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Manöver an der Nato-Ostflanke

Pistorius will notfalls Soldaten für Litauen verpflichten

Pünktliche Einsatzbereitschaft hat für den Verteidigungsminister Priorität.

Pünktliche Einsatzbereitschaft hat für den Verteidigungsminister Priorität. Foto: Kay Nietfeld/dpa

4.800 deutsche Soldaten sollen bis Ende 2027 in Litauen stationiert werden. Der Verteidigungsminister setzt auf Freiwilligkeit. Er räumt aber ein, dass er damit wohl an Grenzen stoßen wird.

Von Michael Fischer und Alexander Welscher, dpa Montag, 22.06.2026, 14:35 Uhr

Pabrade. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat versichert, dass die deutsche Panzerbrigade in Litauen mit 4.800 Soldaten bis Ende 2027 voll einsatzfähig sein wird. Bei seinem Besuch der ersten Übung der Truppe in Pabrade nahe der Grenze zu Belarus betonte er, dass er Soldaten zum Einsatz an der Ostflanke der Nato verpflichten werde, falls sich in Spezialbereichen nicht genug Freiwillige melden. „Die Einsatzbereitschaft hat höchste Priorität“, betonte er. In einem ARD-Interview war er bereits vor seiner Reise konkret geworden: Man gehe derzeit davon aus, dass „90, 95 Prozent wahrscheinlich freiwillig kommen werden“.

Die Stationierung der Panzerbrigade in Litauen wurde von der Bundesregierung als Reaktion auf die wachsende Bedrohung durch Russland zugesagt. Sie gilt als zentrales Element zur Stärkung der Nato-Ostflanke und soll zur Abschreckung und Verteidigung des Bündnisgebiets beitragen. Die künftig 4.800 Soldaten des Kampfverbands sollen von 200 zivilen Mitarbeitern unterstützt werden. Bislang sind rund 1.800 Angehörige der Bundeswehr in Litauen stationiert. 

Bisher nur Freiwillige an der Nato-Ostflanke

Nach Angaben des Verteidigungsministers haben sich bisher alle freiwillig entschieden, in den Auslandseinsatz zu gehen. Engpässe könnten aber vor allem in Spezialbereichen wie Technik, Logistik oder der ABC-Abwehr entstehen, sagte er der ARD. Dort sei der Kreis möglicher Bewerber deutlich kleiner als bei den Kampftruppen. Sollten die Freiwilligenzahlen nicht ausreichen, gebe es zunächst Personalgespräche. „Und im Zweifel wird dann auch eine Verpflichtung ausgesprochen“, sagte Pistorius. 

Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, verwies in Pabrade darauf, dass eine Armee nicht nur durch freiwilligen Dienst funktioniere und Soldaten daran gewöhnt seien. „Wir werden sicherstellen, dass sie ihre Mission zur richtigen Zeit am richtigen Ort erhalten. Und wir werden Ende 2027 einsatzbereit sein. Punkt.“, sagte Freuding. Darauf könne sich Litauen verlassen. 

Mit der Verlegung der Brigade betritt die Bundeswehr militärisch Neuland. Im Gegensatz zu allen bisherigen Auslandseinsätzen handelt es sich dabei um die dauerhafte Stationierung eines Großverbandes im Ausland.

Pistorius in Flecktarn auf einem Boxer-Panzer

Pistorius und Freuding verfolgten in Pabrade die erste Übung der Panzerbrigade 45 auf litauischem Boden, nur 20 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Pistorius sah sich den Kampf gegen feindliche Einheiten mit Kampfpanzern, Kampfjets und Hubschraubern von einem Boxer-Radpanzer aus an - in Flecktarn-Jacke der Bundeswehr und mit Sonnenbrille und Kopfhörern. 

Für die Übung „Freedom Shield 2026“ wurden rund 2.900 Soldaten - darunter 2.300 aus Deutschland - und rund 800 Fahrzeuge aus acht Nato-Staaten auf dem Truppenübungsplatz Pabrade zusammengezogen. „Ich bin wirklich beeindruckt“, sagte Pistorius. Die Übung sei „ein klares Signal unserer Stärke und Entschlossenheit.“

Es ist die erste Übung der Panzerbrigade auf litauischem Boden.

Es ist die erste Übung der Panzerbrigade auf litauischem Boden. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Aufbau von Militärinfrastruktur läuft auf Hochtouren

Hauptstandort der Brigade wird Rudninkai nahe der Grenze zu Belarus sein. Die Kaserne wird in einem Waldgebiet liegen, das im Mai 2022 kurz nach Russlands Großangriff auf die Ukraine per Sondergesetz zu einem Truppenübungsplatz der litauischen Armee erklärt wurde. Rund 35 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt wird nahe dem kleinen Dorf eine ganze Militärstadt für die deutschen Truppen aus dem Boden gestampft. Nur rund 1,5 Kilometer vom Ortszentrum des 500-Seelen-Dorfes entfernt entstehen Kasernen, Waffen- und Munitionsdepots, Logistikflächen und Hallen für die Unterbringung und Wartung von Panzern und anderen Gefechtsfahrzeugen. 

Die Arbeiten am größten militärischen Infrastrukturprojekt in der Geschichte Litauens laufen auf Hochtouren - die ersten Bauten stehen bereits. Die Regierung in Vilnius versicherte wiederholt, dass die von litauischer Seite finanzierte Infrastruktur für den Einsatz der Brigade rechtzeitig stehen werde und man sogar mehrere Monate vor dem Zeitplan liege. Litauens Verteidigungsminister Robertas Kaunas betonte nach seinem Treffen mit Pistorius, dass Litauen alles dafür tun werde, um die notwendige militärische und zivile Infrastruktur für deutsche Soldaten zu schaffen. 

„Die Sicherheit Litauens ist auch unsere Sicherheit“

Dass absehbar rund 5.000 Bundeswehr-Soldaten dauerhaft mit ihren Familien nach Litauen ziehen werden, bedeutet den Menschen in dem Ostseestaat viel. Nicht nur in Umfragen erfährt die Stationierung der Brigade eine hohe Zustimmung und viel Sympathie. Selbst in einem litauischen Schulbuch wird ihr Beitrag für die Sicherheit Litauens schon erwähnt. 

Die Stationierung der Brigade ist bisher im Plan.

Die Stationierung der Brigade ist bisher im Plan. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Deutlich sichtbar wurde die Wertschätzung auch beim Aufstellungsappell im Mai 2025 auf dem Kathedralenplatz von Vilnius: Tausende Litauer wohnten der vom litauischen Fernsehen auch live übertragenen feierlichen Zeremonie bei. Daran nahm auch Bundeskanzler Friedrich Merz teil, dessen Worte zu den gemeinsamen Sicherheitsinteressen von Deutschland und seinem Nato-Partner im Dezember 2025 an der Wand des historischen Rathauses verewigt wurden: „Die Sicherheit Litauens ist auch unsere Sicherheit. Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin.“

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