TVor 100 Jahren: Als das Wasser in Horneburg noch mit Koks gereinigt wurde
Blick auf das Horneburger Wasserwerk - angetrieben von einem Windmotor - nach der ersten Erweiterung von 1928. Im Hintergrund ist der Schornstein der Lederfabrik zu sehen. Foto: Archiv Meyer
Die Geschichte des Horneburger Wasserwerks ist die seiner Familie. Ernst-Erich Meyer hat diese jetzt zu Papier gebracht - mit erstaunlichen Anekdoten.
Horneburg. Fließendes Wasser zu haben, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Bis 1925 gab es im Flecken Horneburg allerdings kein Wasserwerk. Der Horneburger Ernst-Erich Meyer hat jetzt eine Geschichte der Wasserversorgung im Ort vorgelegt. Es ist auch die Geschichte seiner Familie. Sein Großvater Johannes Thoden war der erste Wärter (1924 bis 1946), sein Vater Erich Meyer der letzte Betriebsleiter.
Frisches Trinkwasser nur für Burgmänner
Leitungswasser für alle, das gab es in Horneburg erst im 20. Jahrhundert. Der erste Horneburger mit Trinkwasseranschluss war der Burgmann Melchior Schulte (1474 - 1522). Er war um 1500 als Erster aus der muffigen Burg ausgezogen. An dem zur Geest führenden Damm (Lange Straße) errichtete der Burgmann 1509/1510 seinen neuen Wohnsitz - heute als Burgmannshof bekannt.

Die 500 Jahrte alte Wasserleitung des Burgmannen Melchior Schulte, entdeckt von Archäologen. Foto: Archiv Meyer
Das Gebäude verfügte über eine luxuriöse Ausstattung - einen Keller und eine eigene 600 Meter lange hölzerne Wasserleitung. Diese führte vom Moor bis zum Steinberg am Kleinen Sande. Dort hatte Schulte, wie es in der „Monumenta“ von Luneburg Mushard von 1708 heißt, „einen Brunn mit großen Unkosten verfertigt“.
Im moorigen Bereich um den Burgmannshof gab es kein ordentliches Trinkwasser. Die Schultes konnten es sich leisten, sie waren dank ihres Eigentums im Alten Land und auf der Geest steinreich.
Genossen wollen Wasser für alle Horneburger
Die Masse der Bauern und Handwerker konnte von Schultes Quellwasser nur träumen. Lediglich in den höher gelegenen Bereichen nahe der Stader Straße sowie am Großen und am Kleinen Sande konnten die Horneburger ihr Trinkwasser aus einem offenen Brunnenschacht holen - unterhalb des Geestrückens. In den tiefer gelegenen Ortsteilen - sprich in der Langen Straße sowie am Vor- und Marschdamm - waren die Menschen auf Regen oder Wasser aus den Gräben im Moor und aus der Aue angewiesen.
Archäologie
T Reise in die Vergangenheit: So sah Horneburg 1632 aus
Um das Jahr 1850 baute Bürgermeister Heinrich Dammann eine neue Leitung aus ausgehöhlten Baumstämmen, Häuser zahlungskräftiger Eigentümer an der Langen Straße sowie am Vor- und Marschdamm wurden angeschlossen. Der Wasserverlust war hoch, der Druck niedrig. Das Wasser wurde mit einem Eimer aus einem Speicher, in der Regel ein Fass, geschöpft. Der Eimer stand in der Küche auf der Wasserbank.

Blick auf die „Wasserkunst“ am Großen Sande. Foto: Archiv Meyer
Immer weniger Wasser kam in den Haushalten an. Und so gründete sich laut Meyer im Jahr 1862 eine Wassergenossenschaft. Eine Firma aus Magdeburg verlegte Wasserleitungen aus Gusseisen in der Langen Straße und am Vor- und Marschdamm, im Großen Sand entstand eine Wasserkunst, eine Reinigungs- und Absetzanlage. Doch immer weniger Wasser kam aus den Rohren. Die Quelle deckte den Bedarf nicht mehr - „insbesondere bei Frost und Trockenheit“, sagt Meyer.
Weltkrieg und Inflation torpedieren Pläne
Noch in der Kaiserzeit gab es Überlegungen, ein modernes Wasserwerk in Horneburg zu bauen. Überall im Reich wurden die Lehren aus der Cholera-Epidemie von 1892 gezogen, der mehr als 8600 Menschen zum Opfer gefallen waren. Doch der Erste Weltkrieg und die Inflation der Jahre 1914 bis 1923 verhinderten die Umsetzung.

Ernst-Erich Meyer hat die Geschichte des Horneburger Wasserwerks zu Papier gebracht. Das Foto entstand vor dem Abriss im Sommer 2025. Foto: Vasel
Im Jahr 1923 startete der Rat einen neuen Anlauf. Die Wassergenossenschaft ging in die Hand des Fleckens über. Der Bauplatz war schnell gefunden: der Sandberg am Leineweberstieg, oberhalb des Bahnhofs.
Der Auftrag für die Pumpe ging an die Firma Gebr. Leon aus Kiel, das Harburger Unternehmen Böttcher & Hesse bohrte einen 32 Meter tiefen Brunnen. Der Bau startete 1924. „Als Antrieb diente ein Windmotor“, sagt Meyer. Das Windrad, mit einem Durchmesser von acht Metern, trieb eine Kolbenpumpe an. Der Windmotor trug den Namen Herkules.

