T100 Jahre Esso-Tankstelle in Steinkirchen - „Wir leben Tankstelle“
Frauke, Balthasar und Ellen Wahlen freuen sich auf den 100. Geburtstag ihres Familienunternehmens in Steinkirchen-Huttfleth (von links). Foto: Vasel
Die Tankstelle Wahlen in Steinkirchen feiert ihren 100. Geburtstag. Doch in Huttfleth 61 wird nicht nur getankt und repariert. Ein Klönschnack gehört zum Service dazu.
Steinkirchen. Über Jahrhunderte fuhren ihre Vorfahren zur See. Der spätere Elblotse Jan Wahlen soll sogar eines der ersten U-Boote der Kaiserlichen Marine gesteuert haben. Doch vor mehr als 110 Jahren ereignete sich ein tragischer Unfall. „Mein Urgroßvater Balthasar Wahlen stürzte in eine Ladeluke“, sagt Balthasar Wahlen.
Der Steinkirchener habe sich eine neue Arbeit suchen müssen - an Land. Er habe sich schließlich mit einem Fahrradhandel selbstständig gemacht. Doch auch Zentrifugen, Waschmaschinen und Dosenverschließmaschinen zum Haltbarmachen von Lebensmitteln habe Balthasar Wahlen verkauft.
Familie Wahlen hatte auch eine Vertretung für die Wanderer-Werke, einen bedeutenden deutscher Hersteller von Fahrrädern, Motorrädern und Autos aus Chemnitz, der 1932 in die Auto Union überging. Foto: Wahlen
Über die Anfänge des Fahrradhandels sind in der Familie keine Dokumente mehr erhalten, wohl aber über die Genehmigung des Tankstellenbetriebs in Huttfleth.
Der damalige Landrat des Landkreises Jork, Dr. Karl Schwering, stellte dem Fahrradhändler Balthasar Wahlen am 9. Februar 1926 die „Erlaubnis zur Herrichtung einer Tankanlage“ aus, so Wahlen. Noch unter freiem Himmel versorgten die Altländer ihre Kunden mit Sprit - in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft.
Rockefeller liefert den ersten Sprit
Das im Jahr 1890 in Bremen gegründete deutsche Mineralöl-Unternehmen ist ein Vorläufer der Esso Deutschland GmbH. Es gehörte unter anderem dem Bremer „Petroleumkönig“ Franz Ernst Schütte und dem US-Ölmagnaten John D. Rockefeller von Standard Oil. Produkte wurden unter dem Markennamen Imperial vertrieben. Doch das ist eine andere Geschichte.

Blick über das Alte Land mit seinen hochstämmigen Kirschbäumen, vorne die Werkstatt und die Tankstelle von Familie Wahlen. Foto: Wahlen
Mittlerweile hält die Familie das Alte Land in der vierten Generation am Laufen. In den ersten Jahren lagerten nur bis zu 200 Liter im Tank. Betankt wurden die Automobile mit Hilfe einer Handpumpe.
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Die Automobilisierung stand an der Niederelbe erst am Anfang. „Der Doktor hatte ein Auto, und wir natürlich auch“, sagt Ellen Wahlen. Reichsweit gab es 1926 lediglich knapp 200.000 Kraftfahrzeuge. Heute sind es laut Kraftfahrt-Bundesamt mehr als 60 Millionen.
Vertrieb für legendäre Autos und Spritzen
Doch zum Betrieb gehörte fortan nicht nur die Tankstelle. Der Fahrradhandel lief weiter. Hinzu kam ein Taxi-Unternehmen. Und auch Munition und Waffen zählten zum Sortiment. Die Obstbauern vertrieben mit ihrer Hilfe hungrige Stare aus ihren Kirschplantagen. Über ihren Verkauf und Einsatz wurde streng Buch geführt.

Das alte Firmenschild hängt noch in der Werkstatt. Foto: Vasel
Damit nicht genug. Zu ihrem Unternehmen gehörte auch eine Automobil-Vertretung für die Wanderer-Werke, sagt Ellen Wahlen, die 1970 in die Familie einheiratete. Wanderer war ein bedeutender, 1885 gegründeter deutscher Hersteller von Fahrrädern, Motorrädern sowie Autos aus Chemnitz. Dieser ging 1932 in die Auto Union (heute Audi) über. Im Familienalbum existieren viele Fotos von Reparaturen.

Ein Spritzgerät wird in den 1960er Jahren in der Werkstatt repariert. Foto: Wahlen
Eine weitere Säule war und ist bis heute die Werkstatt für Kfz- und Landmaschinen-Reparatur, Reifendienst und TÜV sowie Gartengeräte-Instandsetzung. Auch an der Mechanisierung des Obstbaus war die Familie beteiligt; sie vertrieben und reparierten unter anderem die ersten Fricke-Spritzen für den Pflanzenschutz in Kern- und Steinobst.

Ein Wanderer-Automobil wird repariert. Foto: Wahlen
In der Werkstatt steht bis heute eine historische Esso-Motoröl-Zapfanlage - voll funktionstüchtig. Die große Halle errichtete der 1916 geborene, gelernte Maschinenbauer Balthasar Wahlen II. höchstselbst. Immer wieder modernisierten und erweiterten sie ihren Betrieb, das Kontor wurde erweitert, die Tankstelle überdacht.

Balthasar Wahlen zapft das Motoröl. Foto: Vasel
Eine DHL-Poststation ergänzt das Angebot. Der Klönschnack mit der Familie oder den neun Mitarbeitern gehört zum Service dazu, so Frauke Wahlen.
Tankstelle ist ein Treffpunkt
Die Tankstelle war und ist ein Treffpunkt im Ort. Und auch Promis tanken immer wieder in Steinkirchen, Udo Lindenberg konnten sie schon begrüßen, so Ellen Wahlen. Bei der ersten Einlaufparade im Jahr 1977 zum Hafengeburtstag in Hamburg war der Deich voll, Pkw seien wie am Fließband betankt worden.
Erst in den 1980er Jahren sei dann die Selbstbedienung in Huttfleth eingeführt worden, ein Nachtautomat komme zum Jubiläum hinzu. Wahlen sagt: „Wir leben Tankstelle.“

VW Käfer und Fiat an der Tankstelle in Steinkirchen-Huttfleth. Foto: Wahlen
Das Jubiläum wird am Sonnabend, 1. August, 10 bis 17 Uhr, gefeiert. Oldtimer sind zu sehen, auch Getränke, Düwer-Bratwurst und eine Spendenaktion für die Jugendfeuerwehr wird es geben.
Außerdem werden die Gäste erfahren, warum die Schriftstellerin Melanie Brozeit die familiäre Tankstelle mit kleinem Shop in einem ihrer Bücher zu einem ihrer Glücksorte im Alten Land erklärt hat. Sie schwärmt von der Herzlichkeit und der Hilfsbereitschaft. Ihr Tipp: „Fahre hin und werd‘ glücklich.“
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