TWenn der Kardiologe per Bildschirm zur Visite nach Wischhafen kommt
Anke Berthel und Ilse Mahler (links) waren mit dem digitalen Arztkoffer und aufgerüsteten medizinischen Instrumenten unterwegs. Ein Koffer kostet etwa 3000 Euro. Foto: Klempow
Ferndiagnose per Software, eine Visite des Kardiologen per Bildschirm in der Hausarztpraxis: Drochtersen und Nordkehdingen haben es getestet. So kam die Telemedizin auf dem Land an.
Was macht das Projekt aus?
Die Pflegepioniere aus Oldenburg denken Medizin und Pflege neu. Im Projekt „PuG – Pflege und Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum stärken“ ging es darum, dem Ärztemangel in der Region mit neuen Ideen zu begegnen. Das ist dringend nötig.
Der Versorgungsgrad mit Hausärzten liegt im Landkreis bei 87,6 Prozent. In Drochtersen aber nur bei 58,9 und in Nordkehdingen bei 66,8 Prozent. Alle Ärzte im Rentenalter herausgerechnet, liegt der Versorgungsgrad in Drochtersen bei 51,6 und Nordkehdingen sogar bei nur 39 Prozent - das zeigt den Handlungsbedarf.
Vier Konzepte sind im Laufe des Projekts entstanden, schilderte Melanie Philip von den Pflegepionieren am Freitag beim Abschluss des Projekts in Drochtersen. Telemedizin war zuvor noch nicht angekommen und selten genutzt im Norden des Landkreises.
Was bedeutet das Medizin-Projekt in der Praxis?
Die Pflegepioniere setzten auf die assistierte Telemedizin, zum Beispiel in Person der Pflegefachkräfte Anke Berthel und Ilse Mahler. Sie waren mit dem digitalen Arztkoffer unterwegs. Eine Profi-Ausrüstung mit digital aufgerüsteten medizinischen Instrumenten, die die Patienten-Daten von Stethoskop, EKG oder Thermometer per Software aus dem Untersuchungsraum in Drochtersen, aus Assel oder Balje und vom Hausbesuch an den Arzt übermitteln.
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T Bürokratie: Warum warten Patienten im Kreis Stade so lange auf Termine?
Beim zweiten Konzept ging es um die ärztliche Versorgung im Pflegeheim. Im DRK-Pflegeheim in Freiburg schalteten Pflegekräfte den Hausarzt Rainer Feutlinske per Tablet zu. Der nannte ein Beispiel: Die Atemgeräusche von hustenden Bewohnern werden vom digitalen Stethoskop an ihn übermittelt. Zudem sieht er Patienten auch über eine Kamera. Danach kann er entscheiden, ob der Patient ein Antibiotikum, einen Hustensaft oder einen Hausbesuch braucht.

Rainer Feutlinske ist Hausarzt in Wischhafen. Seine Patienten "sind von der Telemedizin begeistert", sagt er. Foto: Klempow
Dritter Baustein ist die Facharztversorgung. Feutlinske machte Termine mit dem Kardiologen in seiner Hausarztpraxis in Wischhafen. Das EKG, die Herz- und Lungentöne schickte der Hausarzt zu Dr. Stephan Brune nach Stade. Zur Visite wurde der dazugeschaltet. Telekonsil ist der Fachbegriff. „Nach anfänglicher Skepsis waren die Patienten begeistert“, sagt Feutlinske.
Eine vierte Idee ist ein Avamobil für Drochtersen und Nordkehdingen - eine rollende internistische oder telemedizinische Praxis wie Allgemeinmediziner Jan Gerlach aus Scheeßel sie betreibt.

Dr. Jan Gerlach aus Scheeßel sichert mit seinem Avamobil medizinische Versorgung auf dem Land. Die mobile Arztpraxis könnte ein lohnendes Projekt für die Region sein. Foto: Klempow
Mit der mobilen Praxis könnten zum Beispiel Dorfgemeinschaftshäuser angefahren werden, die wiederum als großes Wartezimmer dienen könnten.
Wer hat das Projekt bezahlt?
Die EU hat rund 530.000 Euro aus ihrem Sozialfonds und nach der Richtlinie Innovation für das Projekt gegeben. 150.000 Euro kamen von der Gemeinde Drochtersen und der Samtgemeinde Nordkehdingen, die Lösungen mit Blick auf den Ärztemangel in der Region suchen.
Was bleibt vom PUG-Projekt?
Im Flächenland Niedersachsen sei die medizinische und pflegerische Versorgung das Thema, das „fast allen am meisten unter den Nägeln brennt“, so die Niedersächsische Ministerin für Europa und Regionale Landesentwicklung, Melanie Walter. „Das betrifft uns im Alltag und in einer älter werdenden Gesellschaft am meisten.“

Jan Gerlach im Gespräch mit Melanie Walter, Ministerin für Europa und Regionale Landesentwicklung. Foto: Klempow
Melanie Walter machte sich in Drochtersen persönlich ein Bild, was aus dem Fördergeld der EU geworden ist. In Drochtersen und Nordkehdingen sei wahre Pionierarbeit für die gesundheitliche Versorgung im ländlichen Raum geleistet worden.
Neu ist die Pflege-Plattform Pio, die auch künftig in Drochtersen und Nordkehdingen zur Verfügung steht. Die bündelt alle Pflegedienste und Ansprechpartner vor Ort, „damit jeder schnell die verfügbare Versorgung findet, die er benötigt“, so Melanie Philip.
Wie geht es weiter?
„Es muss klar sein, dass diese neue Art von Patientenversorgung - auch im pflegerischen Bereich - Eingang in die Abrechnungssysteme findet“, so Ministerin Melanie Walter.
Melanie Philip hofft, dass Projektteile weiterentwickelt werden. „Der virtuelle Pflegestützpunkt, die Plattform Pio oder das Avamobil.“ Für letzteres sei die Anbindung an ein Regionales Versorgungszentrum (RVZ) wünschenswert.

Projektabschluss mit Ministerin Melanie Walter (erste Reihe links) und der Landtagsabgeordneten Corinna Lange (SPD) in Drochtersen: Viele Beteiligte leisteten gemeinsam Pionierarbeit. Foto: Klempow
Alle Beteiligten müssten weiter im Gespräch bleiben, vom Landkreis über die Kommunen, von der Kassenärztlichen Vereinigung bis zu den Kranken- und Pflegekassen. Ministerin Philip lobt vor allem die Kommunen: Drochtersen und Nordkehdingen hätten einen „unfassbaren Mehrwert für den gesamten Landkreis“ geschaffen.
Hausarzt Rainer Feutlinske aus Wischhafen will mit der Facharzt-Sprechstunde in seiner Praxis weitermachen. Er wünscht sich, dass das Projekt Telemedizin im Pflegeheim Zukunft hat. „Die Wege sind weit bei uns. Für uns ist das ein echter Gamechanger. Hervorragend fürs Land und die Hausarztpraxis.“
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