Die Bohrmannschaft von Böttcher & Hesse. Foto: Archiv Meyer
Neben dem Pumpenhaus zogen die Arbeiter einen Vorratsbehälter aus Beton hoch. 200 Kubikmeter fasste der Speicher. Der verschwand unter Erde. Meyer: „Deshalb ist noch heute vom Wasserberg die Rede.“ Dieser lag 17 Meter über Normalhöhennull, der Gefälledruck für den tiefer liegenden Ort war ausreichend.
Gutes Trinkwasser dank Koks
„Mein Großvater Johannes Thoden war der erste Wärter“, erzählt Ernst-Erich Meyer. Das erste Wasser floss am 24. Januar 1925. Zur Belüftung und Enteisung lief das geförderte Wasser durch eine Koksschicht.

Einweihung des Wasserwerks im Jahr 1925 mit Kreisbaurat Müller (links) und Bürgermeister Rudolf Löhden (7. von links). 15. von links ist der Wärter des Wasserwerks, Johannes Thoden. Foto: Archiv Meyer
Doch auch in der Weimarer Republik wurde das Wasser streng kontrolliert. So sagte sich am 31. Januar 1925 die Stader Regierung zur Visite an. Der Medizinalrat gab das Trinkwasser erst acht Tage später frei. Zur Sicherstellung der Keimfreiheit sollten die Rohre gespült werden.
Das Windrad Herkules auf dem Turm trieb lange allein die Pumpen an. Der Bedarf wuchs, auf dem Sandberg entstand eine neue Siedlung (Schanzen-, Sonntags- und Feldstraße). 1928 und 1934 bohrten die Horneburger zwei weitere Brunnen. Ein Elektromotor sicherte den Betrieb bei Windstille.
Große Pläne unter den Nazis
Auch im Alten Land wurde die Trinkwasserversorgung ausgebaut, eine Leitung von Buxtehude nach Jork und Borstel und in die Este-Gemeinden verlegt. Die Altländer gründeten 1928 den Wasserleitungsverband Altes Land. Mit der Polizeiverordnung vom 19. April 1931 bestand ein Anschlusszwang, ab November 1933 wurde dieser auf die Lühe-Gemeinden ausgedehnt. Die Folge: Druckabfall.

Blick ins Innere des Pumpenhauses des Wasserwerks in Horneburg. Foto: Archiv Meyer
Deshalb sollte auch das Wasserwerk in Horneburg die Altländer versorgen. Der Landkreis Stade und der Flecken forcierten im August 1933 die Erweiterung der Kapazitäten. Die Planung für neue Technik, einen Brunnen und eine Druckrohrleitung, übernahm die Preußische Bergwerksverwaltung.
Ab dem 1. August 1934 wurden die Lühe-Gemeinden aus Horneburg versorgt. Warmwasserbereiter in Bädern sowie Spültoiletten ließen den Bedarf steigen. Ein Beispiel: 1934 lieferten die Horneburger 50.000 Kubikmeter ins Alte Land, 1945 waren es bereits 175.000 Kubikmeter im Jahr.

Brunnenbau am Wasserwerk in Horneburg. Foto: Archiv Meyer
Im Zweiten Weltkrieg sicherte das Windrad bei Stromsperre den Betrieb. 1944/1946 wurde das Werk ein drittes Mal erweitert. Bei den Kämpfen um Horneburg nahmen die Briten den Flecken am 22. April 1945 unter Beschuss. Das Windrad wurde leicht beschädigt.
2025 fiel das Wasserwerk den Baggern zum Opfer
Nach dem Krieg übernahm Ernst-Erich Meyer, im Herbst 1956 aus dem Krieg zurückgekehrt, die Betriebsleitung. Der Elektromonteur hatte sich 1934 beim Einbau der neuen E-Motoren für die Brunnen- und Druckpumpen in die Tochter des ersten Wasserwerkwärters verguckt. Meyer sicherte ab 1951 als Elektromeister auch den Betrieb des örtlichen E-Werks. „Bei Gewitter fiel das Wasserwerk, Freileitungen waren anfällig, oft aus. Es gab kein Notstromaggregat“, so Ernst-Erich Meyer.
Der Bedarf wuchs, die Wasserqualität sank. Bei Spitzenabnahme fehlte der Druck. Ein 172 Meter tiefer, weiterer Brunnen brachte 1953 keine Wende. 1958 wurden 350.000 Kubikmeter gefördert.
Und so schlossen sich die Horneburger 1959 dem Wasserleitungsverband Altes Land an, der seit 1990 als Trinkwasserverband Stader Land firmiert. Im Dezember 1959 war Schluss in Horneburg. In Dollern war ein modernes Wasserwerk aus dem Boden gestampft worden, Meyer senior wechselte dorthin.
Trinkwasserverband
T Wald weicht Technik: Bau des Wasserwerks in Dollern steht kurz bevor
Aus dem Wasserwerk wurde ein Wohnhaus, im Dezember 1959 zerlegte Witz Maschinenbau den Windmotor, im Juli 2005 folgte der Speicher, im Sommer 2025 das Wasserwerk. Die Sanierung war der Kommune mit Kosten von einer Million Euro zu teuer. Das Grundstück soll, sofern es nicht für die Schule benötigt wird, versilbert werden.

Blick auf das Wasserwerk Horneburg in der Zeit der Weimarer Republik. Foto: Archiv Meyer
Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.