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TStart der Erdbeerernte im Kreis Stade: Obstbauern fordern Mindestlohnabschlag

Gemeinsam laden die Landtagsabgeordnete Birgit Butter, der Erntehelfer Ionut Solomon und der Obstbauer Werner Cohrs die Steigen mit den Erdbeeren auf den Transportwagen (von rechts).

Gemeinsam laden die Landtagsabgeordnete Birgit Butter, der Erntehelfer Ionut Solomon und der Obstbauer Werner Cohrs die Steigen mit den Erdbeeren auf den Transportwagen (von rechts). Foto: Vasel

Eigentlich könnte Obstbauer Werner Cohrs aus Rutenbeck zufrieden sein. Die Qualität seiner Erdbeeren stimmt. Doch steigende Produktionskosten bedrohen den Anbau.

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Von Björn Vasel
Freitag, 08.05.2026, 11:50 Uhr

Bliedersdorf. In diesem Jahr konnte der Familienbetrieb dank warmer Tage eine Woche früher in die Saison starten. „Aktuell ernten wir Flair“, sagt Cohrs. Diese Frühsorte steht aufgrund ihres Geschmacks, ihrer Größe und ihrer intensiven roten Farbe bei Verbrauchern hoch im Kurs.

Erntefrische Freiland-Erdbeeren in der 500-Gramm-Schale kosten bis zu sechs Euro.

Erntefrische Freiland-Erdbeeren in der 500-Gramm-Schale kosten bis zu sechs Euro. Foto: Vasel

Auf knapp 20 Hektar baut Cohrs aktuell neun Sorten an - für den eigenen Hofladen, aber auch für die Wochenmarktfahrer und den Lebensmitteleinzelhandel. Aktuell kostet die 500-Gramm-Schale der vitaminreichen Scheinfrucht in der Region bis zu 6 Euro.

Immer wieder fahren sie auch Versuche, aktuell mit der Red Himalaya. Die glänzend rote Sorte ist extra für die nördlichen Breiten gezüchtet worden. Sie ist robust und ertragreich. 16 Monate stehen die Pflanzen, nach zwei Ernten wird neu gepflanzt.

Obstbau kämpft mit steigenden Lohnkosten

„Danach werden die Früchte zu klein“, so Cohrs. Große Früchte sorgen dafür, dass die Lohnkosten nicht noch weiter steigen. Diese machen bei Erdbeeren gut 60 Prozent der Produktionskosten aus.

Die Erdbeerpflanzen stehen 16 Monate auf dem Feld.

Die Erdbeerpflanzen stehen 16 Monate auf dem Feld. Foto: Vasel

Der Obstbau kämpfe seit der Einführung des Mindestlohns mit den steigenden Produktionskosten. Seit 2015 sei dieser um 63,5 Prozent auf 13,90 Euro pro Stunde gestiegen. Bereits zum 1. Januar 2027 stehe eine Erhöhung auf 14,60 Euro an. Letzteres führe zu Mehrkosten von 4000 Euro pro Hektar im Freiland-Erdbeeranbau. Deshalb ist die Fläche seit 2015 von 15.000 Hektar auf 8000 Hektar gesunken. Die Betriebe litten auch unter stark steigenden Kosten für Verpackung, Pflanzenschutz, Energie sowie Transport.

„Wegen der starken Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels können sie die Preissteigerungen kaum weitergeben“, sagt die Landtagsabgeordnete Birgit Butter (CDU). Obstbau und Fruchthandel ständen unter großem Druck, weitere Wettbewerbsverzerrungen seien die Folge. Deshalb hat sich die Hedendorferin an die CDU-Landesgruppe Niedersachsen im Bundestag gewandt.

Die Erdbeerente ist Handarbeit und lohnintensiv.

