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Gelebte Teilhabe

Mit Herz und Händen - Metzger lernt Gebärdensprache

Metzger Yevgeniy Klibanov zeigt die Gebärde für „Rind“.

Metzger Yevgeniy Klibanov zeigt die Gebärde für „Rind“. Foto: Daniel Löb/dpa

In seiner Freizeit bringt sich Yevgeniy Klibanov Gebärdensprache bei, um sich mit seinen gehörlosen Kunden unterhalten zu können. Das verändert einiges.

Von Irena Güttel, dpa Mittwoch, 17.06.2026, 04:05 Uhr

Nürnberg. Metzger Yevgeniy Klibanov liebt es, sich mit seinen Kunden zu unterhalten, wenn er Wurst in Scheiben schneidet oder Fleisch abwiegt. Dann lächelt er über das ganze Gesicht und holt weit mit den Armen aus. Bei zwei seiner Stammkunden ging das jedoch lange Zeit nicht: Die beiden Männer sind gehörlos. Deshalb lernt der 39-Jährige in seiner Freizeit seit etwa einem Jahr Gebärdensprache. 

Um die 95 Wörter und Begriffe beherrsche er mittlerweile, sagt Klibanov. „Ich bin noch in der Lernphase“, gibt er zu. Aber für kleine Gespräche etwa über das Wetter oder die Familie reiche es. 

„Wir lachen gemeinsam“

Welchen großen Unterschied das macht, sieht man, als Hedi Doudeche an die Fleischtheke in dem Nürnberger E-Center tritt. Freudestrahlend begrüßt er den Metzgermeister mit einigen Gebärden. Der 73-Jährige ist einer der beiden gehörlosen Stammkunden und wohnt ganz in der Nähe des Supermarkts im Stadtteil Röthenbach - drei Häuser von Klibanovs Haus entfernt. 

Dank der Gebärdensprache hätten sich die beiden nun auch etwas zu erzählen, wenn sie sich zufällig auf der Straße träfen, sagt Klibanov. „Wir reden miteinander, wir lachen gemeinsam. Dadurch bekommt man näheren Kontakt.“ 

Unter der Theke hat Yevgeniy Klibanov einen Spickzettel mit den wichtigsten Begriffen und Wörtern - falls er mal etwas vergisst.

Unter der Theke hat Yevgeniy Klibanov einen Spickzettel mit den wichtigsten Begriffen und Wörtern - falls er mal etwas vergisst. Foto: Daniel Löb/dpa

Etwa 80.000 gehörlose Menschen leben nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bunds in Deutschland. In Bayern sind es dem Landesverband zufolge rund 10.000. Gleichzeitig gebe es im Freistaat nur etwa 200 qualifizierte Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher, die diese etwa bei Behördengängen und Arztbesuchen begleiten könnten, sagt Verbandsexperte Daniel Büter. Das zeige, wie groß die Barrieren im Alltag seien. 

„Echte Teilhabe auf Augenhöhe“

„Einkaufen ist glücklicherweise ein Alltagsbereich, der mit sehr wenig direkter Kommunikation auskommt“, ergänzt Büter. Dass Klibanov die Gebärdensprache lernt, findet er trotzdem sehr wertvoll. „Es ist ein großartiges Beispiel für echte Teilhabe auf Augenhöhe. Ein solcher persönlicher Austausch nimmt den alltäglichen Druck heraus und schafft eine Willkommenskultur“, sagt Büter. In Deutschland sei so ein Engagement im Vergleich zu anderen Ländern wie den USA leider eher selten. 

Die Gebärdensprache hat sich der Metzger mit Hilfe einer App beigebracht. Wenn abends seine sechs und acht Jahre alten Kinder schliefen, fahre er in seinen Schrebergarten, trinke Kaffee und übe, erzählt er. Demnächst will er außerdem einen Kurs am Bildungszentrum besuchen. Im Moment lerne er aber vor allem beim Umgang mit seinen gehörlosen Kunden. 

Mit einer App lernt der Metzger abends in seinem Schrebergarten die Gebärdensprache. Demnächst will er einen Kurs besuchen.

Mit einer App lernt der Metzger abends in seinem Schrebergarten die Gebärdensprache. Demnächst will er einen Kurs besuchen. Foto: Daniel Löb/dpa

Etwas falsch machen könne man nicht, wenn man Gebärdensprache per App lerne, sagt Büter. Es gebe mittlerweile gute Apps, um einen ersten Wortschatz zu erwerben und einzelne Vokabeln zu lernen. „Allerdings kann keine App das persönliche Gespräch und den echten Kontakt ersetzen.“ Wer die Gebärdensprache fließend lernen wolle, brauche direkten Kontakt zu Gehörlosen und solle professionelle Kurse besuchen. 

Gebärdensprache hat nach Angaben des deutschen Gehörlosenbunds ein umfassendes Vokabular und eine eigenständige Grammatik, die anderen Regeln folgt als die von gesprochenen Sprachen. Eine Herausforderung für Klibanov, aber nichts, das ihn abschrecken würde, sagt er. „Irgendwie baue ich mir das zusammen, wenn ich was sagen will.“

Als er 2001 als Jugendlicher mit seiner Familie aus Usbekistan nach Deutschland gekommen sei, sei es auch nicht anders gewesen. Da habe er sich die Sprache Wort für Wort erschlossen und keine Angst davor gehabt, Fehler zu machen. „Es hat immer funktioniert. Ich bin da ganz locker.“

Spickzettel unter der Theke

Und wenn der 39-Jährige doch mal nicht weiterweiß, hat er ja seinen Spickzettel unter der Theke. Auf diesem hat er sich die wichtigsten Begriffe aufgeschrieben wie Begrüßung, Verabschiedung, Fleischsorten, Wochentage. Doch als Doudeche beide Hände mit abgespreizten Daumen und kleinen Finger an den Kopf führt, weiß Klibanov sofort, was er meint. „Rind? Habe ich nicht“, sagt er mit Blick auf die Fleischwurst. Stattdessen bietet er ihm Leberwurst an. 

Bei Gebärdensprache sei es wie bei einer Fremdsprache, erläutert Büter. Wie schnell jemand diese lerne, hänge stark von persönlichen Faktoren ab: „Bringt man eine visuelle Sprachbegabung mit? Ist man mimisch ausdrucksstark?“, zählt er zum Beispiel auf. „Manche Menschen haben ein natürliches Gespür für die visuelle Koordination von Händen, Körper und Gesichtszügen, während andere sich diese ungewohnte Ausdrucksweise mühsamer erarbeiten müssen.“

Ob Klibanov ein Talent dafür hat, Sprachen zu lernen? „Naja“, sagt er und zählt auf: „Deutsch, Russisch, ein bisschen Englisch - und jetzt Gebärdensprache.“ Dann lacht er und zuckt mit den Schultern. Ob Talent oder nicht - das spielt für Klibanov keine Rolle. Er legt einfach los.

Nicht nur an der Fleischtheke kommt Klibanov mit seinem Kunden Hedi Doudeche ins Gespräch. Auch wenn sie sich auf der Straße treffen, unterhalten sie sich.

Nicht nur an der Fleischtheke kommt Klibanov mit seinem Kunden Hedi Doudeche ins Gespräch. Auch wenn sie sich auf der Straße treffen, unterhalten sie sich. Foto: Daniel Löb/dpa

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