TBuxtehuder Bulle: So wird Gewinnerin Maja Nielsen gefeiert
Gewichtige Auszeichnung: Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt übergibt den Buxtehuder Bullen an die diesjährige Gewinner-Autorin des städtischen Jugendliteraturpreises. Foto: Jan Iso Jürgens
Die Verleihung des Buxtehuder Bullen ist in der Stadt immer ein großes Ereignis. Bereits am Morgen wird es emotional. Unterwegs mit Preisträgerin Maja Nielsen.
Buxtehude. Viel Zeit zum Durchschnaufen bleibt der diesjährigen Gewinnerin des Buxtehuder Bullen am Morgen nach ihrer Ankunft nicht. Den Tag zuvor stand Maja Nielsen mit ihrem ausgezeichneten Roman „Der Tunnelbauer“ noch andernorts auf der Lesebühne. In Buxtehude geht es gleich munter weiter.
Die Bullen-Preisträgerin ist gleich morgens gefragt
Den Trubel nimmt die Autorin mit bester Laune. „Die Bahn war pünktlich und wir hatten ein grandioses Frühstück. Besser geht es nicht“, erzählt die Gewinnerin des mit 5000 Euro dotierten Jugendliteraturpreises bei ihrer Auftaktlesung am Gymnasium Süd. Dann strömen schon die Schüler und Lehrkräfte der 10. und 11. Klassen samt Direktor Sven Heinecken in die Aula, denen sie fröhlich entgegenblickt.

Lehrer Ronny Wittig findet es toll, dass Maja Nielsen und Joachim Neumann die Geschichte für die Jugendlichen lebendig machen und lässt sein Buch-Exemplar gleich signieren. Foto: Weselmann
Ronny Wittig geht gleich ans Lesepult, um sein Buch-Exemplar signieren zu lassen. „Ich finde es toll, wenn die Geschichte auf so eine Weise erlebbar gemacht wird. Zumal es nur wenig Möglichkeiten gibt, einem solchen Zeitzeugen zu begegnen“, sagt der Lehrer für Geschichte und Deutsch. Denn wie bei der Gewinner-Bekanntgabe versprochen, ist Maja Nielsen nicht allein angereist.
An ihrer Seite hat sie den 85-jährigen Joachim Neumann, dessen wahre Geschichte sie zu einem spannenden Jugendroman geformt hat. Das prämierte Buch entführt in das Berlin der 1960er Jahre - kurz nach dem Mauerbau. Es verarbeitet die Erlebnisse eben jenes Zeitzeugen Joachim Neumann und seiner Studienfreunde, die mit Mut und kräftezehrendem körperlichen Einsatz zwischen 1961 und 1964 durch ihre Tunnelbauten unter der Berliner Mauer zahlreichen Menschen zur Flucht in den Westen verhalfen.
Maja Nielsen hat ihren Tunnelbauer an der Seite
Maja Nielsen und ihr Tunnelbauer sind ein eingespieltes Team. „Die Chemie stimmte von Anfang an“, sagt die 61-jährige Preisträgerin. Sonst wäre dieses Buch gar nicht möglich gewesen. Seit dessen Erscheinen haben die beiden nun schon mehr als 100 Lesungen zusammen bestritten. Bis an Schulen in Madrid und Kairo sind sie gereist, und nächstes Jahr geht es nach China. „Das hat sich fast zu einem Fulltime-Job entwickelt“, erklärt der pensionierte Ingenieur mit einem Lachen.

Gespräch mit Tunnelbauer Joachim Neumann: Wie versprochen ist Autorin Maja Nielsen mit dem Protagonisten ihrer Geschichte angereist. Foto: Weselmann
In einem Wechsel zwischen Romantext und persönlicher Erzählung ziehen die zwei ihr Publikum in die Geschichte. Dabei legen die einstige Schauspielerin und ihr Zeitzeuge solch Verve an den Tag, dass kein Raum für Getuschel und Ablenkung bleibt. Vom ersten Moment an sind alle gepackt.
Auch Joachim Neumann lauscht seiner eigenen Geschichte. Obwohl die Lesungen inzwischen Routine sind, ergreift ihn manche Stelle genauso wie die anderen Zuhörer. Wie beim ersten Lesen des Manuskripts, muss er noch heute manchmal die Augen wischen.
Die Buxtehuder Schüler sind gepackt von der Zeitreise
Zwei Schulstunden dauert die emotionale Zeitreise. „Das war sehr mitreißend. Wir waren gerade auf Klassenfahrt in Berlin. Da ist es spannend, einen Zeitzeugen zu hören, der so aktiv dabei war“, so Aurélie Lühmann. Bei ihr und den anderen Jugendlichen drängt am Ende noch manche Frage. Wie genau die Tunnelstrecke geplant wurde, wer die Fluchtwege verraten hat oder wie die Tunnelbauer zusammengefunden haben.
Maja Nielsen und Joachim Neumann freuen sich über das große Interesse. „Es zeigt, dass die Jugendlichen ein hohes politisches Bewusstsein haben, und das brauchen wir in Zeiten wie diesen“, sagt Nielsen. Dafür spreche auch das Votum der aus elf Jugendlichen und elf Erwachsenen bestehenden Jury. Die hatte sich eindeutig für die deutsch-deutsche Geschichte ausgesprochen und das Buch generationsübergreifend auf Platz eins gewählt.
Für das Gäste-Duo geht es durch die Altstadt
„Der Preis ist eine große Wertschätzung für die Arbeit, die wir zusammen geleistet haben. Ich fühle mich unglaublich geehrt, und Buxtehude ist gerade im Mittelpunkt meiner kleinen Welt“, versichert sie. Dabei tut die Stadt alles, um diesen Mittelpunkt mit Leben zu füllen.

