Ernte

TObstbauern freuen sich über Top-Kirschen – und kämpfen gegen die Hitze

Obstbauer Hein Lühs vom Herzapfelhof in Westerjork setzt auf Dachkirschen.

Obstbauer Hein Lühs vom Herzapfelhof in Westerjork setzt auf Dachkirschen. Foto: Vasel

Die Kirschernte an der Niederelbe läuft. Der Geschmack ist laut Obstbauzentrum Esteburg top, aber eines liebt die Frucht nicht: sengende Hitze. Doch es gibt Gegenmittel.

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Von Björn Vasel
26.06.2026, 05:00 Uhr

Jork. „Die neuen Süßkirschen schmecken hervorragend“, sagt Steinobst-Berater Martin Kockerols vom Obstbauzentrum Esteburg in Moorende mit Blick auf Messungen. Die Früchte hätten in diesem Jahr mehr Zucker einlagern können. „Sie sind tatsächlich süßlicher“, so Kockerols. Aktuell werden bereits die mittleren Sorten geerntet - wie Merchant oder Vanda. Letztere zeichne sich durch große, braunrote Früchte aus.

Super Qualitäten, der Geschmack stimmt - das zeigen Untersuchungen des Obstbauzentrums Esteburg in Jork-Moorende. Knapp 5000 Tonnen hängen an den Bäumen.

Super Qualitäten, der Geschmack stimmt - das zeigen Untersuchungen des Obstbauzentrums Esteburg in Jork-Moorende. Knapp 5000 Tonnen hängen an den Bäumen. Foto: Vasel

Mittlerweile dominieren die Dachkirschenanlagen, sie kommen auf einen Flächenanteil von mehr als 80 Prozent. Insgesamt bauen um die 200 von knapp 500 Obstbauern an der Niederelbe neue und alte Kirschsorten an - auf 450 Hektar. Das sind knapp fünf Prozent der Obstbaufläche an der Niederelbe. Die Obstbauern erwarten eine überdurchschnittliche Ernte.

„Wir rechnen mit gut 12 Tonnen Kirschen pro Hektar, das sind etwa 15 Kilogramm pro Baum“, sagte Martin Kockerols. Das heißt: In diesem Jahr könnten gut 5000 Tonnen Süßkirschen in Niedersachsen geerntet werden. 2025 waren es 4949 Tonnen.

Übrigens: Sauerkirschen spielen mit einer Anbaufläche von 23 Hektar eine untergeordnete Rolle. Vergangenes Jahr wurden in Niedersachsen 94 Tonnen Sauerkirschen geerntet (2024: 18 Tonnen).

Deutschlandweit bauen 6600 Betriebe auf rund 5500 Hektar noch Kirschen an

Wässern und Lüften gegen die Hitze

Die Qualität stimmt. Doch die steigenden Temperaturen beschäftigten auch die Obstbauern. „Die steigende Hitze ist ein Problem, insbesondere im geschützten Anbau könnten Früchte geschädigt werden“, sagt Steinobst-Berater Kockerols. In den Dachkirschenanlagen könne das Thermometer auf 38 Grad Celsius und mehr steigen. Das Problem: Ohne Gegenmaßnahmen werden die Früchte im Inneren zu heiß. Kockerols: „Sie werden matt, und schmecken wie überreife.“

Durchlüften und Bewässern soll Kirschen unter dem Dach vor der Hitze schützen.

Durchlüften und Bewässern soll Kirschen unter dem Dach vor der Hitze schützen. Foto: Vasel

Deshalb werden die Dachkirschenanlagen in diesen Tagen kräftig durchlüftet. Die Seiten- und die Frontnetze werden hochgebunden. Außerdem werden Bäume über die Tröpfchen-Bewässerung bewässert, damit es nicht zu Schäden durch Hitze- und Trockenstress kommt. Mit Unterkronen-Regner könne die Luftfeuchtigkeit höher gehalten werden, um Verdunstungskälte im Bereich des Bodens zu erzeugen. Allerdings müsse darauf geachtet werden, dass die Früchte nicht zu viel Wasser ziehen. Dann werden sie weich.

