bahnsteig. Viele starren auf ihre Handys.
KVG-Busfahrer bemängelt Kommunikation
Derweil verlässt der Fahrer der KVG-Linie 550 den Bus und steckt sich eine Zigarette an, als ihn eine Frau anspricht. „Der Schienenersatzverkehr fährt da vorne“, sagt er, und zeigt auf die Haltestelle. Die Frau zuckt bloß mit den Schultern und wendet sich ab. Er erkläre den Fahrgästen heute in einer Tour, wo die Ersatzbusse abfahren.
„Die Lage ist katastrophal“, resümiert er. „Die Leute steigen in die Busse ein und schauen nicht, wohin sie fahren. Und an der Endstation wundern sie sich dann, dass sie nicht dort sind, wo sie hinwollten.“ Sein Eindruck: Die Fahrgäste sind genervt. Es gebe keine Informationen, keine Durchsagen. Auch er selbst habe halt keine Informationen von der Bahn bekommen.
Peter Dahl aus Heimfeld: „Ich bin leidensfähig“
Peter Dahl aus Heimfeld hat sich am Bahnhofskiosk erstmal einen Kaffee geholt. Er möchte zur Arbeit. Eigentlich hätte er um 11 Uhr anfangen sollen. Jetzt ist es 11.17 Uhr. Jeden Tag pendelt Dahl, der eigentlich Renter ist, von Heimfeld nach Elstorf zur Arbeit, wo er sich in einem Kindergarten um den Abwasch kümmert.
Vier Stunden dauert die Fahrt - morgens zwei Stunden hin, abends zwei Stunden zurück, mehrmaliges Umsteigen inklusive. Und das für vier Stunden Arbeit täglich. Dafür braucht man zweifelsohne starke Nerven. „Ich bin leidensfähig“, sagt er. Das müssen Pendler auf der Strecke Hamburg - Stade auch sein.
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