TAltländer Viertel: Stade vertagt Problemlösung auf Spätherbst
Vermüllung ist ein Problem im Altländer Viertel. Die Stadt hofft, dass Wohnungsbaugesellschaften auf Videoüberwachung setzen. Foto: Vasel
Müll, Gewalt, prekäre Wohnverhältnisse: Aufgrund der Probleme im Altländer Viertel rief der Landrat zum Sicherheitsgipfel. Nun sucht die Stader Stadtverwaltung nach Lösungen.
Stade. Nach zwei größeren Polizeieinsätzen hatte Landrat Kai Seefried (CDU) am 7. Juli einen Sicherheitsgipfel im Rathaus initiiert. „Im Gespräch mit den Vertretern des Landkreises Stade und der Polizei haben wir beschlossen, ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten, nach dem wir möglichen Wohnraummissbrauch aufdecken und dagegen vorgehen. Unabhängig von der Herkunft der Bewohnerinnen und Bewohner“, sagte der Sprecher der Hansestadt Stade, Stephan Voigt, dem TAGEBLATT auf Anfrage. Weitere Aspekte: Müll, Rattenbekämpfung und Sicherheit.
Polizei nach einer Massenschlägerei auf dem Kreisel am Jugendhaus im Altländer Viertel. Foto: Vasel
Das Konzept soll „dem neuen Rat im Herbst vorgestellt werden“. Dieser konstituiert sich nach der Kommunalwahl am 2. November. Wann erste Maßnahmen umgesetzt werden, könne er „heute nicht sagen“. Das bedeute allerdings nicht, dass die Stader Verwaltung die Hände solange in den Schoss lege. Konkreten Hinweisen zu prekären Wohnverhältnissen werde nachgegangen.
Überbelegungen sind Thema
Im Rathaus sei „vom Hörensagen“ bekannt, „dass es Überbelegungen im Altländer Viertel gibt“. Offizielle Erkenntnisse gebe es allerdings nicht. „Konkrete Maßnahmen setzen immer auch einen konkreten Anfangsverdacht voraus, so dass wir auf entsprechende Hinweise, insbesondere von Mietern, angewiesen sind“, erklärt Voigt. Stade wolle die Immobilienbesitzer in die Pflicht nehmen, für ordentliche Wohnverhältnisse zu sorgen.
T Wohnhorror in Stade: Happy End für zwei Hochhausmieter
T „Psychoterror“: Hochhaus-Mieter aus Stade soll seine Wohnung räumen
Prekäre Wohnverhältnisse seien der Verwaltung vor allem aus der Grünendeicher Straße 2 bekannt. Dort waren im Winter 2025/2026 die Heizung und der Strom ausgefallen. Wie das TAGEBLATT berichtete, kam es im selben Winter allerdings auch in einer Wohnanlage mit 130 Wohnungen in der Jorker Straße 1 bis 25 zu einem fünftägigen Heizungsausfall.
Bremerhavener Modell als Vorbild
Erster Stadtrat Lars Kolk habe ausdrücklich Bremerhaven als mögliches Vorbild vorgeschlagen und werde „federführend den Kontakt suchen, um zu prüfen, ob dortige Maßnahmen auf Stade übertragbar sind“.
Dort kaufen Stadt und Investoren gezielt Immobilien in Problemvierteln auf. Außerdem gehen die Bremerhavener unter anderem mit Nutzungsuntersagungen gegen skrupellose Vermieter vor, auch Ersatzvornahmen sind möglich, wenn die Stadt auf Kosten des Eigentümers tätig wird. In Buxtehude sicherte die Stadt so den Brandschutz in einem Hochhaus.
Stade wolle auch auf die Erfahrungen anderer Kommunen zurückgreifen und mit allen notwendigen Institutionen zusammenarbeiten, „um zu den gewünschten Verbesserungen bei Wohnverhältnissen im Altländer Viertel zu kommen“.