Unter dem Regenschirm können die Kirschsorten voll ausreifen. Sie werden schmackhafter, glänzender, haltbarer und größer. Das lieben Handel und Verbraucher. Außerdem sind sie bei Regen besser vor der Nässe geschützt, sie platzen nicht so wie die Früchte in ungeschützten Plantagen. Außerdem wehren die geschlossenen Seitennetze einen sexsüchtigen Schädling ab: die Kirschessigfliege.

Das Weibchen legt ihre Eier in intakte reife, überreife und geplatzte Früchte. Ihre Larven fressen sich im Inneren satt, beschädigte Früchte sind unverkäuflich. Doch bei Temperaturen über 30 Grad Celsius und grellem Sonnenschein liege der Schädling im Schatten auf der faulen Haut. Das Durchlüften führe nicht zu höherem Schädlingsdruck. In diesem Jahr sei der Befall dank des Winters ohnehin nicht sehr hoch.

Regina bleibt die Königin der Kirschen

Vor dem heißen Wochenende werde die ersten Kordia gepflückt, in der Masse allerdings erst in der Woche nach dem Altländer Kirschmarkt am Sonntag, 5. Juli (11 bis 17 Uhr), am Rathaus in Jork. Im Laufe des Julis folgen neue Sorten wie die violett-schwarzrote, hochglänzende Kir Vulcano und die Königin der Kirschen: die Knupper Regina.

Die behauptet sich auf Platz 1, bei Neupflanzungen trägt allerdings jeder zehnte Baum bereits Vulcano. Der Anbau stagniere. Die Zeiten, in denen sich eine Dachkirschenanlage (Kosten: 120.000 Euro pro Hektar) nach zehn Jahren amortisierte, sind längst vorbei.

Die Produktionskosten steigen. Pflücken und Sortieren, das mache zwischen 35 und 50 Prozent aus. Die Erzeugerpreise kompensieren die gestiegenen Arbeitskosten nicht. Aktuell kostet das Kilogramm in den Hofläden oder auf den Wochenmärkten im Durchschnitt acht bis zwölf Euro, sorten- und anbauabhängig auch mehr.

Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland liegt unter 20 Prozent. „Besonders gefragt sind weiter große Kaliber“, sagt Lisa Buddrus von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). 70 Prozent werden als frische Ware („Tafelobst“) angeboten. Deutsche Herkunft gewinne an Bedeutung im Lebensmitteleinzelhandel (LEH), allerdings drücke Importware aus der Türkei und Griechenland weiter den Preis. Die hohen Sozial- und Umweltstandards des regional erzeugten Obstes würden im LEH weiterhin nicht ausreichend honoriert, so die Fachgruppe Obstbau.

Altländer setzen auf Direktvermarktung

Obstbauern wie Jacob Hauschildt und Hein Lühs aus Jork setzen auf Direktvermarktung. Familie Lühs versendet ihre Süßkirschen über den Online-Shop sogar deutschlandweit per Express-Post, ab 15 Euro pro Kilogramm. Viele Kunden seien durch den Apfel für Allergiker (Pompur) auf die Region aufmerksam geworden oder als Touristen im Alten Land gewesen. Diesen sei die Herkunft ihres Obstes sehr wichtig, so Hein Lühs vom Herzapfelhof.

Online-Bestellung: Die Altländer verschicken ihre Kirschen deutschlandweit mit Express-Post, hier packt Obstbauer Hein Lühs einen Karton mit Dachkirschen.

Online-Bestellung: Die Altländer verschicken ihre Kirschen deutschlandweit mit Express-Post, hier packt Obstbauer Hein Lühs einen Karton mit Dachkirschen. Foto: Vasel

Laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft verzehren die Deutschen 1,7 Kilogramm frische und verarbeitete Kirschen pro Kopf im Jahr. Das Obst sollte nach dem Kauf möglichst schnell gegessen werden, im Kühlschrank halten sich sie zwei bis drei Tage. Neben den Vitaminen A, B und C enthalten sie wichtige Nährstoffe wie Folsäure, Kalium, Magnesium und Eisen. Sekundäre Pflanzenstoffe stärken das Immunsystem.

Aroma-Tipp: Den grünen Stiel erst nach dem Waschen abzupfen.

Viele Obstbauern, wie Jacob Hauschildt aus Jork, setzen auf Vermarktung ab Hof oder Wochenmarkt.

Viele Obstbauern, wie Jacob Hauschildt aus Jork, setzen auf Vermarktung ab Hof oder Wochenmarkt. Foto: Vasel

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