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Präventionsprojekt

TEinstiger Knast-Insasse spricht vor Schülern über Kriminalität

Cü und Jasmin Taiebi von Kiezlife Live mit Bürgermeister Timo Gerke im Ring des Boxkellers der Ritze auf St. Pauli (von links).

Cü und Jasmin Taiebi von Kiezlife Live mit Bürgermeister Timo Gerke im Ring des Boxkellers der Ritze auf St. Pauli (von links). Foto: Vasel

Bürgermeister Timo Gerke startet mit Hilfe der Lions ein Präventionsprojekt mit dem Deutsch-Kurden und Kiez-Unternehmer Cü. Das einstige „Klau-Kind“ hat viel zu erzählen.

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Von Björn Vasel
Mittwoch, 21.01.2026, 05:50 Uhr

Steinkirchen. Samtgemeindebürgermeister Timo Gerke hat ein Problem mit kriminellen Jugendlichen. Die Liste der Delikte reicht von Vandalismus über Einbruch und Diebstahl bis hin zur Körperverletzung. „Ich muss verhindern, dass Jugendliche falsch abbiegen“, sagte sich Gerke. Ein Streetworker, das war sein erster Gedanke.

Doch beim Besuch der Personality-Show „Kiezlife Live“ im Boxkeller der Kultkneipe Ritze auf der Reeperbahn hatte er die Eingebung: „Warum nicht Cü?“ Der Hamburger könne mit seiner Geschichte „Vom Knast-Insassen zum Kiez-Crush“ Jugendliche besser erreichen. „Er spricht ihre Sprache“, sagt der Bürgermeister. Gerke verspricht eine ehrliche, schonungslose Auseinandersetzung mit Folgen von Kriminalität.

Schnell war er sich mit Cüneyt Sengül-Neuschäffer alias Cü und der Produzentin und Moderatorin von Kiezlife Live - Die Personaliy Show, Jasmin Taiebi, einig. Die Idee für ein Präventionsprojekt war geboren. „Ich habe schon lange überlegt, mich in Schulen zu engagieren - als Box-Trainer“, sagt Cü. Der 39-Jährige hofft, dass es Schule macht.

In Taiebis Personalityshow kommen Reeperbahn-Größen und -Originale zu Wort. „Schattenseiten lassen wir nicht unter den Tisch fallen, wir verherrlichen weder Prostitution noch Gewalt“, sagt die Rechtsanwältin, Journalistin und Produzentin. Ihr Format ist so erfolgreich, dass es ab dem 26. März im Docks weitergeht.

Vom Klau-Jungen zum Unternehmer

Taiebi wird ihn in den drei Oberschulen Steinkirchen, Horneburg sowie Jork interviewen und seine Taten rechtlich einordnen. Cü, bekannt aus TV und sozialen Medien, werde aus seinem Leben erzählen.

Die Eltern seien drogenabhängig gewesen, er wuchs in Bremen und in Hamburg auf. Heroin bestimmte ihr Leben. Als Kind sei er oft tagelang allein zu Hause gewesen. Als Elfjähriger kam er „erstmals mit dem Gesetz in Konflikt“.

Erste Abstimmung über das Präventionsprojekt in den Oberschulen in Steinkirchen, Horneburg und Jork mit Timo Gerke, Jasmin Taiebi und Cü in Hamburg.

Erste Abstimmung über das Präventionsprojekt in den Oberschulen in Steinkirchen, Horneburg und Jork mit Timo Gerke, Jasmin Taiebi und Cü in Hamburg. Foto: Vasel

Einbrüche und Diebstähle - auch für Essen: Mit gerade einmal 14 Jahren landete Cü in der Jugendstrafanstalt Blockland in Bremen. Hier wurde er am ersten Tag brutal zuammengeschlagen. Der Grund: Der Schläger hatte seinen Bruder verloren, er hatte sich einen Tag davor in der Zelle von Cü erhängt. Die Zelle sollte frei bleiben.

In der Haft machte er seinen Haupt- und Realschulabschluss. Aus dem „Klau-Kind“ wurde ein „sehr erfolgreicher Staubsauger-Vertreter bei Vorwerk“. Später rutschte er ins Rotlichtmilieu ab: Drogen und Zuhälterei. Die Folge: sechs Jahre Haft, davon zwei in Einzelhaft.

„Im Knast fand ich zu Allah und mir selbst“, sagt er. Heute ist er Unternehmer und Vater einer Tochter. Cü betreibt auf St. Pauli das Kiezcrush - ein Mix aus Café, Nachbarschaftstreff und Candy-Laden, im Grunde ein Späti - und eine Tattoo-Studio-Kette zwischen Bremen und Berlin.

Lions Club Altes Land unterstützt Präventionsprojekt

„Ich hab‘ einiges verzapft“, sagt der Boxer und Entertainer offen. Er wolle der Gesellschaft etwas zurückgeben und den Jugendlichen deutlich machen: Kriminalität bringt nichts. Jeder habe die Chance, wieder auf den rechten Weg zu kommen.

Cü, Jasmin Taiebi und Timo Gerke im Boxring der Ritze (von links).

Cü, Jasmin Taiebi und Timo Gerke im Boxring der Ritze (von links). Foto: Vasel

„Das ist unser Ansatz“, sagt Gerke. Jugendliche sollten verstehen, dass Kriminalität langfristig Freiheit, Zukunft, Familie und Freunde kosten könne. „Gleichzeitig wollen wir Mut machen: Jeder kann sein Leben ändern. Besser ist, gar nicht erst in die Abwärtsspirale zu geraten.“

Das Präventionsprojekt „Real Talk: Knast ist kein Game - Echte Geschichten über falsche Entscheidungen“ findet in den Oberschulen Steinkirchen, Horneburg und Jork im Februar/März statt. Die kommunalen Kassen sind leer. Umso dankbarer ist Gerke, dass der Lions Club Altes Land das alles ermöglicht.

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