Aktuell führe die Stadt keine anlasslosen flächendeckenden bauordnungsrechtlichen Kontrollen durch. „Dafür stehen weder die personellen Ressourcen zur Verfügung, noch sieht das Bauordnungsrecht ein solches Vorgehen vor“, sagt Voigt. Bauaufsichtliches Tätigwerden erfolge auf Grundlage konkreter Anhaltspunkte oder Hinweise für mögliche Verstöße. „Wo im Einzelfall konkrete Missstände bekannt werden, reagiert die Stadt entsprechend“, legt er nach. Ordnungsgelder und Ersatzvornahmen würden, falls erforderlich, verhängt.
Mit dem Jobcenter gebe es einen intensiven Austausch. Kenntnisse von Scheinselbstständigkeit habe die Stadt nicht. In einem der Wohnblöcke sind viele Bulgaren untergebracht. Viele sind laut den Behörden „Aufstocker“. Das bedeutet: Sie gehen einer Beschäftigung nach, verdienen allerdings so wenig, dass sie zur Sicherung ihres Lebensunterhalts ergänzende Grundsicherung vom Staat beziehen. Kriminelle Vermieter und Arbeitgeber nutzten ihre Notlage aus.
Wie soll das Müllproblem gelöst werden?
Das Müllproblem gehe auch von Auswärtigen aus, die ihren Elektro- und Sperrmüll im Altländer Viertel abladen. Zu welchen Anteilen der Wildmüll von dort wohnhaften und von auswärtigen Personen stammt, „können wir nicht sagen“. Ein Kollege der Kommunalen Betriebe Stade habe gesagt: „Hier werden so viele Kühlschränke entsorgt, die können nicht alle aus dem Viertel stammen.“
Landkreis und Stadt wollen jetzt die im Viertel ansässigen Entsorger und Entrümpler kontrollieren. Mehr Videoüberwachung soll mit den Eigentümern geprüft werden.
Warnung vor Stigmatisierung
Im Zuge des Programms „Soziale Stadt“ habe Stade in den Jahren 2000 bis 2023 rund 17 Millionen Euro investieren können, um die Wohn- und Lebensbedingungen zu verbessern. Dadurch seien im Altländer Viertel „nachhaltige Verbesserungen“ erreicht worden, dieses entwickele sich zu „einem bunten und lebendigen Stadtteil“, heißt es bei der Hansestadt Stade. Stadtsprecher Voigt warnt vor einer Stigmatisierung des Altländer Viertels.

Neue Mehrfamilienbauten sollen - wie bereits die Einfamilienhaussiedlung - die Wohnverhältnisse verbessern. Foto: Vasel
Noch in diesem Jahr werde ein Familienzentrum für Begegnung, Bildung und Beratung eröffnet. Die Stadt sei nicht untätig. Er verweist auf Quartiersmanagement, Neubauten sowie Jugendhaus und Bauspielplatz mit drei Sozialarbeitern.
Sicherheitspartnerschaft
Ein kurzer Blick ins Niedersächsische Wohnraumschutzgesetz zeigt: Bei Missständen, Verwahrlosung und Überbelegung haben Kommunen längst durchaus Handlungsmöglichkeiten. Pflichtverstöße können mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro geahndet werden.
Städtische Mitarbeiter könnten sich auch in Stade in den Wohnungen umschauen - sogar gegen den Willen der Bewohner oder der Eigentümer. Das Bauministerium empfiehlt die Lektüre einer achtseitigen Anwendungshilfe für Städte und Gemeinden.
Im Rathaus steht nächstes Treffen an
„Wir müssen den Bürgern zeigen, dass wir die Missstände ernst nehmen und uns kümmern“, sagte die stellvertretende ehrenamtliche Bürgermeisterin Melanie Reinecke (CDU). Deshalb werde es am kommenden Donnerstag ein zweites Treffen geben.
Polizeipräsidentin Kathrin Schuol und Landrat Kai Seefried werden im Rathaus mit Stadtrat Carsten Brokelmann am Tisch sitzen. Eine „Sicherheitspartnerschaft“ soll auf den Weg gebracht werden, die Präsenz der Bereitschaftspolizei könnte verlängert werden. Behörden sollen ihre Kräfte bündeln und gemeinsam vorgehen.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.