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TOttensens Kapitän Rickert: Nach jedem Abstieg wieder aufgestanden

Keiner kennt die Höhen und Tiefen des Amateurfußballs besser als Ottensens Kapitän Alexander Rickert. Seit vielen Jahren trägt er beim SVO schon die Nummer 15.

Keiner kennt die Höhen und Tiefen des Amateurfußballs besser als Ottensens Kapitän Alexander Rickert. Seit vielen Jahren trägt er beim SVO schon die Nummer 15. Foto: Privat

Vier Aufstiege, fünf Abstiege: Alexander Rickert erlebt seit fast 20 Saisons die Extreme des Fußballs - und beweist, dass Treue mehr zählt als jeder Pokal.

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Von Lars Wertgen
Mittwoch, 25.02.2026, 19:25 Uhr

Ottensen. Es ist Freitagabend im Mai 2018, Flutlicht in Horneburg. Der SV Ottensen führt gegen NoKi in Action. Während einer Verletzungsunterbrechung eilt nicht nur der Eiskoffer aufs Feld, sondern auch eine Nachricht aus Apensen: Der TSV führt gegen Wischhafen/Dornbusch. Hält das Ergebnis, ist Ottensen uneinholbar Meister.

Der Schiedsrichter pfeift ab. Die Ottenser bleiben auf dem Rasen und warten. „Das dauerte gefühlt eine Ewigkeit. Wahrscheinlich waren es nur ein paar Minuten“, erinnert sich Alexander Rickert.

Dann die Erlösung: Wischhafen ist besiegt und Ottensen Meister. „Das war extrem geil“, sagt Rickert. Lieder erklingen, die Nebelmaschine läuft auf Hochtouren.

Für den letzten Spieltag kommt der Befehl: „Jeder lässt sich einen Schnäuzer stehen.“ Die Schnurri-Meisterfeier ist legendär. „Das war echt und unvergessen“, sagt Rickert.

Es war nicht Rickerts erster Aufstieg, nach zehn Jahren aber der erste, der sich wie einer anfühlte.

Jugendliche Unbekümmertheit: Abstieg? Na und?

Rickert ist heute 36 Jahre alt. Kein anderer aktiver Spieler im Kreis Stade hat in den letzten 20 Saisons so viele Höhen und Tiefen erlebt: Vier Aufstiege und fünf Abstiege.

Seinen ersten erlebt Rickert in seinem ersten Herrenjahr. Ottensen steigt 2007/08 sang- und klanglos aus der Kreisliga ab. „Das war natürlich bescheiden, aber dann sind wir halt abgestiegen“, erinnert sich Rickert, mit wie viel jugendlicher Gelassenheit er die Enttäuschung aufnahm.

Aus der Jugend war er es nur gewohnt, aufzusteigen. „Für mich war das alles noch neu.“

Der erste Aufstieg fühlt sich falsch an

Fußball spielen, zusammensitzen, Mettwurst essen, Bier trinken: An die nächsten Jahre erinnert er sich gerne, auch wenn sie sportlich an ihnen vorbeilaufen.

„Bis heute will ich die vielen Stunden, die man in diesem alten Sporthaus verbracht hat, nicht missen“, sagt Rickert. „Ich spiele ja kein Fußball, weil ich Geld verdienen will. Ich spiele wegen der dritten Halbzeit.“

2011/12 landet Ottensen auf Platz drei, rückt nur nach, weil in der Kreisliga ein Platz frei wird. „Wir sind am grünen Tisch aufgestiegen“, sagt Rickert. Der Aufstieg habe sich falsch angefühlt.

Abstiegsfrust bleibt auf dem Fußballplatz

Zwei Jahre später fehlen 13 Punkte zum Klassenerhalt. Der Abstieg ist früh besiegelt. Den Frust nimmt Rickert aber nie mit nach Hause.

Er schaut bei der Alten Herren oder der Ü40 zu, stellt sich woanders im Kreis an den Platz, um sich abzulenken. Meist hilft allein die „klassische Dritte-Halbzeit-Analyse“. „Ohne diesen gesunden Abstand hätte ich nicht mit Freude weitermachen können.“

„Zu merken, dass es nicht reicht, war hart“

Nach zwei weiteren Jahren in der 1. Kreisklasse kommt 2017/18 jener magische Freitagabend in Horneburg. Normalerweise gelingt es Rickert, relativ schnell den Schalter umzulegen und von der Saison Abstand zu gewinnen, um neue Energie zu tanken.

Dieses Mal genießt er den Moment lange und geht mit Schwung in die neue Saison.

Doch das Glück hält nicht. Ottensen steigt direkt wieder ab, kassiert fast 100 Gegentore. „Zu merken, dass es nicht reicht, war hart. Da ist etwas zerbrochen und der Kern war nicht mehr, wie er mal war“, so Rickert.

Auf einen Tiefpunkt folgt ein weiterer

2019/20 steigt Ottensen wegen Corona auf dem Sofa auf. „Cool, du bist aufgestiegen“, freut sich Rickert ironisch. Auch die Saison 2020/21 wird abgebrochen, und Ottensen steigt freiwillig ab. Der ohnehin schrumpfende Kader wird immer kleiner, die Trainingsbeteiligung schlechter.

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Ottensen verschwindet selbst in der 1. Kreisklasse in der Versenkung und steigt 2022/23 sogar als Tabellenletzter in die 2. Kreisklasse ab.

Es ist der Abstieg, der mit Rickert am meisten macht. Er hatte schon so viele Hochs und Tiefs erlebt, war fast immer beim Training, wuchs früh zur Führungsfigur heran und war seit Jahren Kapitän. Aber dieses Mal war es anders.

„Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gesagt: Ich weiß nicht, ob ich das noch will“, so Rickert. „Ich konnte aber nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass nach mir die Sintflut kommt“, sagt Rickert.

Das große Ziel

Seine Loyalität wird belohnt. Zur Saison 2023/24 kommen rund ein Dutzend junge Spieler. 2024/25 steigt Ottensen als Tabellenzweiter auf und spielt derzeit in der 1. Kreisklasse - wieder gegen den Abstieg.

Wiederholt sich die Geschichte? Sicher nicht, findet Rickert. Denn er geht auch mit 36 Jahren als Anführer voran, spielte mehrere Spiele mit gebrochenem Fersenbein und gerissenen Bändern.

Er sei natürlich etwas abgestumpft durch die vielen Auf- und Abstiege. „Aber mir darf das nicht egal sein. Wenn ich das offen heraustrage, dann kann ich es sein lassen.“

Er will es aber nicht sein lassen, sondern noch seine 20. Herrensaison spielen. „Dann bin ich länger bei den Herren, als meine Gegenspieler alt.“

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Flüssiges Gold hilft in Ottensen traditionell, um Siege zu feiern und Niederlagen zu therapieren. Foto: Thies Meyer

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