Rundgang mit Stadtführerin Ingrid Jochim: Vor der Preisverleihung bekommen Bullen-Gewinnerin Maja Nielsen und Tunnelbauer Joachim Neumann Buxtehudes schönste Orte gezeigt. Foto: Weselmann
Nach dem Mittagessen im Historischen Rathaus wird das besondere Gäste-Duo von Stadtführerin Ingrid Jochim abgeholt. Im Schlendergang geht es über die Breite Straße ans Fleth und vom Marschtorzwinger über die Fischerstraße bis zum St.-Petri-Platz. „Toll, dass wir jetzt noch eine Stadtführung geschenkt bekommen“, zeigt sich die im Taunus lebende Schriftstellerin begeistert.
Neuer Moderator würzt die Preisverleihung mit Humor
Gekrönt wird ihr erster Tag dann von der feierlichen Preisverleihung. Die ist tatsächlich gleich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Und das, obwohl schon viele Bullen-Gewinner auf der Halepaghen-Bühne gefeiert wurden.
Dass eine Preisträgerin den Protagonisten ihrer Geschichte mitbringt, hat es noch nie beim Buxtehuder Bullen gegeben. Das ist aber nicht die einzige Premiere. Poetry-Slammer, Autor und Musiker David Friedrich führt erstmals durch die Veranstaltung und bringt eine ganz neue Stimmung auf die Bühne.

David Friedrich (links) führte nicht nur auf humorvolle Weise durch die Preisverleihung, in der berührenden Inszenierung von Schlüsselmomenten der Tunnelbauer-Geschichte schlüpfte er in die Rolle des Grenzsoldaten. Foto: Jan-Iso Jürgens
Er setzt dem ernsten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte eine solch humorvolle Moderation entgegen, dass der volle Saal sich zu einer Menge aus purer Begeisterung verwandelt. Für einen liebevoll gestalteten Rahmen sorgen außerdem Julian Lebender und Vincent van der Klugt als Jules Atlas mit ihrer Musik sowie die Studierenden der Freien Schauspielschule aus Hamburg mit ihrer berührenden Inszenierung von ausgewählten Schlüsselszenen des Romans.
Buxtehude feiert Maja Nielsen mit Standing Ovations
Für die Mitwirkenden des Abends und Maja Nielsens Werk gibt es immer wieder anhaltenden Applaus. „Sie sind uns allen ein Vorbild“, so Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt bei der Preisverleihung. „Den Grundtenor Ihres Buches, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen, empfinde ich als eine Aufforderung für uns alle - heute mehr denn je.“
Laudatorin Stefanie Ericke-Keidtel sieht das ganz ähnlich. Die Leiterin des Berliner Jungen Literaturhauses nannte das Buch „eine hochinformative und anschauliche Geschichtsstunde, die spannender nicht sein könnte“. Sie lobt den vielfältigen Einsatz der Autorin: „Fast jedes Buchprojekt löst bei ihr ein nachhaltiges solidarisches Wirken aus.“ Nielsen handle ein Thema nicht nur literarisch ab, sondern engagiere sich gleichermaßen für die Themen ihrer Werke. In ihrer Dankesrede macht Preisträgerin Maja Nielsen deutlich, was sie mit der Geschichte auf den Weg geben möchte: „Es gibt immer etwas, das man tun kann, um Bedingungen zum Besseren zu wenden.“
Beim Überreichen der zwölf Kilogramm schweren Stahlplastik reißt es das Publikum schließlich von den Sitzen. Für Maja Nielsen und Joachim Neumann, den die Autorin mit auf die Bühne holt, gibt es Standing Ovations. Beifall, Jubel und Begeisterungspfiffe wollen gar nicht aufhören. Da ist es kein Wunder, dass die Veranstaltung damit noch nicht vorbei ist. Die Schlange zum Signieren geht durchs ganze Foyer.

Preisträgerin Maja Nielsen holt bei der Preisverleihung selbstverständlich auch ihren Tunnelbauer Joachim Neumann auf die Bühne. Foto: Jan Iso Jürgens
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