T„Absolut bekömmlich“: Nutria-Festessen im Landkreis Stade
Eine Biberratte im Wasser: Im Landkreis Stade wird das Fleisch der Nutria zunehmend in der Gastronomie genutzt. Im Cuxland zögern die Köche noch. Foto: Patrick Pleul/dpa
Gejagt und gegessen: Warum Stader Gastronomen den Trend mit dem Biberratten-Fleisch feiern - und andere Restaurantchefs wiederum zögern.
Balje/Stade/Cuxhaven. Andere kämpfen mit Schaufeln und Sandsäcken gegen Deichschäden, in Breitenwisch in der Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten hingegen geht man die Sache kulinarisch an. Dort gibt es regelmäßig Veranstaltungen, um einem der gefährlichsten Schädlinge für Deiche, dem Nutria, buchstäblich den Garaus zu machen - und zwar mit Messer und Gabel.
Das Nutria-Festessen unterstützt den Küstenschutz, aber nicht ausschließlich. Nutrias, die bis zu acht Kilogramm wiegen, gelten als ausgesprochen schmackhaft, auch wenn ihre gängige Bezeichnung Sumpfbiber wenig appetitlich klingt.
Bereits seit 2022 lädt der Jäger Henning Jarck im Frühjahr Jagdkollegen, Freunde und Nutria-Neulinge zum Schmaus ins Gasthaus seines Bruders Holger Jarck ein.
Auch Zwei Linden in Balje serviert Nutria-Fleisch
Was zunächst Zweifel auslöste, hat sich längst als kulinarischer Geheimtipp etabliert. „Beim ersten Mal waren es 17 Teilnehmer, die sich eher vorsichtig an den Nutria wagten“, erinnert sich Jarck. Im vergangenen Jahr strömten bereits rund 70 Gäste an zwei Abenden in das Gasthaus in Breitenwisch, um das besondere Geschmackserlebnis zu entdecken.
Auch im Gasthaus Zwei Linden in Balje landen die aus Südamerika eingewanderten Tiere auf dem Teller. Unter dem Motto „Genuss trifft Neugier“ wurde im Februar ein großes Nutria-Büfett aufgefahren. Feinschmecker beschreiben Nutriafleisch als cholesterinarm, eiweißreich und „absolut bekömmlich“, vergleichbar mit Perlhuhn oder Fasan. Es wird als Ragout, Braten oder im Burger serviert.

Frikadellen aus Nutria-Fleisch brutzeln in heißem Öl: Nutrias vermehren sich rasant im Norden, sind auf dem Teller aber noch eher selten zu sehen. Foto: Utz/dpa
Invasiver Nager breitet sich zunehmend aus
Im Jagdjahr 2024 erlegten die Jäger im Landkreis Stade 1487 Nutrias. Fünf Jahre zuvor gingen laut ihrer sogenannten Nutriastrecke-Statistik 819 Tiere in die Falle, 2018 waren es lediglich 164. Dieser Trend setzte sich auch im Jagdjahr 2025 fort.
Besonders im ländlichen Raum an Seen, Flüssen und Teichen ist die Ausbreitung problematisch, wird immer mehr zu einer Plage. Die Tiere vermehren sich rasant, da sie keine natürlichen Feinde haben, und verursachen durch ihre Lebensweise einen großen Schaden an den Gewässerkanten, Deichanlagen oder Flussläufen. Die Nager untergraben Deiche.
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Stader DEHOGA-Chef: „Nutria kein Thema“
Und was sagt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) zum vermeintlichen Gastro-Trend Nutria? „Aus Sicht des DEHOGA ist Nutria derzeit kein Thema, das in der Gastronomie bereits flächendeckend oder in nennenswertem Umfang auf den Speisekarten auftaucht“, meint Olaf Wurm, Vorsitzender des DEHOGA-Bezirksverbands Stade. „Einzelne Betriebe greifen immer wieder besondere oder regionale Wildprodukte auf, eine breitere Entwicklung beobachten wir aktuell jedoch nicht.“
Die Idee, stark wachsende oder invasive Tierbestände auch kulinarisch zu nutzen, sei zwar durchaus nachvollziehbar. „Ob sich ein Produkt in der Praxis durchsetzt, hängt aber nicht allein von der Verfügbarkeit ab, sondern auch von Akzeptanz, Vermarktung, Zubereitung und Nachfrage der Gäste“, so Wurm.
Nutria wird in Fallen gefangen und dann erschossen
Gefangen werden die Tiere in sogenannten Lebendfangfallen, die dort aufgestellt werden, wo sich die Nagetiere gern tummeln: in Feuchtgebieten, an Gräben und in Gewässernähe. Zusätzlich zum Jagdschein brauchen Jäger einen Fallenstellschein.

Eine Nutria-Falle an einem Wasserlauf. Foto: Lars Penning/dpa
In den vom TÜV geprüften Fallen bleibt das gefangene Tier demnach unversehrt. Läuft ein Nutria, Waschbär oder Marderhund in das rund fünf Meter lange Betonrohr und über ein Wippbrett, fällt an jeder Öffnung ein Schieber und versperrt die Ausgänge. Dann werden die Tiere herausgeholt und erschossen.
Die Tierrechtsorganisation PETA moniert, dass „hinter jedem Stück Fleisch das Leid und der Tod eines Tieres“ stehe – egal, ob es sich um Wild-, Bio- oder Fleisch aus konventioneller Haltung handele. Bekämpft würden nur die Symptome, kritisiert die Organisation.
Nutria auf den Teller: Weitere Stimmen
„In unserer Küche haben wir bislang keine Erfahrungen mit Nutriafleisch gesammelt und auch keine entsprechenden Gerichte angeboten“, erklärt Eric Janssen vom Norddeutschen Hof in Cuxhaven-Lüdingworth. Aktuell könne er sich nicht vorstellen, Nutria auf die Speisekarte zu setzen. Gastronomische Trends habe der Norddeutsche Hof zwar im Blick. „Aus unserer Erfahrung bevorzugt der Großteil unserer Gäste jedoch vertraute, qualitativ hochwertige Speisen statt ungewöhnlicher Exoten.“
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Küchenchef und Landwirt Thorsten aus Hechthausen sieht es ähnlich. „Mit dem Thema Nutria haben wir uns noch nicht befasst und werden wir auch nicht“, sagt der Betreiber des Restaurants Golsch, das auf Rind- und Schweinefleisch sowie auf Forellen spezialisiert ist. Seine Gäste, so glaubt er, seien nicht bereit, Nutriafleisch zu probieren.
Einer der wenigen Gastwirte im Cuxland, die sich aufgeschlossen gegenüber der kulinarischen Verarbeitung der Nutrias zeigen, ist der Wingster Koch und Hotelier Claus Peter. „Ich stehe in Kontakt zu den hiesigen Jägern und würde es gern einmal ausprobieren“, sagt Peter. Er könnte sich auch einen Kochkurs mit Jägern zum Thema vorstellen, um das Nagetier besser kennenzulernen.
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Insofern habe Nutria derzeit eher den Charakter einer kurzfristigen Besonderheit. Ob daraus ein langfristig tragfähiges Thema für die Gastronomie werde, hänge stark davon ab, ob sich eine verlässliche Angebotsstruktur und eine entsprechende Gästenachfrage entwickeln. (mit dpa)
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