TStadtrundgang in Stade: Auf Entdeckertour zu verborgenen Schätzen
Ein Punkt zuviel: Gästeführerin Sabine Brauner erklärt, warum manche Gullideckel mit dem Hinweis auf den Hansestadt-Titel einen Fehler haben. Foto: Weselmann
Stade steckt voller Geschichten und Geheimnisse. Wer in der Altstadt bewusst zu Boden schaut oder den Hans Guck-in-die Luft macht, stößt auf unerwartete Details.
Buxtehude. Fabeltiere, Formeln und andere geheimnisvolle Besonderheiten - beim Weltgästeführertag am Sonnabend gab es in Stade jede Menge zu entdecken.
Die vom Bundesverband der Gästeführerinnen und -führer und der angegliederten lokalen Interessengemeinschaft ausgerichteten Schnuppertouren führten zu Kleinoden, bei denen selbst Einheimischen die Augen aufgehen - ob unter den Füßen oder über den Köpfen.
In einem Altstadthaus stecken Kanonenkugeln
Das fängt gleich beim Startpunkt der verschiedenen Touren am Eingangsportal zum historischen Rathaus an. Da liegen schon die ersten Geschichten buchstäblich auf der Straße und in der Luft. An der Fassade des fast fertig restaurierten Wohn- und Geschäftshauses schräg gegenüber gibt es einiges zu sehen.

Kanonenkugeln in der Fassade: Gästeführerin Marlene Plate zeigt die Besonderheit über dem Eingang des fast fertig restaurierten Altstadt-Hauses. Foto: Weselmann
Am Dach sind noch die in früheren Zeiten verbauten Wasserspeier erhalten. Die figürlich ausgeschmückten Abflussrohre sind aber nicht das einzige bemerkenswerte Detail.
Über dem Eingang stecken zwei alte Kanonenkugeln in der Fassade. Diese Überbleibsel aus Belagerungszeiten der Stadt markieren zwar nicht die original Einschlaglöcher, wurden nach dem Fund aber bewusst sichtbar gemacht. Und es sind weitere Kugeln zu finden, zum Beispiel am Hahnentor.
Königliches Monogramm deutet auf eine Katastrophe
Einen Hingucker gibt es am früheren „Hotel Birnbaum“. Bevor Stades Freimaurerloge hier für einige Zeit Quartier bezog, waren mehrere Hotelzimmer an neu hinzugezogene Offiziere der Stader Garnison vermietet. Wo deshalb einst ein Doppelposten am Eingang aufgestellt war, bewachen inzwischen zwei Drachenfiguren das Portal zur heutigen Birnbaum-Passage.

Königliches Monogramm: Von Marlene Plate lernen die Gäste, was das Zeichen über dem historischen Gebäude beim Platz am Sande mit der Flutkatastrophe von 1717 zu tun hat. Foto: Weselmann
Die umfassend ausgebildeten Gästeführer lenken den Blick auf Besonderheiten, von denen selbst alteingesessene Stader oft wenig wissen. Ein geschichtsträchtiges Zeichen militärischen Ursprungs findet sich an einem denkmalgeschützten Kasernengebäude vis-à-vis vom Platz Am Sande. Über dem Eingang prangt ein königliches Monogramm.
Der Bau geht zurück auf die Weihnachtsflut von 1717. Weil die Residenzstadt Stade nach der verheerenden Naturkatastrophe an Heiligabend mit enormen Schäden kämpfte, schickte König Georg von England und Hannover Soldaten zur Unterstützung, die am Sande untergebracht wurden.
Von den Stader Fassaden glotzen komische Fratzen
Überhaupt erzählen die historischen Häuserfassaden spannende Geschichten. Viele Balkenköpfe des alten Fachwerks sind von Schnitzereien geziert. Am Hökerhus glotzen komische Fratzen von den Knaggen. Diese sogenannten Neidköpfe sollen das Böse fernhalten. Gleiches gilt für die im Mauerwerk zu erkennenden Donnerbesen.

Neidköpfe als Schutz vor dem Bösen: Vom Hökerhus - einem reich verzierten Stader Kaufmannshaus - glotzen Fratzen. Foto: Weselmann
Bei einem Rundgang sollte der Blick ab und an noch weit höher gehen. Denn auf manchem Dachfirst thronen Figuren, die Hinweise auf die Stadtgeschichte geben. Hoch über der Holzstraße zum Beispiel findet sich ein Bader mit seinem Bottich.

Figur auf dem First: Der Bader mit Bottich erinnert daran, dass an der Holzstraße mal ein Badehaus lag.
Er erinnert daran, dass es hier im Mittelalter mal ein Badehaus gegeben hat. Bei Bömmelburg jagen derweil Schlachter und Schweinchen über den First.
Tour zu versteckter Sonnenuhr und Fehlern im Detail
Es ist, wie Goethe schon sagte: „Man sieht nur, was man weiß.“ Das gilt etwa für die zu Treppenstufen umgenutzten Grabplatten im Schatten der Cosmae-Kirche. Auch die aus dem Jahr 1695 stammende Sonnenuhr an einem Giebel auf dem Weg zum Johanniskloster ist sicher vielen Stadern bisher verborgen geblieben.

Verstecktes Detail: Diese Sonnenuhr von 1695 ist an einem Giebel zwischen St.-Cosmae-Kirche und Johanniskloster zu finden. Foto: Weselmann
Das goldene Einhorn bei „Kapitel 17“ springt dagegen sofort ins Auge. Dessen Ursprung ist aber inzwischen nicht mehr so offensichtlich. In diesem Haus hatte Stades erste Apotheke ihren Platz. Ein Kachelbild im Eingang gibt Hinweis auf das Gründungsjahr 1399.

Die chemische Formel findet sich auf einem Kachelbild, das den einstigen Standort von Stades erster Apotheke markiert. Foto: Weselmann
Zudem findet sich ein kurioses Detail: das Abbild der chemischen Verbindung für Morphin. Allerdings wurde hier ein Stickstoff-Molekül vergessen. Eine Charge Gullideckel mit dem Hinweis auf den Hansestadt-Titel ist ebenfalls fehlerhaft. Da gibt es im „ST.“ einen Punkt zuviel.
Die Schnuppertouren der Stader Interessengemeinschaft boten noch reichlich mehr Anlaufpunkte und waren allesamt kostenlos. Die Gästeführer sammelten stattdessen für die Siegel-Stiftung. So kamen am Ende 400 Euro für die historischen Grabstätten auf dem Horstfriedhof zusammen.
Die rund 20 verschiedenen Gäste- und Erlebnisführungen durch die Stader Altstadt sind wichtiger Bestandteil des touristischen Angebotes der Hansestadt. Ganze 1.387 Gästeführungen mit insgesamt 27.674 Gästen haben im Jahr 2025 das touristische Portfolio bereichert. Die Stade Marketing und Tourismus GmbH arbeitet dabei eng mit der Interessengemeinschaft Stader Gästeführerinnen- und früher zusammen. Im Trend liegen spezielle Themen wie Hintergründe zur maritimen und Hansegeschichte Stades als auch die Geschichte von Aurora von Königsmarck oder anderen Persönlichkeiten. Der Renner sind Kombinationen mit kulinarischen Angeboten.

Mitglieder der Interessengemeinschaft der Stader Gästeführerinnen und -führer um den Vorsitzenden Dr. Egbert Höft (rechts) gaben mit ihren Schnuppertouren am Wochenende spannende Einblicke zu meist übersehenen Kleinoden in der Altstadt. Foto: Weselmann
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