Die Erdbeerente ist Handarbeit und lohnintensiv. Foto: Vasel

Die Christdemokraten müssten dafür kämpfen, dass der Beschluss des CDU-Bundesparteitags vom Februar 2026 von der schwarz-roten Bundesregierung umgesetzt wird. Agrarminister Alois Rainer (CSU) sitze bereits mit im Boot, das gelte auch für die Bundestagsabgeordneten Vanessa Zobel und Christoph Frauenpreiß. Bislang sperre sich die SPD um Arbeitsministerin Bärbel Bas.

Butter und Claus Schliecker von der Bundesfachgruppe Obstbau verweisen auf das Gutachten des Arbeitsrechtlers Professor Dr. Christian Picker von der Uni Tübingen. Demnach sei ein moderater Mindestlohnabschlag möglich - für alle Nationalitäten und begrenzt auf die Sonderkulturen Obst, Wein und Gemüse. Der Abschlag stehe im Einklang mit Grundgesetz und EU-Recht.

Schliecker wirbt für 12,82 Euro pro Stunde als Untergrenze für die Saisonarbeit. Das könne Anbau, Beschäftigung und Selbstversorgung sichern. Die Fachgruppe führe auch Gespräche mit den Sozialdemokraten. Es gebe Bewegung. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Dr. Johannes Fechner, habe Unterstützung für „eine praktikable Mindestlohnregelung“ signalisiert.

Automatisierung steckt in den Anfängen

Automatisierung allein könne diese Lohnsteigerungen noch nicht auffangen. „Die Investitionskosten sind sehr hoch“, so Cohrs. Geplant sei ein Versuch mit Transportrobotern mit dem Obstbauzentrum Esteburg und dem Start-up Ant Robotics aus Stelle. Butter stellte Förderprogramme in Aussicht. Die Technik war bereits bei der Messe in Jork zu sehen.

Automatisierung: Transportroboter Valera von Ant Robotics aus Stelle im Einsatz auf einem Erdbeerfeld.

Automatisierung: Transportroboter Valera von Ant Robotics aus Stelle im Einsatz auf einem Erdbeerfeld. Foto: Ant Robotics

Die Roboter können die vollen Erntekisten auf Erdbeerfeldern autonom von den Pflückern zur Sammelstelle fahren, bis zu 25 Prozent der Erntetätigkeit entfällt heute auf den manuellen Transport.

Jede zweite Erdbeere stammt aus dem Ausland

Krisen wie Corona seien offenbar vergessen. Nur 40,6 Prozent des heimischen Bedarfs könnten die deutschen Erdbeererzeuger laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung noch decken. Schliecker warnt vor wachsender Importabhängigkeit.

Mittlerweile stamme nicht nur jede zweite Erdbeere, sondern auch jeder zweite in Deutschland konsumierte Apfel aus dem Ausland. „Die aktuellen Zahlen sind ein deutliches Warnsignal für die Versorgungssicherheit in Deutschland. Wenn sich die Produktion wirtschaftlich nicht mehr rechnet, werden immer mehr Obstbaubetriebe aufgeben“, sagt Schliecker.

Selbstversorgunggrad bei Obst und Gemüse in Deutschland.

Selbstversorgunggrad bei Obst und Gemüse in Deutschland. Foto: BLE

Wer regionale Lebensmittelversorgung, Familienbetriebe und Klima schützen wolle, müsse endlich wettbewerbsfähige Bedingungen für arbeitsintensive Sonderkulturen schaffen.

Appell für Kauf heimischer Erdbeeren

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wirbt für den Kauf regionaler Erdbeeren. Die reif gepflückten seien nicht nur aromatischer, sondern hätten auch höhere Gehalte an Vitaminen, Mineralstoffen und bioaktiven Substanzen.

Der Vitamin-C-Gehalt ist höher als bei Orangen. Fünf bis sechs Erdbeeren decken bei Erwachsenen den Tagesbedarf. Sie stärken Kreislauf sowie Immun- und Nervensystem. Weiteres Plus: Klimafreundlichkeit. Transportwege, Wasserverbrauch sowie Dünge- und Pflanzenschutzmitteleinsatz seien niedriger als bei Importware.

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